Stand: 28.07.2026, 22:14 Uhr
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„Kinetische Sanktionen“ nennt die Ukraine ihre Drohnenangriffe gegen Putins Öl. Analysten fürchten Russlands massive Vergeltung und endlose Kämpfe.
Kiew – „Die strategische Tiefe, die lange Zeit ein Vorteil Russlands war, wird nun zu einem besonderen Problem für die politische und militärische Führung Russlands, da der Großteil der russischen Luftverteidigungssysteme um Moskau, Regierungsresidenzen, die Krimbrücke und St. Petersburg konzentriert ist“, sagt Wolodymyr Selenskyj. Laut dem Kiyv Independent gibt sich der ukrainische Präsident zuversichtlich: Raketen- und Drohnenattacken tief nach Russland hinein scheinen Wladimir Putin zu einem Ende des Ukraine-Krieges bewegen zu können. Die Verteidiger haben sich deshalb neue, ambitionierte Ziele gesteckt – und freuen sich vielleicht zu früh.

Vor hohen Offizieren hat sich Selenskyj zuversichtlich gezeigt, Ziele um den Ural herum, in Sibirien „und anderen Gebieten weit entfernt von Moskau“ empfindlich treffen zu können, so der Kiyv Independent. Dem ukrainischen Präsidenten zufolge habe sein Militär diese Tiefschlag-Fähigkeiten bereits bewiesen. Tatsächlich hat die ukrainische Taktik verfangen und die Energieversorgung des russischen Militärs und vor allem der Zivilbevölkerung weitgehend lahmgelegt.
Wladimir Putin gerät innenpolitisch unter Druck, weil sich sein als „Spezialoperation“ angelegter völkerrechtswidriger Angriffskrieg so lange hinzieht, dass die Verteidiger offenbar Antworten auf Russlands Strafexpedition haben entwickeln können. Der russische Diktator sieht sich damit konfrontiert, seinem Volk eine Lösung zu bieten.
Flamingo-Angriffe bedrohen Russlands Integrität: „Putin befindet sich im Zwiespalt“
„Putin befindet sich im Zwiespalt zwischen einer schweigenden Mehrheit, die des Krieges müde ist, und einer lauten Minderheit, die jeden Kompromiss als Verrat bezeichnet“, beschreiben Alina Khamatdinova und Matthew Blackburn dessen Dilemma. Laut den Autoren von Responsible Statecraft (RS) sei der Druck für den Diktator noch beherrschbar mittels militärischer Grundtugenden: „Putin wird versuchen, die Luftverteidigung zu stärken, beide Lager zu ignorieren und die Kosten für die Ukraine durch Vergeltungsschläge zu erhöhen.“
Insofern bleibt abzuwarten, ob die Ukraine weiterhin erfolgreiche Angriffe fliegen kann – die Wahrscheinlichkeit ist gegeben; nach Analystenmeinung fällt den russischen Invasoren jetzt ihre geografische Größe auf die Füße. Die Luftverteidigung scheint weniger ausgedehnt, als Putin seiner Bevölkerung weismachen will.
„Die Lage Kiews, das einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt ist, ändert sich trotz Moskaus Einschüchterungen kaum.“
Russland sei mit der Verteidigung seines eigenen Territoriums deutlich überfordert, behauptet David Kirichenko in einer aktuellen Analyse für den US-Thinktank „Atlantic Council“. Aus hauptsächlich diesem Vorteil zieht die Ukraine seit Monaten immensen Nutzen: Die Verteidiger greifen an entlang der „gesamten Energiewertschöpfungskette“, so Gabriel Collins vom „Baker Institute for Public Policy“ der Rice University im texanischen Houston.
Laut dem Wissenschaftler bekämpfe die Ukraine erfolgreich „Ölplattformen im Kaspischen Meer ; wichtige Pipeline-Pumpstationen in Exportsystemen wie der Druschba-Pipeline; Kraftwerke und Umspannwerke; Öllagerstätten; Ölverladehäfen wie Noworossijsk; und vor allem Ölraffinerien“ – bisher eher territorial „vorgelagerte Produktionsanlagen“, so Collins. Jetzt also will die Ukraine ihren Radius vergrößern und hat sich schon vorgetastet.
Anfang Juli haben ukrainische Drohnen eine große Raffinerie in der sibirischen Stadt Omsk getroffen – ihre Angriffswaffen haben dabei eine Entfernung von geschätzten 2.500 Kilometern zurückgelegt. Wie das Handelsblatt aus einer in Sozialen Medien verbreiteten Stellungnahme des ukrainischen Militärs zitiert, soll mit dem Angriff eine Anlage mit einer Verarbeitungskapazität von achteinhalb Millionen Tonnen Rohöl jährlich beschädigt worden sein. Andere Ziele jüngster Drohnenattacken liegen allerdings im europäischen Teil Zentralrusslands: die Ostseehäfen Ust-Luga und Wysozk, sowie Ziele in den Verwaltungsbezirken Kaluga und Jaroslawl, so das Handelsblatt. Der Kreml hatte nach den Angriffen die Wirkung heruntergespielt, wie sich dessen Sprecher Dmitri Peskow zitieren ließ.
Kreml-Drohung: „Eskalation könnte die militärische Sonderoperation in gewissem Maße verlängern“
„Eine weitere Eskalation könnte die militärische Sonderoperation in gewissem Maße verlängern – wir können nicht genau sagen, in welchem Maße –, aber sie wird dazu führen, dass wir eine größere Sicherheitszone, eine größere Pufferzone einrichten müssen“, so Peskow laut der Ukrainska Pravda. Russland schaltet also zumindest rhetorisch auf radikale Gegenoffensive; mehr Luftangriffe auf die ukrainischen Metropolen sind also zu befürchten. Laut dem Magazin Responsible Statecraft könnten auch die ukrainischen Offensiven auf ihren Zenit zusteuern – ohne größere Zuladung an Sprengkraft könnten Russland die Angriffe zwar empfindlich treffen, aber kaum zum Einlenken zwingen. RS-Autorin Alina Khamatdinova rechnet gar damit, dass der russische Bär jetzt erst recht seine Zähne zeigen wird.
Ihr zufolge würden die Bedeutung der Kriegsmüdigkeit und die Kritik am Regime überschätzt; aufgrund der knapp gehaltenen objektiven Informationen könnte jede in einer Raffinerie eingeschlagene Drohne die Rechtfertigung des Überfalls auf die Ukraine noch verfestigen. Sie sieht in jeder ukrainischen Drohne einen Generalangriff auf die weiterhin zahlreichen Kriegstreiber in der russischen Gesellschaft – diejenigen, die auf den Maximalforderungen beharren. „In diesem Szenario würde sich erneut zeigen, dass eine westliche Strategie, Russland Kosten aufzuerlegen, nicht zu einem Einlenken des Kremls und einem eingefrorenen Frieden führt, sondern eine neue Rechtfertigung für die Eskalation des Konflikts schafft“, schreibt Khamatdinova.
„Kinetische Sanktionen“ auch gegen Zivilisten? Mögliches weiteres Ass im Ärmel der Verteidiger
Lediglich Schmerz könne Russland dazu bewegen, seinen Angriffskrieg zu überdenken, behauptet auch Sergiy Makogon. Der Analyst des Thinktanks „Center for European Policy Analysis“ legt nahe, dass die Ausweitung der ukrainischen Tiefschläge das Gegenteil dessen bewirken wird, was angepeilt worden war. Statt eines schnellen Friedens drohe erneutes Zündeln an der Lunte eines bis aufs Blut gereizten russischen Aggressors. Den Angriff auf die Raffinerie von Omsk bezeichnet Reuters als „einen der Angriffe der Ukraine mit der größten Reichweite in diesem Konflikt, der nun schon im fünften Jahr andauert“, so die Nachrichtenagentur.
Reuters-Autor Tomasz Janowski geht davon aus, dass dieser Angriff, der noch nicht einmal als Volltreffer gilt, sondern lediglich randständige Anlagen beschädigt hat, die Treibstoffknappheit Russlands weiter verschärfen wird. Damit einhergehend wird Russland weniger Öl oder Erdölprodukte exportieren können, also wird auch das Geld knapp. Geld, das Russland dringend braucht, um weitere Soldaten zu rekrutieren – tatsächlich macht das russische Militär gerade weniger durch militärische Operationen von sich reden als durch Terrorangriffe gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Analysten verweisen darauf, dass die Ukraine bisher auf Angriffe gegen Zivilisten verzichtet. Eine Änderung dieser Strategie gilt als mögliches weiteres Ass im Ärmel der Verteidiger.
Ferner gilt dem Aufstieg der ukrainischen Aufrüstung mit tiefschlagfähigen Drohnen und Raketen Beachtung. Offenbar können sich künftig auch geopolitische Zwerge gegen die Aggression von Militärmächten wehren. „Die Hürden für den Erwerb von Präzisionsschlagfähigkeiten mit großer Reichweite sind heute deutlich niedriger“, schreibt Gabriel Collins aus Houston. Reichweite und Tonnage solcher Systeme werden in Zukunft günstiger zu vervielfachen sein. „Kinetische Sanktionen“ gilt inzwischen unter Analysten als Terminologie für diesen Ansatz. Geprägt hat den Begriff der Chef des ukrainischen Sicherheitsdienstes (SBU), Wassyl Maljuk. Laut Edward Wrong habe sich die Ukraine dazu gedrängt gefühlt, weil die Sanktionen auf Papier durch die EU kaum oder wenigstens zu wenig Wirkung zeitigten, so der Autor des britischen Thinktanks „Royal United Services Institute“ (RUSI).
Wrong ist sicher, dass Kiew seinen Kurs stur beibehalten wird – und ein Ende des Ukraine-Krieges insofern kaum absehbar. Russlands Zähigkeit wächst offenbar in dem gleichen Maße, in dem die Ukraine die Produktion ihrer Langstrecken-Raketen und Langstrecken-Drohnen ausbaut. Auch Dmitri Peskows scharfe Rhetorik scheint die Ukraine eher zu weiteren Maßnahmen zu ermutigen als sie zu bremsen. Wie bereits gehabt – zu Beginn dieses Krieges im Februar 2022, wie RUSI-Analyst Wrong formuliert: „Die Lage Kiews, das einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt ist, ändert sich trotz Moskaus Einschüchterungen kaum.“ (Quellen: Reuters, Atlantic Council, Baker Institute for Public Policy, Center for European Policy Analysis, Royal United Services Institute, Kiyv Independent, Responsible Statecraft, Handelsblatt, Ukrainska Pravda) (hz)