Immer mehr Angriffe auf Kiew: Militär-Experte prognostiziert neue Flüchtlingswelle nach Europa
Stand: 16.10.2026, 06:33 Uhr
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Kiew wird zur Frontstadt: Russland trifft Brücken und Strom. Experte warnt: Europa sollte sich auf viele neue Flüchtlinge aus der Ukraine einstellen.
Kiew – Es gab eine Zeit, da machte sich Iulia Po kaum Gedanken über ihren täglichen Arbeitsweg über die gewaltigen Brücken, die in Kiew das linke und das rechte Ufer des Dnipro verbinden. Diese Zeit endete Anfang dieses Monats abrupt, als Russland erstmals seit Beginn seiner großangelegten Invasion zwei der lebenswichtigen Ost-West-Verbindungen der Hauptstadt bombardierte. Plötzlich stand der Verkehr in der Stadt still, während Reparaturtrupps die beschädigten Fahrbahndecken auf der Piwnitschnyj-Brücke im Norden und der Piwdennyj-Brücke im Süden instand setzten.
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Dieser Artikel von Roland Oliphant entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk.
Die Brücken verbinden den überwiegend von Wohngebieten geprägten Osten der Stadt mit ihrem Wirtschafts- und Verwaltungszentrum im Westen. Manche Pendler entschieden sich, zu Fuß zu gehen, und überquerten den Fluss auf einem Weg von mehr als einer Meile. Andere blieben lieber zu Hause, aus Angst, in einen erneuten Angriff zu geraten. Doch allen in der Stadt, deren acht Brücken täglich von rund 500.000 Fahrzeugen genutzt werden, wurde klar, was das für die kommenden Monate bedeutete.

„Ich glaube, es wird richtig schlimm werden“, sagt Po. „Bisher mussten wir immer nur damit zurechtkommen, dass wir keine Heizung oder keinen Strom hatten. Aber die Situation, dass die Kanalisation nicht funktioniert, hatten wir noch nicht“, fügt sie hinzu und spricht damit eine weitverbreitete Befürchtung darüber aus, worauf Russland hinarbeitet. „Ich weiß nicht, wie wir damit zurechtkommen sollen.“ Kiew ist in den vergangenen vier Jahren regelmäßig bombardiert worden. Doch seit Ende August hat sich der Luftkrieg auf beunruhigende Weise verändert.
Ein Alltag wie in einer Frontstadt
Russlands Drohnen und Raketen greifen die Stadt inzwischen auch bei Tageslicht an, nicht mehr nur nachts. Rund um die Uhr ertönt Alarm, doch die Angriffe kommen mit kürzerer Vorwarnzeit und treffen Orte, die zuvor verschont geblieben waren. „Früher haben sie uns zwar gelegentlich nachts terrorisiert, aber unseren Tagesablauf haben sie nicht beeinträchtigt … Jetzt ist alles eins geworden; tagsüber gibt es keine richtige Atempause mehr, keinen normalen Alltag, und das ist eine weitere Stufe, an die wir uns anpassen müssen“, sagt die zweifache Mutter Natalia Buschkowska.
Schon jetzt fühlt sich die Hauptstadt zunehmend wie eine Frontstadt an. Inna Warenyzja, eine erfahrene ukrainische Journalistin, erinnert sich, wie sie diesen Monat an einem einzigen Tag gleich drei Angriffen nur knapp entging: einem auf ihr Wohnviertel, einem auf die ukrainische Akademie der Wissenschaften, während sie sich in der Nähe aufhielt, und einem weiteren auf ein Krankenhaus, an dem sie auf ihrem Arbeitsweg regelmäßig vorbeikommt. Seitdem trägt Warenyzja die Tourniquets, das Erste-Hilfe-Set und die Kamera bei sich, die sie gewöhnlich zu Einsätzen an der Front mitnimmt.
Da gebe es nichts zu beschönigen: Die Stimmung sei düster, sagt Oleksandr Danyljuk, früherer Berater des Verteidigungsministeriums und Vorsitzender des Ukrainian Centre for Defence Reforms, einer militärischen Denkfabrik. „Ich denke, Europa sollte sich dieses Jahr auf viele neue Flüchtlinge aus der Ukraine einstellen“, fügt er hinzu. Nicht nur Kiew ist schwer getroffen. Im ganzen Land spüren die Ukrainer die Folgen einer erneuten russischen Bombardierungskampagne, die ihren Widerstandswillen endgültig brechen soll, indem sie die Wirtschaft zerschlägt und die Grundlagen des modernen Lebens zerstört.
Angriffe auf die Grundlagen des modernen Lebens
Ukrainische Regierungsvertreter haben Moskaus Offensive mit einem „totalen Krieg“ verglichen, weil sie auf Verwüstung und Chaos abzielt statt auf Geländegewinne an der Front oder die Kontrolle über lebenswichtige Infrastruktur. Der Kreml hat nicht öffentlich eingeräumt, die ukrainische Zivilwirtschaft zerstören zu wollen. So behauptete er etwa, die Kiewer Brücken seien legitime Ziele, weil sie zum Transport von Truppen und militärischer Fracht genutzt würden. Doch die Liste seiner jüngsten Angriffsziele spricht für sich.
Naftogaz, der staatliche ukrainische Gasmonopolist, hat seit Jahresbeginn mehr als 300 Angriffe auf seine Speicher-, Pump- und Verteilnetze erlitten, gegenüber 229 Angriffen im gesamten Jahr 2025. Auch das Stromnetz wird schwer getroffen. Präsident Selenskyj sagte am Montag, Russland habe nicht weniger als sechs Energieanlagen angegriffen, nachdem Donald Trump am Sonntag eine „Energie-Waffenruhe“ angekündigt hatte. Hinzu kommen die anderen Versorgungseinrichtungen, von denen das moderne Leben abhängt. Im vergangenen Monat begann Russland, Rechenzentren anzugreifen, das pulsierende Herz der modernen digitalisierten Wirtschaft.
Angriffe auf eine Reihe von Internet- und Telekommunikationsanlagen verursachten im September Ausfälle in den Regionen Winnyzja, Kiew und Chmelnyzkyj. Vergangene Woche musste als jüngste betroffene Einrichtung das Telekommunikationszentrum Omega in Kiew nach einem russischen Angriff seinen Betrieb einstellen. Diese Angriffe beeinträchtigten die Sirenen und Luftalarmmeldungen, die die Ukrainer vor bevorstehenden Angriffen warnen, aber auch grundlegende Dienstleistungen. Bewohner einiger Hochhäuser stellten fest, dass ihre Karten zur Bedienung der Aufzüge nicht mehr funktionierten. Einige staatliche Dienstleistungen, etwa die Ausstellung von Reisepässen, mussten ausgesetzt werden.
Verkehrswege und Lieferketten unter Beschuss
Eine separate Serie von Angriffen auf Lagerhäuser hat dazu geführt, dass Waren in ukrainischen Supermärkten und Geschäften fehlen. Wladimir Putins Streitkräfte haben zudem den Straßen- und Schienenverkehr ins Visier genommen – und das nicht nur in der Hauptstadt. Vergangene Woche traf eine russische Drohne eine Brücke in Saporischschja. Wie zuvor in Kiew führte dies zu Verkehrsbehinderungen, weil Fahrzeuge vorübergehend umgeleitet werden mussten. Tage später traf eine russische Gleitbombe zwei zivile Busse in der östlichen Frontstadt Kramatorsk und tötete mindestens 30 Menschen.
Damit stieg die Zahl ziviler Todesopfer weiter an, die mit der verstärkten Angriffswelle zugenommen hat. Die staatliche Eisenbahngesellschaft Ukrsalisnyzja rühmte sich einst – zu Recht –, im Krieg einen zuverlässigeren Betrieb aufrechtzuerhalten als viele europäische Länder in Friedenszeiten. Doch inzwischen haben Züge wegen Drohnenangriffen regelmäßig Verspätung, fallen aus oder müssen während der Fahrt evakuiert werden. Seit Anfang 2026 wurden ihre Züge und Anlagen 1700-mal getroffen. Die Fahrgäste sind davon selbstverständlich schwer betroffen.
Doch die Angriffe haben auch für Landwirte verheerende Folgen, die ihre diesjährige Rekordernte nicht auf den Markt bringen konnten. Landwirtschaftsminister Taras Wyssozkyj sagte diesen Monat der Financial Times, der Ukraine gingen die Reservelokomotiven für den Transport ihres Getreides in den Export nahezu aus. Dieses Getreide ist für die weltweite Nahrungsmittelversorgung von entscheidender Bedeutung. Erschwerend kommt hinzu, dass Russlands neue heftige Bombardierungskampagne auch Schiffe im Schwarzen Meer und wichtige Häfen wie Odessa ins Visier genommen hat.
Getreideexporte brechen ein
Am Mittwoch wurden vor Bulgariens Schwarzmeerküste zwei Schiffe bei einem Drohnenangriff getroffen, eines davon sank. Es war der zweite derartige Vorfall innerhalb einer Woche. Moskau scheint entschlossen, die wichtigsten Devisenquellen der Ukraine zu zerstören, indem es die wirtschaftlichen Lebensadern des Landes zur übrigen Welt durchtrennt. Vor dem Krieg machten landwirtschaftliche Erzeugnisse rund 40 Prozent der ukrainischen Exporteinnahmen aus. Die Bombardierung von Lokomotiven und eine gleichzeitige Angriffskampagne gegen Massengutfrachter auf dem Weg nach oder aus Odessa haben diese Einnahmen um mindestens die Hälfte verringert.
Wyssozkyj sagte vergangene Woche, im September hätten lediglich 2,4 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse das Land verlassen – etwa 46 Prozent der üblichen Gesamtmenge. Das Schwarze Meer sei für die Schifffahrt inzwischen faktisch gesperrt. Die zurückgebliebenen Berge von Getreide und Sonnenblumenkernen verrotten langsam unter Planen. Der Landwirtschaftsminister gab diese düstere Einschätzung auf einer Reise nach Brüssel ab, wo er um Hilfe beim Export ukrainischer Erzeugnisse über Straßen, Schienen oder mit Binnenschiffen bat – ohne nennenswerten Erfolg.
Moskau dürfte mit diesem Ergebnis zweifellos zufrieden gewesen sein. Analysten zufolge will es die Kosten für jene Verbündeten erhöhen, die entschlossen sind, die ukrainischen Kriegsanstrengungen weiter zu unterstützen. In der Folge drohen den Landwirten der Ruin, der ukrainischen Regierung eine Haushaltskrise und der Welt ein Schock bei den Lebensmittelpreisen. Noch schlechter steht es um die Metall- und Bergbaubranche, traditionell die zweite Säule der ukrainischen Wirtschaft. Vor dem Krieg entfielen auf sie zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts und rund ein Drittel der gesamten Exporte.
Stillstand in der Stahlindustrie
Saporischstal, das Stahlwerk in Saporischschja, das einst mehr als 8000 Menschen beschäftigte, stellte im vergangenen Monat seinen Betrieb auf unbestimmte Zeit ein, nachdem vier Wellen von Raketenangriffen seine Hochöfen schwer beschädigt hatten. Ebenfalls im September teilte ArcelorMittal Krywyj Rih, das größte Stahlwerk der Ukraine und der größte Arbeitgeber in der Heimatstadt von Präsident Wolodymyr Selenskyj, mit, dass es nach wiederholten Angriffen, bei denen fünf seiner Beschäftigten getötet wurden, nicht wieder öffnen könne.
Die Schwierigkeiten der Stahlindustrie haben ironischerweise die Nachfrage im Stromnetz etwas verringert. Für den ukrainischen Staatshaushalt und Zehntausende Beschäftigte ist die Lage jedoch ein Albtraum. Einige Aspekte der derzeitigen Angriffswelle kommen keineswegs überraschend. Schließlich versucht Russland seit Kriegsbeginn jeden Winter, die Ukrainer durch Angriffe auf ihre Energiesysteme mit Kälte zur Unterwerfung zu zwingen. Der vergangene Winter war der schlimmste: Bis Januar hatten Angriffe auf das Stromnetz rund 70 Prozent Kiews von der Stromversorgung abgeschnitten, während die Temperaturen auf unter minus 20 Grad fielen.
Neue Drohnen überwinden die Luftabwehr
Die Volkswirtschaft schrumpfte infolgedessen im ersten Quartal 2026. Doch warum ist die diesjährige Kampagne sowohl breiter angelegt als auch heftiger als frühere? Manche argumentieren, Russland gewinne den technologischen Rüstungswettlauf, weil es ihm gelungen sei, das Kriegsmaterial [Ausrüstung, Waffen und Versorgungsgüter, die von einer Institution oder einer Streitmacht genutzt werden] so weiterzuentwickeln, dass es die ausgefeilte ukrainische Luftabwehr überwinden könne. Ein Beispiel dafür sind die strahlgetriebenen Varianten Geran-5 und Geran-4 der Schahid-Kamikazedrohne, die im Januar erstmals im Kampfeinsatz auftauchten.
Sie tragen schwerere Nutzlasten und erreichen Höchstgeschwindigkeiten von 375 Meilen pro Stunde. Damit sind sie für die Abfangdrohnen unerreichbar, die die Ukraine zur Bekämpfung ihrer propellergetriebenen Vorgänger gebaut hat. Außerdem verfügen sie über „Mesh-Funkgeräte“, mit denen sie auf bewegliche Ziele wie Züge gelenkt werden können. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe sank die Abfangquote bei ihrem ersten Auftreten von rund 90 Prozent auf weniger als 60 Prozent. Andere vermuten, Putin sei wegen der ausbleibenden Fortschritte an der Front ungeduldig geworden und habe deshalb beschlossen, den Krieg auszuweiten.
Dort hatte eine jüngste ukrainische Gegenoffensive seine Pläne durchkreuzt, die Eroberung des Donbass noch dieses Jahr abzuschließen. Nachdem Anfang dieses Monats eine Drohne eine Schule in Kiew getroffen hatte, erklärte Selenskyj, ihm lägen Geheimdienstinformationen vor, wonach Putin seine Generäle angewiesen habe, dass im Luftkrieg „jetzt keine Regeln mehr“ gelten würden. Am bedeutsamsten könnte jedoch eine Veränderung der Kräfteverhältnisse in diesem Konflikt sein. „Sie tun es jetzt, weil sie es können. So einfach ist das“, sagt Danyljuk.
Russlands Vorsprung in der Rüstungsproduktion
Putin mag seine Invasion 2022 begonnen haben, als er auf einen langen Krieg denkbar schlecht vorbereitet war. Seither hat er jedoch darauf hingearbeitet, Russlands gesamte Wirtschaft auf Kriegswirtschaft umzustellen, und die Verteidigungsausgaben massiv erhöht. „Der Westen hat es tatsächlich versäumt, dasselbe zu tun“, fügt Danyljuk hinzu. „Damit hat Russland den finanziellen Wettbewerb gewonnen: Sie können mehr Zerstörungsmittel produzieren als die gesamte Nato. Genau das erleben wir jetzt.“ Die Zahlen sind in der Tat ernüchternd.
Der ukrainische Militärgeheimdienst schätzte im August, Russland produziere monatlich mehr als 200 ballistische Raketen und Marschflugkörper sowie rund 3.000 strahlgetriebene Kamikazedrohnen. Russland setzte sowohl im August als auch im September etwa diese Zahl von Drohnen ein, gegenüber lediglich 350 im Juni. Zum Vergleich: Selenskyj zufolge will die Ukraine bis Ende Oktober bis zu 400 strahlgetriebene Abfangdrohnen monatlich produzieren, um die Geran-4- und Geran-5-Drohnen zu bekämpfen.
Die Vereinigten Staaten wiederum geben an, 2025 lediglich 620 PAC-3-Raketen gebaut zu haben – die wichtigsten Abfangraketen des Patriot-Flugabwehrsystems zur Bekämpfung ballistischer Raketen. Bis 2030 soll die Produktion auf 2.000 pro Jahr steigen. Nur ein Bruchteil davon dürfte in die Ukraine gelangen. Das Missverhältnis bei der industriellen Produktion zeigt sich bei jedem Luftangriff und in den jeweiligen Abfangstatistiken – mit tödlichen Folgen. Unterdessen erklärte Kyjiw am Mittwoch, Elon Musk habe die Nutzung ukrainischer Starlink-Geräte eingeschränkt und damit ukrainische Raketenangriffe mittlerer und großer Reichweite behindert.
Wie sich die Ukraine auf den Winter vorbereitet
Dennoch ist keineswegs ausgemacht, dass es Russland diesen Winter gelingen wird, die Ukraine endgültig zu brechen. Ein Resilienzplan, den der ukrainische Nationale Sicherheitsrat nach der Krise des vergangenen Winters erarbeitete, sah den Ausbau lokaler Stromerzeugung in Großstädten, einen verstärkten Schutz des landesweiten Stromnetzes sowie eine Dezentralisierung der Wärme- und Stromversorgung vor. Wie viel davon genau umgesetzt wurde, ist unklar. Doch Arbeiter haben den Sommer damit verbracht, Kabel auszutauschen und Ersatznetze zu verlegen.
Das Energieministerium teilte vergangene Woche mit, dass inzwischen 55 Gesundheitseinrichtungen ihren eigenen Strom mit Solaranlagen auf den Dächern erzeugen. Auch die Gasvorräte sind etwas größer als im vergangenen Jahr. Naftogaz geht mit rund 14,6 Milliarden Kubikmetern gespeichertem Gas in den Winter, mehr als die Mindestmenge von 13,2 Milliarden Kubikmetern, mit der das Unternehmen in den vergangenen Winter gestartet war. Zudem erreichen neue Abwehrmittel das Schlachtfeld.
Im August begann die Ukraine mit dem Einsatz KI-gestützter Maschinengewehrtürme, die schnell fliegende strahlgetriebene Drohnen präziser ins Visier nehmen können als Menschen. Dieser Einsatz wurde diesen Monat ausgeweitet. Ebenso wenig ist sicher, dass die Ukrainer zur Kapitulation gezwungen werden können, indem man ihnen das Leben zur Qual macht. Eine vergangene Woche veröffentlichte Umfrage des Internationalen Instituts für Soziologie in Kiew ergab, dass mehr als 60 Prozent der Bürger bereit sind, den Krieg so lange wie nötig durchzustehen. Allerdings erklärten sich auch 75 Prozent offen für Verhandlungen mit Moskau, um ihn zu beenden.
Widerstandswille und ukrainische Gegenangriffe
Die Erklärung für diesen scheinbaren Widerspruch sei einfach, sagt der ukrainische Politikwissenschaftler Wolodymyr Fessenko. „Die meisten Menschen sind weiterhin dagegen, einfach die russischen Bedingungen [für ein Ende des Konflikts] zu erfüllen, und es ist offensichtlich, warum. Wenn wir den Russen jetzt sagen, dass wir uns ihren Forderungen beugen, werden sie ihre Forderungen einfach erhöhen“, sagt er. „Die Stimmung ist eindeutig gedrückt, aber zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich nichts, was einem katastrophalen Zusammenbruch der Moral gleichkäme.“
Und auch die Ukraine kann einen Wirtschaftskrieg führen. In der vergangenen Woche trafen ukrainische Drohnen drei von fünf großen Rechenzentren von Yandex, Russlands führendem KI- und Technologiekonzern. Vorausgegangen waren monatelange Luftangriffe auf Lagerhäuser von Wildberries, Russlands größtem Onlinehändler, sowie eine Angriffskampagne gegen die Ölinfrastruktur, die nach ukrainischen Angaben die Hälfte der russischen Raffineriekapazität zerstört hat. Doch all das ändere nichts an den rechnerischen Kräfteverhältnissen, sagt Danyljuk. Er warnt, dass die Ukraine vor ihrem schwierigsten Winter seit Kriegsbeginn stehe.
Entscheidend ist die Fähigkeit, mehr zu produzieren
„So werden industrielle Kriege gewonnen: durch die Fähigkeit, finanzielle Mittel bereitzustellen. Geld ist das Blut des Krieges“, sagt er. „Unsere westlichen Kollegen sind so sehr auf Manöver konzentriert, dass sie einfach nicht verstehen, dass diese Art von Krieg tatsächlich überhaupt nicht durch Manöver gewonnen wird. Ja, es ist wichtig, zu beweisen, dass die Ukrainer die Front noch halten können und dass wir diesen Krieg nicht wegen eines Mangels an ukrainischem Kampfgeist oder eines Versagens der ukrainischen Verteidigungskräfte verlieren. Aber das ist nicht das Entscheidende, denn letztlich geht es darum, mehr produzieren zu können als der Feind.“
In diesem und anderen Bereichen kann die Ukraine Russland nicht allein besiegen. Solange Kyjiws westliche Verbündete keinen Weg finden, mit Moskaus Produktion von Kriegsmaterial gleichzuziehen, bleiben die Aussichten düster, warnt Danyljuk. Sollte ihnen das nicht gelingen, stünde die außergewöhnliche Möglichkeit im Raum, dass der kollektive Westen einen wirtschaftlichen Abnutzungskrieg gegen eine Macht verliert, deren Wirtschaftsleistung weniger als ein Zehntel derjenigen der EU beträgt.
Zurück in Kiew befürchtet Po jedenfalls, dass sich die Lage in den kommenden Monaten „nur noch verschlimmern“ werde. „Ich glaube, am Ende werden wir es schaffen, aber es wird wahrscheinlich so schwierig werden, wie es nur geht“, sagt sie. „Ich nehme an, ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass unser Leben von ständiger Instabilität geprägt ist.“