Mahnwache in Untersiggenthal: SP fordert mehr Opferschutz

Publiziert27. Juli 2026, 20:45

Untersiggenthal AG«Ich schäme mich für meine Mitmänner» – Mahnwache bewegt Hunderte

An einer Mahnwache im Missbrauchsfall des ehemaligen Grossrats, organisiert durch die SP Kanton Aargau, haben sich Hunderte versammelt, um ihre Solidarität mit den Opfern zum Ausdruck zu bringen und mehr Opferschutz zu fordern.

Lisa Arnold

Darum gehts

  • In Untersiggenthal haben sich Hunderte zu einer SP-Mahnwache versammelt, um Solidarität mit den Opfern im Fall des ehemaligen SVP-Grossrats Patrick Frei (57) zu zeigen.
  • Frei soll seine ehemalige Partnerin Iwona L., deren minderjährige Tochter Paula L. und eine weitere Frau wiederholt sexuell missbraucht haben.
  • Betroffene, Politikerinnen und Vereine fordern mehr Opferschutz und eine transparente Aufarbeitung durch die Behörden.

Am Montagabend versammeln sich Frauen, Männer, Familien samt Kindern und Hunden auf dem Dorfplatz in Untersiggenthal – der Wohngemeinde des ehemaligen SVP-Grossrats Patrick Frei (57). Im Rahmen einer bewilligten Mahnwache der SP Kanton Aargau bekunden sie ihre Solidarität mit den Betroffenen im Fall Frei. Der 57-Jährige soll seine ehemalige Partnerin Iwona L., deren minderjährige Tochter Paula L., und eine weitere erwachsene Frau wiederholt sexuell missbraucht haben.

Zahlreiche Personen sind zur Mahnwache auf dem Dorfplatz in Untersiggenthal erschienen, um ihre Solidarität mit den Opfern zum Ausdruck zu bringen.

Zahlreiche Personen sind zur Mahnwache auf dem Dorfplatz in Untersiggenthal erschienen, um ihre Solidarität mit den Opfern zum Ausdruck zu bringen.20min/Lisa Arnold

«Wir sind hier, um unsere Solidarität zu zeigen. Die Scham muss die Seite wechseln», beginnt Damaris von Arx der SP Frauen Aargau ihre Rede und somit auch die offizielle Mahnwache. Sie fügt hinzu: «Wir stehen an der Seite jeder Frau, die missbraucht und der nicht geglaubt wurde.» Neben einer nationalen Durchsetzung des Opferschutzes fordert die SP, dass Betroffene in erster Linie als Betroffene behandelt werden und nicht als Verwaltungsfälle.

«Ich schäme mich für meine Mitmänner»

Ebenfalls vor Ort sind die mutmasslichen Opfer, Iwona L. und Paula L. Unter unterstützendem Applaus macht sich Iwona auf den Weg ans Rednerpodest: «Ich will Frauen in ähnlichen Situationen helfen, indem ich meine eigene Erfahrung nutze.» Nach ihrer kurzen, aber emotionalen Rede kündigt sie an, dass sie einen Yotube-Kanal starten werde, um betroffenen Frauen Hilfe zu leisten.

Zu Beginn der Mahnwache spricht die Betroffene Iwona L. in einer kurzen, aber emotionalen Rede.

Zu Beginn der Mahnwache spricht die Betroffene Iwona L. in einer kurzen, aber emotionalen Rede.20min/Lisa Arnold

«Es ist nicht einfach, hier zu stehen als Mann», beginnt im Anschluss Martin Bachmann, Paartherapeut und Sexologe, seine Rede. Als er vergangene Woche die Schlagzeilen gelesen habe, sei er «erschrocken» und «entsetzt» gewesen. «Ich schäme mich für meine Mitmänner», sagt Bachmann. Er ruft dazu auf, dass die Gesellschaft Geschlechterstereotypen überdenkt.

Zahlreiche Plakate fordern die Gesellschaft dazu auf, hin- anstatt wegzuschauen.

Zahlreiche Plakate fordern die Gesellschaft dazu auf, hin- anstatt wegzuschauen.20min/Lisa Arnold

Das Schlusswort übernimmt Mia Jenni, Aargauer SP-Grossrätin. Als sie von den Missbrauchsfällen erfahren habe, sei ihr schlecht geworden – als sie aber über das «Versagen der Behörden» im Nachgang der Missbrauchsfälle gelesen habe, habe sie Wuttränen geweint. Sie verlangt mehr Opferschutz. Jenni sagt: «Die Unfassbarkeit geht durch Mark und Bein, sie ist für uns als Gesellschaft nicht fassbar. Die Scham muss die Seite wechseln.»

«Es ist wichtig, dass wir hinschauen und nicht wegschauen»

Auch diese Gruppe aus der Region fordert mehr Opferschutz. «Es braucht mehr Präventionsmassnahmen, damit es nicht so weit kommen muss, wie es in diesem Fall leider kam», sagt die Gruppe gegenüber 20 Minuten. Eine Frau aus der Gruppe fügt hinzu: «Ich bin heute hier, weil es wichtig ist, dass wir als Gesellschaft in solchen Fällen hin- und nicht wegschauen.»

Mit Plakaten zeigt diese Gruppe aus der Region ihre Solidarität.

Mit Plakaten zeigt diese Gruppe aus der Region ihre Solidarität.20min/Lisa Arnold

«Systematische Gewalt zielt besonders auf Frauen mit Migrationshintergrund ab»

Auch mit Schildern und Solidaritätsparolen ausgestattet ist Nivine. Auch sie betont, dass es sich nicht um einen Einzelfall handle: «Diese systematische Gewalt hat es schon viel zu lange gegeben und sie zielt insbesondere auf Frauen ab – insbesondere auf Frauen mit Migrationshintergrund.» Es sei von grosser Wichtigkeit, besonders laut über solche Themen zu reden und sie nicht stillzuschweigen.

Nivine ist mit den selbstgemachten Schildern an der Mahnwache in Untersiggenthal.

Nivine ist mit den selbstgemachten Schildern an der Mahnwache in Untersiggenthal.20min/Lisa Arnold

Eine 27-Jährige aus der Region erzählt, wie schön es sei, zu sehen, wie viele Leute für die Mahnwache nach Untersiggenthal gekommen sind – sowohl von nah als auch von fern. «Ich habe mich dazu entschieden, heute hierherzukommen, um ein Zeichen zu setzen und um von den Behörden Handeln bezüglich Opferschutz zu fordern», erzählt sie.

Um ihre Solidarität zu zeigen, ist eine 27-Jährige aus der Region heute zusammen mit Freunden an die Mahnwache gekommen.

Um ihre Solidarität zu zeigen, ist eine 27-Jährige aus der Region heute zusammen mit Freunden an die Mahnwache gekommen.20min/Lisa Arnold

Für Patrick Frei gilt die Unschuldsvermutung.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Lisa Arnold

Lisa Arnold (lia) arbeitet seit März 2026 bei 20 Minuten als Praktikantin im Ressort Zürich.