„Hilft mir, Oma zu verstehen“: Japans Schüler bekommen Demenz-Unterricht

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Als Naomi Saeki ein paar entscheidende Zahlen an die Tafel geschrieben hat, hält die Lehrerin eine bunte Broschüre in die Luft und erklärt: „Seit dem Jahr 2025 wurden die Themen Pflege und Demenz ein Riesenproblem.“ Warum? „Weil die meisten Babyboomer in dem Jahr 75 Jahre wurden. Und im Alter von 75 erhöht sich statistisch gesehen das Risiko, an Demenz zu erkranken. An die 15 Prozent der Bevölkerung sind jetzt 75 Jahre oder älter!“

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Die knapp zehn Schülerinnen und Schüler verschiedenen Alters hören aufmerksam zu – sie sind ja auch freiwillig hier, an der Oberschule Haijima im Westen Tokios. Genauso wie ihre heutige Lehrerin Naomi Saeki, eine ältere Dame, die ehrenamtlich Kurse über Demenz gibt – und dies seit zehn Jahren. Saeki bildet den Nachwuchs aus in Sachen Umgang mit Demenz. Denn dies, betont Saeki, betreffe längst die gesamte Gesellschaft. Und schon grundsätzliches Wissen über die Krankheit helfe allen, betont die Lehrerin.

Freiwillige Demenz-Kurse sollen schon Jugendliche sensibilisieren

„Wir vom Verein Caravan tun eigentlich gar nichts Besonderes“, ruft Saeki mit weicher Stimme in den Klassenraum. „Das ist wichtig, dass ihr das alle versteht! Das heißt, auch ihr müsst eigentlich gar nichts Besonderes tun!“ Nach dem heutigen Kurs würden alle Teilnehmenden ein orangefarbenes Armband erhalten, wie es auch die Lehrerin um ihr Handgelenk trage. „Damit wissen im Alltag alle: Ihr seid Personen, die wissen, was Demenz ist, und Betroffenen helfen können!“ Eifriges Nicken. Einige machen Notizen.

Schätzungsweise viereinhalb Millionen Menschen leben in Japan mit Demenz. Im Trend der alternden Bevölkerung werden es Jahr für Jahr mehr. Der Umgang damit ist eine Aufgabe für alle im Land, betont Naomi Saeki einmal mehr, ehe sie ein Lehrvideo einschaltet: Es zeigt eine ältere Frau beim Spazierengehen mit ihrer Enkelin, die sie allerdings verwechselt. Die Enkelin lässt sich nichts anmerken, spielt mit, und alle sind zufrieden – die Großmutter, weil sie ihren Fehler nicht bemerkt, die Enkelin, weil Oma gut drauf ist.

Naomi Saeki erklärt: „Was ich an diesem Video toll finde, ist die Zuneigung füreinander. Die demente Oma wird nicht dafür gemaßregelt, dass ihr Gehirn nicht mehr gut funktioniert.“ Ihr soziales Umfeld trage Sorge dafür, dass auch sie sich wohlfühlt. „Das sollte uns ein Vorbild sein!“

Demenz-Kurse in Japan: Bislang mehr als 17 Millionen Teilnehmende

In der Tat ist dieser Ansatz zumindest in Japan seit Kurzem in Gestalt einer Zielvorstellung in einen Gesetzestext geschrieben. Im Jahr 2023 beschloss Japan einen nationalen Demenzplan, der das Thema Inklusion ins Zentrum stellt: Demenzerkrankte sollen am Leben teilhaben. Damit einher geht der Versuch, Menschen durch ambulante Pflege möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden leben zu lassen, damit auf diese Weise einerseits Geld gespart wird, andererseits ein Großteil der Bevölkerung länger aktiv und fit gehalten werden kann. Hierfür braucht es allerdings auch Sensibilisierung.

Demenz-Präventions-Kurse

Naomi Saeki setzt sich ehrenamtlich für die Aufklärung zum Thema Demenz ein.© Deby Sucha | Deby Sucha

Die wiederum wäre ohne NGOs wie Caravan, für die sich Naomi Saeki engagiert, nicht denkbar. An einem anderen Tag erklärt Hiroko Sugawara, Vorsitzende von Caravan, am Rande einer Demenztagung im Zentrum Tokios: „Seit Jahren machen wir im ganzen Land Trainingskurse, die immer 90 Minuten dauern.“ Damit seien bis jetzt um die 17 Millionen Menschen erreicht worden. Mehr als ein Zehntel der Bevölkerung ist demnach – in Grundzügen – rund ums Thema Demenz ausgebildet worden. Tendenz steigend.

Jede Woche laufen irgendwo Kurse wie jener an der Haijima-Oberschule. „Die Kurse machen wir nicht nur in Schulen, sondern auch in Unternehmen und bei Verbänden. Wir erklären darin, was Demenz ist, wie sie sich äußert, und wie man sich gegenüber dementen Personen verhalten sollte.“ Über die vergangenen rund 20 Jahre sei der Inhalt der Kurse auch durch Input von Expertinnen verfeinert worden.

Japan als Vorbild: Kurse sollen „Berührungsängste“ abbauen

So sieht Vincent Lesch, Japanologe und Bildungsexperte an der Uni Heidelberg, der in einem internationalen Forschungsverbund zu Demenz forscht, Japan als Vorbild: „Weil Demenz in der Schule nicht nur als Krankheit erklärt wird.“ Der neue nationale Demenzplan fordert ausdrücklich Begegnungen mit Menschen mit Demenz. „Kinder sollen halt verstehen, dass eine Diagnose nicht gleich bedeutet, dass der Mensch nichts mehr kann oder der Gesellschaft nur noch zur Last fällt.“

Und es gebe durchaus Hinweise, dass solche Programme und Kurse auch schon im Bildungssystem zumindest kurzfristig wirken, so Lesch: „Kinder und Jugendliche haben danach oft weniger Berührungsängste und trauen sich eher, beispielsweise einen Menschen anzusprechen, der Hilfe benötigen könnte.“ Allerdings sei die Studienlage hierzu begrenzt, meistens würden Messungen oder Befragungen direkt nach dem Unterricht erfolgen, wenn das Wissen rund ums Thema noch eher hoch ist.

Demenz-Präventions-Kurse

Die Schülerinnen und Schüler im Demenz-Kurs machen eifrig Notizen.© Deby Sucha | Deby Sucha

Kursabsolventen berichten: „Hilft mir dabei, zu verstehen“

Am Ende des 90-minütigen Kurses wirken die Teilnehmenden immerhin zufrieden. Eine von ihnen, die 18-jährige Saki Sugimoto, sagt: „Ich hab’ den Kurs jetzt zum zweiten Mal besucht, letztes Jahr gab es den an unserer Schule auch schon.“ Ihr Großvater hatte Demenz, und es könne ja sein, dass ihre Großmutter es auch noch kriege. Deshalb sei sie noch mal gekommen. „Der Kurs hilft mir dabei zu verstehen, dass man nicht sauer werden sollte, wenn jemand vergesslich wird.“

Etwas Ähnliches sagt der 16-jährige Sora Kumakiri: „Meine Oma hat Demenz, und mir fällt es schwer, damit umzugehen. Sie vergisst meinen Namen schon. Das fühlt sich für mich oft respektlos an.“ Nach dem Kurs, sagt der Schüler, verstehe er besser, dass Wut niemandem helfe. Wenn seine Oma mal wieder nicht weiß, wie er heiße, werde er das Thema einfach umkurven. Und über etwas anderes reden, damit sie beide die gemeinsame Zeit genießen können.