„Ich bin sehr besorgt“: Netanjahu reagiert auf Umfragen vor der Schicksalswahl
Stand: 21.10.2026, 14:04 Uhr
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Vor Israels Parlamentswahl zeichnet sich ein enges Rennen ab: Gadi Eisenkot liegt vor Benjamin Netanjahu. Für den Premier geht es ums politische Überleben.
Tel Aviv – In wenigen Tagen wählen die Menschen in Israel ein neues Parlament. Für Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der sich bereits länger an der Macht hält als alle seine Vorgänger, könnte die Abstimmung zu einer Schicksalswahl werden. „Die Umfragen zeigen ein Patt – ich bin besorgt“, sagte er vor wenigen Tagen. Doch nicht nur der Premier steht unter Druck: Für viele Bürgerinnen und Bürger geht es bei der Abstimmung um nicht weniger als um die Zukunft des Landes – geprägt von der Frage, ob eine liberale Demokratie künftig noch Bestand haben kann.
Wahl in Israel: Politische Hypothek nach dem 7. Oktober und Kopf-an-Kopf-Rennen in den Umfragen
Netanjahu kämpft bei der Wahl um sein politisches Überleben. In seiner langen Karriere hat er sich immer wieder aus scheinbar aussichtslosen Lagen befreit. Doch dieses Mal lastet vordergründig das Versagen am 7. Oktober 2023 schwer auf ihm. Nach wie vor weist er eine persönliche Verantwortung für das Massaker zurück, ist aber der einzige der damals führenden Entscheidungsträger, der noch immer im Amt ist. Im Wahlkampf setzt er stattdessen auf die militärischen Erfolge, die er für sich im Kampf gegen den Iran und dessen Verbündete Hamas und Hisbollah reklamiert.
Wenige Tage vor dem Urnengang zeichnen die vier neuesten Umfragen zur Knesset-Wahl ein nahezu identisches Bild: Gadi Eisenkot und seine Yashar-Partei führen vor dem Likud. Laut Umfragedurchschnitt kommt die zionistische Opposition auf rechnerisch 51,3 Sitze – verglichen mit 51 Sitzen für das Lager von Premierminister Netanjahu, wie die Jerusalem Post berichtet.
Netanjahus Korruptionsprozess und der Streit um die Justiz
Parallel zu den Wahlen und den militärischen Konflikten steht Benjamin Netanjahu seit Mai 2020 vor dem Bezirksgericht in Jerusalem. Es ist das erste Mal in der Geschichte Israels, dass sich ein amtierender Regierungschef in einem Strafverfahren verantworten muss. Die Staatsanwaltschaft wirft Netanjahu in drei separaten Verfahrenskomplexen Bestechlichkeit, Betrug und Untreue vor. Im Falle einer Verurteilung wegen Bestechlichkeit drohen Netanjahu bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe, bei Betrug und Untreue jeweils bis zu drei Jahre. Nach israelischem Recht ist ein Regierungschef erst nach einem rechtskräftigen Urteil zum Rücktritt gezwungen. Netanjahu bestreitet alle Vorwürfe und spricht von einer politisch motivierten „Hexenjagd“ der Strafverfolgungsbehörden. Seine Anwälte beantragten wiederholt Verschiebungen und Fristverlängerungen unter Verweis auf die Sicherheitslage. Ein 111 Seiten starkes Gnadengesuch an Staatspräsident Izchak Herzog zielte auf eine vorzeitige Beendigung des Prozesses ohne Schuldeingeständnis ab.
Eine Umfrage von Channel 11 vom 18. Oktober sieht Yashar bei 23 Prozent der Stimmen und den Likud bei 21 Prozent. Bei Channel 12 fiel das Ergebnis am 19. Oktober mit 24 zu 21 Prozent zugunsten von Yashar ähnlich aus. Andere Erhebungen zeichnen ein vergleichbares Bild: Eisenkot hält einen leichten Vorsprung im Rennen um die stärkste Kraft, während die Kluft zwischen den politischen Lagern wächst. Zugleich zeichnet sich eine Wahl in Israel ab, bei der Parteien nahe der Sperrklausel die Sitzverteilung in der Knesset entscheidend verändern könnten.
Bei Israel-Wahl: Schwierige Mehrheitsfindung für Herausforderer Eisenkot
Der ehemalige Generalstabschef Eisenkot gilt als wichtigster Herausforderer Netanjahus. Doch selbst ein Wahlerfolg würde ihm nicht automatisch das Amt des Regierungschefs sichern, da sein Lager aktuell keine eigene Mehrheit erreicht. Eisenkot wäre daher auf die Unterstützung arabischer Parteien angewiesen – entweder als Koalitionspartner oder durch die Duldung einer Minderheitsregierung. Dazu sind allerdings nicht alle Parteien des Oppositionslagers bereit.
Falls eine Regierungsbildung scheitert, könnte Netanjahu zunächst an der Spitze einer Übergangsregierung im Amt bleiben. Sollte er die Macht hingegen verlieren, käme dies auch dem Ende des umstrittenen Justizumbaus gleich, erklärte Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold laut dpa: „Die Bedrohung für die liberale Demokratie in Israel wäre abgewendet.“ Zudem würde der gefährliche Abwärtstrend beim internationalen Ansehen gebremst. Sollte Netanjahu jedoch mit derselben, in Teilen rechtsextremen Koalition an der Macht bleiben, sei mit dem Gegenteil zu rechnen. (Quellen: Jerusalem Post, Times of Israel, Haaretz, dpa, AFP) (fbu)