Inflationskopplung statt Lohnbindung: Rentenexperte fordert radikalen Umbau – auf Kosten der Babyboomer
Stand: 14.10.2026, 14:12 Uhr
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Die Rentenreform ist umstritten, aber um die Rente zukunftsfähig zu machen, bedarf es einschneidender Maßnahmen. Nun steht auch die Koppelung der Rentenentwicklung an die Inflation im Raum.
Berlin – Das deutsche Rentensystem steht vor der größten Zerreißprobe seiner Geschichte. Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer verabschieden sich in den Ruhestand, während immer weniger junge Beitragszahler nachrücken. Um den drohenden Kollaps der Rentenkasse abzuwenden, fordern Wirtschaftswissenschaftler und Experten tiefgreifende Einschnitte. Doch wie radikal müssen die Maßnahmen sein – und wer soll die Lasten tragen? Die Vorschläge des Rentenökonomen Dr. Robert M. Rühl von der Universität Bayreuth sowie die offiziellen Empfehlungen der Alterssicherungskommission zeigen unterschiedliche Wege aus der Krise.
Rühl bringt eine Kopplung der Rentenentwicklung an die Inflation ins Spiel
Wie der Rentenexperte Robert Rühl im Interview mit Focus online warnt, drohe eine einseitige Überlastung der jüngeren Generationen. Er fordert spürbare Einschnitte bei den heutigen und angehenden Rentnern. Seine erste Kernforderung betrifft eine reine Inflationskopplung, bei der Renten künftig ausschließlich an die Inflationsrate angepasst werden. Steigen die Löhne der Erwerbstätigen schneller als die Preise, würden Rentner relativ zurückfallen, was die Beitragszahler massiv entlasten würde.
Da die Renten bei einer reinen Inflationskopplung von der allgemeinen Lohnentwicklung abgekoppelt würden, stünden Rentner im Vergleich zu Arbeitnehmern finanziell schlechter da, sobald die Löhne schneller steigen als die Preise. Dies würde die Beitragszahler jedoch massiv entlasten. Rühl beziffert das jährliche Einsparpotenzial bis Mitte der 2030er-Jahre auf rund 23 Milliarden Euro, inklusive des Wegfalls der Haltelinie.
Zudem plädiert Rühl für das sofortige Aus der Rente mit 63. Diese abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren will er bis auf eine einjährige Übergangsfrist streichen, was ein jährliches Sparpotenzial von rund 10 Milliarden Euro freisetzen würde. Ergänzend fordert er die Streichung der Mütterrente III, da die pauschale Ausweitung der Kindererziehungszeiten für vor 1992 geborene Kinder nicht zielgenau sei und die Kasse mit weiteren 5 Milliarden Euro pro Jahr belaste. Um das System sozial gerechter zu gestalten, verlangt Rühl außerdem eine Umverteilung von oben nach unten. Da Gutverdiener statistisch länger leben und somit länger Rente beziehen, fordert er eine stärkere Gewichtung niedriger Einkommen bei der Rentenberechnung. Mit den Gesamteinsparungen soll eine neue, verpflichtende Kapitalrente gegenfinanziert werden, ohne die Beiträge der Jüngeren anzuheben.
Das 33-Punkte-Paket der Rentenkommission – der offizielle Gegenentwurf der Politik
Einen moderateren, aber dennoch tiefgreifenden Kurs zeigt das offizielle Reformkonzept auf. Gemäß den Empfehlungen der Alterssicherungskommission der Bundesregierung liegt ein umfassendes 33-Punkte-Paket vor, um die gesetzliche Rente zukunftsfest zu machen. Die Kommission empfiehlt unter anderem eine engere Kopplung an die Lebenserwartung, wodurch die Regelaltersgrenze von 2031 bis 2041 schrittweise von 67 auf 67,5 Jahre angehoben werden soll, während das Eintrittsalter bis zum Ende des Jahrhunderts sogar auf 70 Jahre steigen könnte.
Statt einer abrupten Abschaffung der Frührente schlägt das offizielle Beratungsgremium eine moderate Abmilderung vor. Der offizielle Bericht der Alterssicherungskommission beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales sieht in Empfehlung 8 vor, die untere Altersgrenze für langjährig Versicherte zeitnah von 63 auf 64 Jahre anzuheben. Dadurch soll sichergestellt werden, dass das Renteneintrittsfenster für einen vorzeitigen Ruhestand mit Abschlägen dauerhaft bei einem Abstand von drei Jahren zur Regelaltersgrenze verbleibt.
Um das System auf ein breiteres Fundament zu stellen, hält die Bundesregierung in ihren FAQs zum Bericht der Alterssicherungskommission fest, dass künftig auch neue Selbstständige, Abgeordnete, Vorstände und langfristig Beamte verpflichtend einzahlen und auch Minijobs voll einbezogen werden sollen. Im Gegensatz zu Rühls radikaler Inflationskopplung will die Kommission die Renten weiterhin an die Löhne binden, die demografische Belastung jedoch über die Reaktivierung des Nachhaltigkeitsfaktors dämpfen. Flankiert wird dies durch eine kapitalgedeckte Zusatzrente nach schwedischem Vorbild, die über zusätzliche zwei Prozent des Bruttolohns hälftig von Arbeitgeber und Arbeitnehmer finanziert wird.
Breiter Konsens in Politik und Wissenschaft zum raschen Handeln
Die Notwendigkeit harter Reformen wird in der Wissenschaft breit unterstützt. In einem dramatischen Appell warnten 46 führende Ökonomen laut Handelsblatt die Politik eindringlich davor, das mühsam ausverhandelte Paket der Rentenkommission politisch zu verwässern, wobei zu den Initiatoren unter anderem die Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer und Martin Werding gehören. Auch der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen drängt auf strikte Reformen. Im Interview mit dem SWR betonte Raffelhüschen deutlich, dass eine abschlagsfreie Frührente versicherungsmathematisch Unfug sei. Wer früher in den Ruhestand gehe, finanziere diesen vorgezogenen Ausstieg immer auf Kosten und aus den Beiträgen der jüngeren Generation.
Da die Babyboomer die doppelte Bringschuld des Umlageverfahrens – das Zahlen von Beiträgen sowie das Sorgen für genügend nachrückende Beitragszahler – nicht im nötigen Maße erfüllt hätten, müssten nun unweigerlich Anpassungen beim Rentenniveau und Eintrittsalter folgen. Die verschiedenen Quellen zeigen deutlich auf, dass ohne spürbare Einschnitte bei den kommenden Rentnerjahrgängen die Generationengerechtigkeit auf der Strecke bleiben wird. Die Politik steht also unter Druck, aus diesen wissenschaftlichen Modellen zeitnah ein gesetzliches Fundament zu gießen. (Quellen: Focus, Alterssicherungskommission, Handelsblatt, SWR) (sts)