Die Gerüchteküche kocht: Kommt in der Ukraine bald die Wehrpflicht für Frauen?

Obwohl alle Welt auf die gegenseitigen Luftangriffe blickt, mit denen sich Russland und die Ukraine überziehen, haben die Kämpfe am Boden weder nachgelassen noch fallen sie weniger blutig aus. Dabei geht der ukrainischen Armee zusehends das Personal aus. Bis zu 300.000 Soldaten fehlen. Müssen künftig auch Frauen damit rechnen, zum Wehrdienst eingezogen zu werden? Der weitere Kriegsverlauf wird nicht allein, aber mit entscheidend sein, ob es so weit kommt. Der bietet im Augenblick ein widersprüchliches Bild.

Von einer ukrainischen Bodenoffensive kann keine Rede sein

Die Kämpfe am Boden haben weder nachgelassen noch fallen sie weniger blutig aus. Die Drohne als neue Allzweckwaffe mag die Gefechtstaktik verändern – am Ende bleiben es Menschen am Boden, die klassischen „boots on the ground“, die über Territorialgewinne und Frontlinien auf den Stabskarten entscheiden.

Blickt man auf diesen Teil des Krieges, ergibt sich ein widersprüchliches Bild. Von einer ukrainischen Bodenoffensive, über die immer wieder spekuliert wird, kann keine Rede sein. Für Kiew geht es darum, die aktuelle Frontlinie zu halten, was in der Region Saporischschja noch am ehesten gelingt.

Die Steppenlandschaft bietet unter totaler Drohnen-Dominanz keinerlei Möglichkeit für ein Vorankommen der russischen Armee. Saporischschja gilt als Frontsektor, der noch „am leichtesten“ zu verteidigen ist, so wenig dieses Wort in diesem Krieg angebracht erscheint.

Charkiv und Donbass: Russland rückt Meter für Meter vor

Ein anderes Bild bietet der von Wäldern durchzogene Raum rings um die Metropole Charkiv. In Kupyansk, das die Ukraine im Frühling zum zweiten Mal zurückeroberte, ist der Gegner wieder eingerückt, verbunden mit heftigen Häuserkämpfen mitten in der Stadt. Eine ähnliche Situation herrscht weiter südlich rund um Liman, wo russische Verbände die Stadt erreicht haben und zu einem Zangengriff ausholen.

Im westlichen Donbass bleibt es bei den langsamen, aber steten Frontverschiebungen Richtung Westen. Die industriell und städtisch geprägte Region bietet ein halbwegs nutzbares Terrain für einen Meter-für-Meter-Vormarsch. Als Folge hat sich in den vergangenen Wochen das Schicksal der wichtigen Ortschaft Konstantinowka entschieden, die Randbezirke sind fest unter russischer Kontrolle, der Stadtkern ist eingekesselt, ohne Aussicht auf Entsatz.

Die Lage erinnert stark an die Kleinstädte Wuhledar und Awdijiwka kurz vor ihrem Fall. Insofern dürfte für das ukrainische Militär Konstantinowka als Garnison nicht mehr lange zu halten sein, zumal sich die russischen Einkesselungseinheiten nördlich und südlich bereits auf Druschkiwka zubewegen, die letzte größere Stadt vor Kramatorsk. Weiter nördlich rücken die Russen zeitgleich auf Slowjansk vor und stehen nur noch gut fünf Kilometer vor der Stadtgrenze. Und das ist bedenklich.

Slowjansk: Nächstes Ziel der russischen Herbst-Winter-Kampagne

Der Verbund Slowjansk-Kramatorsk stellt die inoffizielle militärische Hauptstadt der Ukraine im Donbass dar und beherbergt die Stabsquartiere der wichtigsten Militärgruppierungen. Es ist anzunehmen, dass sich die zu erwartende Herbst-Winter-Kampagne des Gegners beinahe vollständig auf diese Stadtagglomeration richtet, worauf vermehrte Luftangriffe auf Brücken rund um Slowjansk hinweisen.

Diese deutet auf den Versuch hin, die Infrastruktur der Verteidiger schon jetzt zu schwächen, um sich für den Herbst Wege des Vormarschs zu bahnen. Sollten die Kämpfe tatsächlich Slowjansk erreichen, dürften sie von der Intensität und Dauer an die Schlacht von Bachmut von August 2022 bis Mai 2023 erinnern. Ein Ende der Kampfhandlungen im Donbass ist daher nicht in Sicht. Die Ukraine darf nicht verlieren, für sie steht in der Region zu viel auf dem Spiel.

Mobilmachung in Russland: Warum der Kreml zögert

Angesichts der Frontlage haben gegenwärtig Gerüchte über neue Mobilmachungen in beiden Ländern Hochkonjunktur. In Moskau hält sich hartnäckig die Annahme, dass es zu Einberufungen wenige Wochen nach den Dumawahlen zwischen dem 18. und 20. September kommt, doch sei mit keiner Welle von Zwangsrekrutierungen zu rechnen. Dafür sind zweierlei Gründe maßgebend: Innere Spannungen sollen vermieden, die wirtschaftliche Stabilität nicht aufs Spiel gesetzt werden.

In der aktuellen Phase des Krieges, in der das Material zum wichtigsten Faktor wurde, gilt innere Stabilität als strategische Notwendigkeit. Die russische Ökonomie hat sich angesichts nie dagewesener Sanktionen und Isolationspraktiken sowie der westlichen Blankoschecks für Kiew als überraschend zäh erwiesen. Der Abzug Hunderttausender aus den Betrieben an die Front könnte genau diese Resilienz wanken lassen, so die Warnung russischer Analysten und Militärbeobachter. Dennoch reißen die Leaks nicht ab: Nach den Dumawahlen sehe sich der Kreml zu „einer Reihe unpopulärer Entscheidungen“ gezwungen.

Ukraine plant Wehrdienst für Frauen nach „Modell Israel“

Auf der anderen Seite kulminieren die teilweise unter Zwang erfolgenden Mobilisierungen ohnehin. Fortgesetzt werden ukrainische Männer teils auf offener Straße von den Trupps der „Territorialen Zentren für Komplektation“ – so die wörtliche Übersetzung des Rekrutierungskommandos – in Transporter bugsiert. Es häufen sich die brisanten Statements ukrainischer Behörden. Mit denen wird ein herabgesetztes Einzugsalter für junge Männer ebenso angekündigt wie die Mobilmachung von Frauen. Euphemistisch wird dies von Kiewer Offiziellen als „Modell Israel“ bezeichnet.

Letztendlich geht es darum, die Personalnot und schweren Verluste auszugleichen. Geschätzt wird, dass die ukrainische Armee eine Personallücke von 200.000 bis 300.000 Soldaten schließen muss. Genau deshalb sollen Frauen herangezogen werden, die bisher nur als Freiwillige in Betracht kamen.

Worum es den Akteuren in Moskau und Kiew ausschließlich geht

„Das Land, das uns hinsichtlich des Bedrohungsniveaus am nächsten steht, ist Israel. Dort leisten Frauen, genau wie Männer Wehrdienst. Die Werchowna Rada sollte die Gesetzgebung ändern, sodass Frauen Wehrdienst leisten. Dadurch würden wir unsere Mobilisierungskapazität verdoppeln“, so Ex-Verteidigungsminister Oleksij Resnikow, dem nach wie vor Einfluss im Selenskyj-Apparat nachgesagt wird.

Allein das zeigt, die Aussichten auf ein Kriegsende sind gegenstandslos. Es geht den Akteuren in Moskau wie Kiew ausschließlich darum, noch mehr Mensch und Material für diesen Konflikt zu mobilisieren, den wohl niemand als Krieg gewinnen kann.