Stand: 19.09.2026, 07:41 Uhr
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Bleistift, Zirkel, linierte Hefte mit und ohne Rand: Bei Materiallisten zweifeln die einen „an ihren kognitiven Fähigkeiten“, die anderen haben keine Chance.
Frankfurt – Es ist dieser eine Einkauf im Spätsommer, bei dem selbst organisierte Eltern an ihre Grenzen kommen. Wenn sie die Materialliste der Schule in der Hand haben und „vor einem Regal mit gefühlt 47 identischen Heften stehen und sich ernsthaft fragen: ‚Habe ich in der dritten Klasse etwas Entscheidendes verpasst?‘“, so beschreibt es Sibylle Schieck aus Baden-Württemberg. „Liebe Schulen dieser Welt, wir müssen über Materiallisten reden“, fordert die zweifache Mutter auf Linkedin. Bei denen, die nach Fächern sortiert sind, „zweifle ich an meinen kognitiven Fähigkeiten“.

Sie habe einer Freundin, die gerade viel Stress habe, bei der Materialliste ihres Kindes geholfen und habe danach gemeinsam mit ihr darüber geschimpft, erzählt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Daraufhin entstand der Linkedinpost. „Das Problem ist, dass die Schulen es einfach nicht schaffen, diese Listen nach Formaten zu sortieren“, erklärt sie. Statt fünf Hefte liniert mit Rand einzupacken, renne man nach Fächern getrennt durch die Gänge, bekomme am Ende die Hälfte nicht und investiere pro Kind locker zwei Stunden Zeit und 30 bis 60 Euro. „Es ist echt nervenzehrend.“ Dass es vielen Eltern ähnlich gehe, zeigten die unzähligen Reaktionen, die sie auf ihren Beitrag bekommen habe.
Schulmaterial einkaufen überfordert Eltern – besonders arme Familien
Helga Jensen führt den Laden „Schreibwaren Pliening“ in der Nähe von München. Sie bietet Eltern den Service an, Materiallisten per WhatsApp oder Mail zu schicken, und ihnen die benötigten Hefte, Ordner und Stifte zusammenzustellen. „Manche Listen sind extrem verwirrend“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. „Für viele ist es eine riesige Erleichterung, die Listen bei mir abzugeben.“ Im Juli schon bekäme sie die ersten, jetzt zum Schulstart sei Hochkonjunktur. Das Geschäft mit den Listen laufe so gut, dass sie es auf jeden Fall beibehalten wolle, auch wenn sie aktuell überlege, ihren Laden in Pliening aufzugeben, weil er sich nicht mehr lohne.
Wer bei Jensen Listen zusammenstellen lässt, bekommt sogar einen Rabatt. Trotzdem sind ihre Preise natürlich höher als die bei Müller, Rofu oder Rossmann – das sagt sie auch selbst. Qualität koste eben. Schieck erzählt, dass es auch bei ihr im Ort einen Schreibwarenladen gegeben habe, der einen solchen Service angeboten habe. „So etwas können sich aber nur die Eltern leisten, die das Geld haben und das Wissen, dass es so etwas gibt.“ Mit Folgen: „Ob jemand die Faber-Castell-Stifte hat oder die billigen von Aldi – das merken die Kinder“, sagt Schieck. Ihre Tochter habe ihr das bestätigt. „Meiner Meinung nach sind das die Dinge, die eine gesellschaftliche Spaltung fördern.“
Für einkommensarme Familien wird der Schulstart so zur existenziellen Belastung, weiß der Paritätische Wohlfahrtsverband. Die Erstausstattung mit Schulranzen, Mäppchen und Sportzeug koste selbst bei günstigsten Anbietern knapp 475 Euro. Inklusive Büchern und Schultüte sind schnell 550 bis 600 Euro fällig. Hinzu kommt: Die Preise für Schreib- und Zeichenmaterialien stiegen seit 2020 um gut 27,5 Prozent – deutlich stärker als die allgemeine Teuerung.
Demgegenüber steht das staatliche Bildungs- und Teilhabepaket mit mickrigen 195 Euro pro Schuljahr. „Das deckt nicht einmal die Hälfte der tatsächlichen Kosten“, kritisiert Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen. Anlässlich der jüngsten PISA-Ergebnisse fordert der Verband eine deutliche Anhebung der Hilfen. Nie zuvor hing der Bildungserfolg in Deutschland so stark vom Elternhaus ab wie heute. „Wir können es uns nicht leisten, dass Kinder aus einkommensarmen Haushalten schon in der Kindheit abgehängt werden.“
Materiallisten an Schulen: In der Schweiz geht es auch anders
Daniela Schädeli aus Bern kann den Materialstress deutscher Eltern gar nicht nachvollziehen, denn in der Schweiz garantiere die Bundesverfassung das Recht auf unentgeltlichen Grundschulunterricht, wozu auch die Schreibmaterialien gehörten. Schädeli ist Abteilungsleiterin für Familie und Bildung im Kanton Belp und betreut dort elf Schulleitungen. „Bei uns beschafft die Gemeinde das Schulmaterial zentral. Jede Lehrperson hat ein festes Budget pro Klasse und bestellt im Mai oder Juni standardisierte Lehrmittel, Hefte und Füllfederhalter“, erklärt die ehemalige Lehrerin der Frankfurter Rundschau. Bestellt werde das bei Großmärkten. Wie überleben kleine Schreibwarenläden bei ihnen? „Zumindest nicht mit dem Verkauf von Schulmaterialien“, sagt Schädeli.
„Aber wir kennen das gar nicht anders, bei uns ist das ganz normal.“ Eltern bei ihr im Kreis zahlten maximal 80 Franken pro Woche für die Verpflegung – für Materialien müssten sie nicht aufkommen. Als sie den Linkedinbeitrag von Schieck gesehen habe, sei sie „sehr irritiert“ gewesen, erzählt die Schweizerin. „Warum müssen das die Eltern besorgen? Bei uns gibt es einfach ein großes Materiallager für alle Schulen im Kanton.“ Natürlich bekämen Kinder auch mal ein eigenes Etui oder besondere Stifte von den Eltern, weil sie es schön finden oder als Geschenk. Auf einer Liste von der Schule werde so etwas in der Schweiz aber nicht verpflichtend gefordert – ganz im Gegensatz zu Deutschland. (Quellen: eigene Recherche, Linkedin)