Immer mehr Städte haben Berg, Fluss und Tier zur Rechtsperson erhoben

Architektur

Immer mehr Städte haben Berg, Fluss und Tier zur Rechtsperson erhoben

Ein Buch widmet sich nun dieser globalen Bewegung von Amsterdam bis Quito und räumt dabei auch mit einem anti-urbanen Vorurteil auf

Maik Novotny

Eine Nahaufnahme einer Biene, die auf einer grauen Betonoberfläche sitzt. Im Hintergrund ist eine mehrspurige Autobahn mit vielen Autos und verschwommenen Lichtern zu sehen.
Die Stadt Curridabat in Costa Rica öffnet Korriodore für Bestäuber und baut Bienenautobahnen.

Genau 2.040.914 Bewohnerinnen und Bewohner zählte Wien am 1. Jänner dieses Jahres. Am 11. April ist eine weitere Bürgerin hinzugekommen. Eine, die älter ist als alle anderen. Eine, die schon lange vor ihnen hier war, damals, als Wien noch nicht Wien war: die Donau. Deren Einbürgerung forderten an jenem Tag im Rahmen der Klima Biennale Wien mit einer feierlichen Deklaration die Stadtforscherin Katja Schechtner und der Rechtswissenschaftler Alex Putzer, der zu den Rechten der Natur promoviert hat.

Seine als Ehrenbürgerin

Eine ähnliche Initiative zur Emanzipation eines Gewässers hatten Schechtner und Putzer, bereits zusammen mit einer Allianz von Architektinnen, Juristinnen, Künstlern und Bewohnern, für Venedig ins Leben gerufen. Im November 2025 mündete der knapp zweijährige Prozess in eine Deklaration der Rechte der durch zahlreiche Einflussfaktoren gefährdeten Lagune – und das trotz unterschiedlicher Auffassungen unter den Beteiligten. Hier der romantische Ansatz, die menschlichen Eingriffe zurückzunehmen und zu einem imaginierten Garten Eden natürlicher Reinheit zurückzukehren. Dort der pragmatische Ansatz, ein faires Gleichgewicht zwischen allen Beteiligten herzustellen.

Ein solches verfolgt man auch in Paris, wo die Seine am 1. Jänner 2025 zur Ehrenbürgerin ernannt wurde. Späte Ehre hat man ihr durchaus erwiesen. War sie in den 1960er-Jahren noch biologisch tot, lädt sie heute zum Schwimmen ein, die Schnellstraße am Ufer wurde zur autofreien Promenade. Eine neue liberté für den Fluss, bei der die égalité nicht fehlen darf. Denn, so die damalige Bürgermeisterin Anne Hidalgo: "Die Seine muss sich verteidigen können, und zwar nicht als Objekt, sondern als Rechtssubjekt, denn sie wird immer wieder Angriffen ausgesetzt sein."

Ein Mann steht auf einer Dachterrasse und beobachtet eine große Anzahl fliegender Tauben. Im Hintergrund sind Gebäude und ein klarer blauer Himmel zu sehen.
Im indischen Delhi wurde Tauben und anderen Vögeln das Grundrecht aufs Fliegen zugesprochen.

Umwege für Wale

Die Idee, nicht nur Flora und Fauna, sondern auch Berg und Fluss Rechtsstatus zu verleihen, wurde schon 1972 vom kalifornischen Juristen Christopher D. Stone in seinem Buch Should Trees Have Standing? formuliert. In den 2020er-Jahren hat die Bewegung global Fahrt aufgenommen. Curridabat in Costa Rica nennt sich "Ciudad Dulce" (süße Stadt) und hat Bienen und Bestäubern blühende Routen durch die Stadt geöffnet. Im Ozean vor San Francisco machen Schiffe Umwege, um Wale zu schützen, in Delhi bekommen Tauben einen Freiflugschein. Heute gibt es bereits 520 Initiativen in 44 Ländern, die meisten in Lateinamerika, wo Ecuador 2008 der erste Staat war, der die Rechte der Natur in der Landesverfassung verankerte.

In Europa sind die Niederlande mit 23 Initiativen ganz vorne dabei. Dort entwickelte man das Zoop-Modell, das Mensch und Natur auf Augenhöhe an den Planungstisch setzt. Dafür wählt die Zoonomic-Stiftung menschliche Fürsprecherinnen aus, die die Interessen nichtmenschlicher Lebensformen übersetzen: Man lernt, zu denken wie eine Biene.

Die meisten Initiativen sprechen der Natur als Ganzes Rechte zu, andere gehen auf spezifische Lebensformen ein. Manche sind rechtlich fundiert, andere rein symbolisch. Eine so hoch informative wie locker lesbare Übersicht zu dieser globalen Bewegung liefert das soeben erschienene Buch Stadt Natur Rechte: Was Bienen und Bäume dürfen müssen, herausgegeben von Katja Schechtner und Alex Putzer gemeinsam mit STANDARD-Architekturjournalist Wojciech Czaja. Dieses Kompendium versammelt zwölf Stadtporträts, sieben Forderungen, Interviews mit Bürgermeistern, Planerinnen und Aktivistinnen sowie reichlich Hintergrundwissen.

Eine Gruppe von Demonstrierenden, darunter indigene Awa in Ecuador, die ein Transparent mit der Aufschrift
Demonstration für die Rechte der Natur in Quito. Ecuador schrieb diese Rechte 2008 als erstes Land der Welt in der Verfassung fest.

Nun gibt es Gesetze und Konventionen zu Naturschutz und Biodiversität bereits reichlich. Welchen Unterschied macht es, wenn Berg, Baum und Biene Rechtspersönlichkeiten werden? "Es geht darum, Augenhöhe und Waffengleichheit herzustellen", sagt Alex Putzer. "Es geht darum, die Sprache, die wir für Menschenrechte anwenden, auch auf andere auszuweiten. Dadurch ändern sich nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Entscheidungsprozesse."

Zwitschern in Manhattan

Eine wesentliche Motivation des Autorentrios ist es, mit einem weitverbreiteten Missverständnis aufzuräumen, das Stadt und Natur als Gegensätze betrachtet. Denn unberührte Natur gibt es im Anthropozän quasi nirgends auf dem Globus mehr, und die meisten Städte weisen eine höhere Biodiversität auf als die hoch industrialisierte Landwirtschaft. In Mexico City finden sich rund zwei Prozent aller weltweit lebenden Tier- und Pflanzenarten, in New York ist die Artenvielfalt regelrecht explodiert. Kurz: Die Stadt ist ein komplexes Gemeinschaftswerk von Mensch und Natur.

"Eine Erkenntnis aus unserer langjährigen gemeinsamen Forschung ist, dass es eine große Stadtblindheit und viele anti-urbane Vorurteile gibt", sagt Katja Schechtner. "Das heißt: Als Umweltschützerin nimmt man die Stadt nicht wahr, und als Urbanist nicht die Natur in der Stadt. Man sieht das, was man kennt und erwartet." Dass gerade in Städten die mal schönen, mal konfliktreichen Begegnungen zwischen Mensch und Nicht-Mensch so zahlreich sind, mache sie zu idealen Laboren für die Regeln des zukünftigen Zusammenlebens in einem multi-species urbanism.

Buchcover mit leuchtend gelbem und rosa Hintergrund, verziert mit großen grünen Blättern. Titel in schwarzer Schrift: „Stadt Natur Rechte. Was Bienen und Bäume dürfen müssen“. Autoren: Katja Schechtner, Alex Putzer, Wojciech Czaja. Verlag: Birkhäuser.
Katja Schechtner, Alex Putzer, Wojciech Czaja (Hrsg.), "Stadt Natur Rechte. Was Bienen und Bäume dürfen müssen". € 34,95 / 208 Seiten. Birkhäuser Verlag, Basel 2026

Wird sich das Aussehen von Städten und unsere Wahrnehmung von Städten dadurch verändern? Auf jeden Fall, sagt Katja Schechtner. "Der Natur ist heute schon mehr Bedeutung zugemessen als früher, aber meistens geht es darum, dass der Mensch von ihr profitiert. Wechselt man aber die Perspektive, sieht man ein Netzwerk, das über einzelne Projekte hinausgeht und in dem viele Kräfte zusammenspielen. Aus Sicht der Stadtplanerin ändert sich dadurch auch die visuelle Sprache der Gestaltung." Wenn im Oktober eine europaweite Petition startet, die die Rechte der Natur in der EU-Gesetzgebung verankern will, hat sie jetzt ein ausgezeichnetes Handbuch. (Maik Novotny, 18.7.2026)

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