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Im American Football ist der „Hail Mary“-Pass der Moment, in dem die Zeit davonläuft und ein normaler Spielzug nicht mehr reicht, um das Spiel zu drehen: Der Quarterback wirft den Ball mit maximalem Risiko weit in die Endzone und hofft, dass dort einer seiner Fänger zugreift. Genau so wirkt die erste nationale „Midterm“-Convention, zu der die US-Republikaner am 9. und 10. September gut 30.000 Gäste nach Dallas einladen. Ein politischer Verzweiflungswurf mit Fernsehen, Flutlicht, Fahnen und sehr viel Donald Trump.

Der Präsident liebt solche Bühnen. Dort ist die Welt aller Wahrscheinlichkeit nach so, wie er sie am liebsten sieht: rote Maga-Kappen, Applaus und ein Publikum, das nicht hinterfragt, ob die ersten 20 Monate seiner Präsidentschaft nicht doch eher Flop als Top gewesen sein könnten.
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Trump spricht von historischem Parteitag
Im American Airlines Center bekommt er nun eine Bühne, die es bei den Republikanern so noch nicht gab: keinen Nominierungsparteitag, wie er alle vier Jahre in Präsidentschaftswahlzyklen stattfindet, sondern eine zweitägige Leistungsschau mit über 100 Rednerinnen und Rednern knapp acht Wochen vor den Kongresswahlen am 3. November, die ihm im Falle einer republikanischen Erdrutsch-Niederlage ein politisches Schleudertrauma bescheren könnten. Trump nennt das Unternehmen (Kostenpunkt: über 40 Millionen Dollar) „historisch“. Parteichef Joe Gruters hat schon den passenderen Namen geliefert: „Trumpapalooza“; in Anlehnung an das von Trump-Gegner Perry Farrell aus der Taufe gehobene Musikfestival Lollapalooza.

Republikaner-Parteitag 2024 in Milwaukee: Midterms sind für die Partei des Präsidenten fast immer unangenehm.© AFP | PEDRO UGARTE
Gefeiert werden sollen die Errungenschaften der zweiten Trump-Präsidentschaft: Steuersenkungen, Grenzsicherung, Steuerfreiheit von Überstunden, Medikamentenpreise, die Kinder-Konten und vieles mehr. Vor allem aber soll Dallas etwas erzeugen, das Republikaner im Spätsommer 2026 dringend brauchen: Wind unter den Flügeln.
Der Hail-Mary-Pass hat einen Grund. „Midterms” sind für die Partei des Präsidenten fast immer unangenehm. Dieses Mal ist das Problem noch gewaltiger. Trumps Republikaner verteidigen knappe Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses, während der Präsident in den Umfragen bei frostigen Tieftemperaturen von nur noch unter 35 Prozent Zustimmung dümpelt; quer durch alle Wählerschichten. Nur in drei von 50 Bundesstaaten (Wyoming, Idaho und West Virginia) hält man noch Stücke auf ihn. Aber unter registrierten Wählern lagen die Demokraten beim landesweiten Kongress-Stimmzettel fünf Punkte vorn.
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Inflation: Trump hat seine Versprechen nicht eingelöst
Noch unangenehmer für eine Partei, die sich gern als Garant wirtschaftlicher Vernunft verkauft: Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren trauten in derselben Erhebung mehr Amerikaner den Demokraten als den Republikanern den besseren Umgang mit der Wirtschaft zu. Besonders unter parteiunabhängigen Wählern, die enge Rennen entscheiden, hat die „Grand Old Party" (GOP) massiv an Boden verloren.
Der Grund liegt weniger in Washingtoner Ideologie als im Supermarkt, an der Tankstelle und auf der Kreditkartenabrechnung. Trump war 2024 vor allem ins Weiße Haus zurückgekehrt, weil er versprach, nach Joe Biden die Lebenshaltungskosten zu drücken. Viele Amerikaner empfinden ihre Lage aber heute als noch schlechter. In einer aktuellen Umfrage der „Financial Times“ sagten 53 Prozent, sie stünden finanziell schlechter da als zu Beginn seiner zweiten Amtszeit; unter Unabhängigen waren es 57 Prozent. Fast zwei Drittel missbilligten Trumps Anti-Inflations-Politik. Dallas gilt daher parteiintern als „Rettungsmission“, als letzte große Möglichkeit, den Wahlkampf neu zu starten.
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Iran-Krieg wird zum Dauerproblem
Da darf nichts stören. Darum wird der Iran-Krieg, der binnen Tagen entschieden sein sollte und nun ein sechs Monate währendes Dauerproblem geworden ist, dramaturgisch komplett ausgeblendet. Der Krieg hat Energiepreise hochgetrieben und ein Kernversprechen beschädigt: Amerika aus kostspieligen ausländischen Kriegen herauszuhalten. Fast 70 Prozent der Amerikaner halten den Einsatz inzwischen für einen schweren Fehler. Selbst unter Republikanern ist die Zustimmung brüchiger geworden.
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Diese Wirklichkeit soll Dallas 48 Stunden lang zukleistern. Am Vorabend von 9/11 wird ausgiebig der Terroranschläge vom 11. September 2001 gedacht. Charlie Kirk, der 2025 ermordete Maga-Aktivist, bekommt ebenfalls eine Extra-Würdigung. Die Regie um Parteichef Gruters plant kurze, Social-Media-taugliche und fernsehgerechte Momente mit Influencern, Entertainern und Kampfsportlern.
Neben Trump, der die Abschlussrede halten wird, sind auch Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio eingetaktet. Als sinnstiftendes Element ist ein „Sozialismus-Telethon“ vorgesehen. Die Republikaner haben monatelang Videomaterial über linke Demokraten und Aktivisten gesammelt, das in Dallas immer wieder eingespielt werden soll. Die Texaner verkaufen hochpreisige Eintrittspakete, über die viele Abgeordnete bereits grummeln. Für 20.000 Dollar erhält ein Delegierter unter anderem Hotel, Sitzplatz und Texas-Hemd plus Cowboyhut.
Je triumphaler die Darstellung, desto leichter fällt der Realitätscheck
Völlig verrückt ist die Idee nicht. Wie kein anderer kann Trump seine Anhänger mobilisieren/radikalisieren. Die Show könnte Wähler wecken, die bei Präsidentschaftswahlen erscheinen, „Midterms“ aber geflissentlich auslassen. Nicht ohne Grund hat Mike Johnson, der Sprecher des Repräsentantenhauses, angekündigt, Trump werde in Dallas direkt in die Kamera sagen: „I am on the ballot“ – „Ich stehe am 3. November auf dem Stimmzettel.“ Was nicht stimmt. Johnsons Argument: Nicht Trumps Name, aber seine Administration, sein Vermächtnis und die America-First-Agenda stünden zur Wahl.
Das ist der Zweck des langen Passes: das Spielfeld mit einem einzigen Wurf zu überspringen. Aber hier liegt das Risiko. Ein Parteitag ist eine Mega-Vergrößerungsmaschine. Alles, was funktioniert, wirkt größer – jeder Widerspruch, jede Panne, jede Peinlichkeit aber auch. Und Texas selbst macht den Spielzug noch riskanter. Seit 1988 hat dort kein Demokrat mehr eine Wahl zum US-Senat gewonnen.
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Nun liefert sich der junge Demokrat James Talarico mit dem von Trump unterstützten Ken Paxton, einem Ehebrecher und von anderen Skandalen umgebenen Filou, ein Rennen, bei dem Fox News Talarico zuletzt mit 51 zu 48 Prozent vorn sah.

Demokraten-Hoffnung James Talarico. © Getty Images via AFP | Brandon Bell
Trump: Seine Bilanz überzeugt immer weniger Wähler
Für Trump ist das ein vertrautes Spiel mit maximalem Einsatz. Er setzt darauf, dass Lautstärke Zweifel verdrängt, Loyalität schlechte Umfragen überblendet und Showkraft seine Partei über die Ziellinie ziehen kann.
Nur endet nicht jeder Verzweiflungspass in den Händen des eigenen Teams. Manchmal fällt der Ball zu Boden. Manchmal fängt ihn der Gegner. Nicht nur darin liegt das Wagnis von „Trumpapalooza“. Zeitgleich startet die Football-Liga NFL mit den Partien Patriots–Seahawks und 49ers–Rams in die neue Saison. Beim letzten Auftakt sahen 29 Millionen Fernsehzuschauer zu. Ein Präsident, dessen Bilanz immer weniger Wähler überzeugt, könnte mit seinem TV-Spektakel auf verlorenem Posten stehen.