Influencerinnen verkaufen Alleingeburt – Hebammen warnen vor Risiko

Stand: 23.07.2026, 18:24 Uhr

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Alleingeburt, wilde Geburt, Geburt in Eigenregie: So heißt es, wenn Frauen in Schwangerschaft und Geburt auf sich gestellt sind – weil sie es so wollen. Selbstbestimmung – oder Risiko für Mutter und Kind?

Bonn – Ein einsamer Strand, sanfte Wellen und eine Frau – zunächst hochschwanger, dann mit einem Neugeborenen im Arm. Instagram-Reels wie das von Josy Peukert sollen Kraft, Verbundenheit mit der Natur, Selbstbestimmung und Ruhe ausstrahlen – von einem Kreißsaal, Gynäkologen und Hebammen keine Spur.

Artikel der KNA

Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Während Frauen in vielen Ländern des Globalen Südens alles dafür geben, um in einem Krankenhaus zu entbinden, gibt es im Norden längst die umgekehrte Entwicklung: Schwangerschaft und Geburt ganz ohne die Begleitung durch Fachpersonal. Das sei auch in Deutschland so, sagt Andrea Köbke, Beirätin für den Angestelltenbereich im Deutschen Hebammenverband, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Eine Schwangere in Latzhose steht im Park und hält ihren schweren Bauch

Unausgebildete Influencerinnen mit Sitz im Ausland vermarkten Kurse zu Alleingeburten und geben diese als natürliche Geburt an. Die Kosten liegen bei mehreren hundert Euro. © Julia Steinbrecht/KNA

Zahlen gibt es allerdings nicht. Der Anteil der außerklinischen Geburten hierzulande, die von Hebammen begleitet werden, wird auf unter zwei Prozent geschätzt.

Online-Kurse zur Alleingeburt

Oft sind es nach Worten Köbkes unausgebildete Influencerinnen mit Sitz im Ausland, die Kurse zu Alleingeburten geben und diese als natürliche Geburt vermarkten. In der Beschreibung heißt es etwa: „Stärken Sie Ihr Selbstvertrauen, gewinnen Sie Klarheit und bereiten Sie sich emotional auf die Geburt vor.“

Die Kosten liegen bei mehreren hundert Euro. „Das ist für einige Frauen die Antwort auf die Angst vor zu schnellen Interventionen bei der Geburt“, sagt Köbke.

Tatsächlich stehen Entbindungsstationen und Kreißsäle in der Kritik. Nach Informationen des Vereins Mother Hood haben zwischen 20 und 45 Prozent der Gebärenden eine Missachtung ihrer Wünsche, Respektlosigkeit bis hin zu Gewalt erlebt. Der Geburtshilfe wird zunehmend misstraut.

Negative Erfahrungen

Sarah Schmid bevorzugt den Ausdruck „Geburt in Eigenregie“. Die 44-Jährige lebt mit ihrem Mann und zehn Kindern in Frankreich. Nur bei der ersten Geburt war eine Hebamme dabei – und nicht die, die sie sich gewünscht hatte. Eine positive Erfahrung sei das nicht gewesen, sagt sie der KNA.

Deshalb entschied sie: Die nächsten Kinder kommen anders auf die Welt. Alleine sei sie bei den folgenden acht Geburten – einmal waren es Zwillinge –, aber nicht gewesen: „Manchmal hat mich eine Freundin begleitet, die gefilmt hat“, sagt Schmid, die selbst Ärztin ist. Später hat das Paar den älteren Kindern freigestellt, ob sie bei der Geburt des neuen Geschwisterchens dabei sein wollen. „Geburt ist etwas ganz Natürliches.“

Entbindung im Garten und Schafstall

Viele dieser Geburten sind auf Videos zu sehen. Entbunden hat Schmid im Wohnzimmer, im Garten, in einem Schafstall. Worüber viele andere Frauen nicht einmal mit engen Freundinnen reden wollen, ist für Schmid selbstverständlich. Sie zeigt allen, wie ihre Kinder auf die Welt kamen. Und das sei etwas Schönes. „Das öffentliche Bild von Geburt ist negativ. Geburt wird mit einem Trauma verbunden.“ Das wolle sie ändern.

Frauen sollten deshalb wieder Chefin über Schwangerschaft und Geburt werden und ihrem Körper folgen. Im Krankenhaus sei das nicht möglich. „Andere entscheiden. Man wird entmündigt.“

Schmid kritisiert außerdem die Zahl der Voruntersuchungen. „Es geht dabei um Abrechnungen mit der Krankenkasse und nicht um individuelle Bedürfnisse.“ Dies belaste werdende Mütter oftmals und mache ihnen Angst – „in einer Zeit, in der sie sich eigentlich auf ihr Kind freuen möchten“.

Die Schulmedizin sucht Schmids Ansicht nach gezielt nach Krankheiten: „Das gehört sich nicht.“ Sie wollte ihre Kinder stets so annehmen, wie sie waren. Beispielsweise stand für sie außer Frage, wissen zu wollen, ob eines der Kinder möglicherweise Trisomie 23 hat.

Alleingeburt als Systemkritik

„Eine Geburt in kompletter Eigenverantwortung ist nicht der geeignete Weg, um gegen eine Struktur anzukämpfen“, sagt Lene Hoffmann. Sie ist Sozialpädagogin, arbeitete zwölf Jahre lang freiberuflich als Hebamme und unterrichtet heute an der Universität Bonn im Studiengang Hebammenwissenschaften.

„Aus Sicht des Instituts für Hebammenwissenschaft und der Abteilung für Geburtshilfe am Universitätsklinikum Bonn stellt die Alleingeburt eine unverantwortliche Gefahr für das Leben von Mutter und Kind dar“, betont sie.

Denn eine Geburt sei nicht risikofrei, sagt Hoffmann: „Die Betreuung durch qualifizierte Gesundheitsfachkräfte vor, während und nach der Geburt kann das Leben von Frauen und Neugeborenen retten.“ Das zeige sich etwa bei der Müttersterblichkeitsrate, die aufgrund der Gesundheitsversorgung weltweit zwischen den Jahren 2000 und 2023 um etwa 40 Prozent sank.

2023 starben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO 90 Prozent der betroffenen Frauen in Ländern mit niedrigem und unterem mittlerem Einkommen.

Risiko: starke Blutungen

Häufigste Ursache für Müttersterblichkeit sind laut WHO postpartale Blutungen, die bei gut jeder zehnten vaginalen Geburt (12,6 Prozent) auftreten. Eine schnelle medizinische Versorgung sei in diesen Fällen lebensrettend, betont Andrea Köbke.

Trotzdem bleibt die Faszination der Alleingeburt. Neben der Kritik am System gibt es aus Hoffmanns Sicht weitere Gründe dafür. Ab den 1960er Jahren habe sich in Schwangerschaft und Geburt der Fokus weg von der Frau und hin auf das Kind verschoben – nach dem Motto: „Hauptsache, das Kind kommt gut auf die Welt.“ Frauen gerieten in den Hintergrund.

Dabei hatten Hebammen stets einen anderen Fokus, der auf der Gesunderhaltung der Frau lag. Starb etwa im Mittelalter eine Frau bei der Entbindung, ging der Familie eine Arbeitskraft verloren, was unter allen Umständen verhindert werden musste.

Geburt als Gemeinschaftsprojekt

Hoffmann empfiehlt deshalb: „Frauen müssen mit ihren Wünschen, Bedürfnissen und Ängsten wahrgenommen werden.“ Es brauche eine gute Kommunikation und ausreichend Zeit bei der Vorsorge. Dabei würden Hebammen – seit 2020 ist ein Studium verpflichtend – Schwangere sensibilisieren, damit diese Symptome richtig deuten können, um bei Bedarf Fachpersonal aufzusuchen.

„Frauen kennen zwar ihren Körper und den des Kindes am besten“, sagt Hoffmann. Hebammen verfügten hingegen über Fachwissen und Erfahrung. „Geburt“, sagt die Expertin, „war stets ein Gemeinschaftsprojekt unter Frauen.“ Aufzeichnungen darüber gebe es schon aus der Antike.

Doch in Zeiten, in denen die Geburtenrate in Deutschland laut Statistischem Bundesamt auf 1,32 Kinder je Frau sank (Jahr 2025) und die absolute Zahl – 654.241 – den tiefsten Stand der Nachkriegszeit erreichte, werden Kinder zu etwas Besonderem. Geburten sind heute häufig ein zelebriertes Event in einer immer stärker individualisierten Gesellschaft.

Hypnose und Nabelschnur

Dafür sprechen auch zahlreiche andere Angebote rund um Schwangerschaft und Geburt. Eine Selbsthypnose verspricht etwa eine schmerzfreie Geburt; Doulas – „Dienerin“ im Altgriechischen – sind nichtmedizinische Geburtsbegleiterinnen, die emotional unterstützen sollen; bei der Lotusgeburt wird die Nabelschnur nicht durchtrennt, sondern fällt meist nach knapp zwei Wochen selbst ab.

Hoffmann sieht darin einen Widerspruch: Einerseits müsse alles optimiert werden, andererseits wolle man auf jeden Fall ein gesundes Kind. Zunehmend verloren gehe die Einstellung: „Es ist eine Geburt, die mit Höhen und Tiefen, viel Arbeit und Emotionen verbunden ist.“