An einem Montag im August, genauer am 24. August 2026, lädt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Bauen zur Pressekonferenz in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, eine in der DDR gegründete Sportstätte zwischen Mauerpark und Schönhauser Allee. Die rund 200.000 Quadratmeter haben eine gesamtstädtische Bedeutung für den Vereins-, Schul- und Breitensport.
Treffpunkt ist dort, wo bis vor Kurzem das 1951 erbaute Große Stadion mit 20.000 Sitzplätzen stand. Jahrzehntelang war es Schauplatz Berliner Sport- und Kulturgeschichte: Länderspiele, Weltrekorde, Konzerte von Ostbands wie den Puhdys und Karat. 1992 trat Michael Jackson vor 35.000 Zuschauern auf. Jetzt ist das Stadion Geschichte im wörtlichen Sinn – abgerissen, um Platz für einen barrierefreien Neubau mit ebenfalls 20.000 Plätzen zu schaffen.
Bausenator Christian Gaebler (SPD) und Sportstaatssekretärin Franziska Becker (SPD) führen Journalisten über das Gelände. Am Anfang des Rundgangs haben sich rund 60 Protestierende der Bürgerinitiativen Jahnsportpark und der Nolympia selbst eingeladen. Sie irritieren die Damen und Herren des Senats mit Transparenten wie „Gaeblers Millionengrab“, „Sportpark für alle statt Leuchtturmprojekt“ oder „Naturwiese statt Plastikrasen“.
Presserundgang im August im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, der zu einem inklusiven Sportpark ausgebaut wird, im Bild: v. l. Franziska Becker Staatssekretärin für Sport, Christian Gaebler, Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, vor dem Model des neuen Stadions.
© Matthias Koch/imago
300 Millionen Euro, drei Bauabschnitte, ein gekürzter Kern
Erster Halt der Führung ist eine Anhöhe mit Blick über den Park. Senator und Staatssekretärin skizzieren die Eckpunkte des Vorhabens; statt eines Protestschilds halten sie eine Tafel mit dem Plan des neuen Jahnsportparks. Darauf ist links ein großes Oval zu sehen: das neue Stadion mit 20.000 Plätzen. Es kostet 207,5 Millionen Euro; gerade wird ein Generalunternehmer gesucht. Der Bausenator ist überzeugt, den Auftrag noch vor der Wahl zu vergeben. Der Stadionbau ist der zweite Bauabschnitt; der erste war das Abtragen des DDR-Stadions für 20 Millionen Euro – das Bauwerk der sozialistischen Ostmoderne enthielt Asbest.
Ein Punkt stellt das ganze Projekt infrage: der dritte Bauabschnitt. Er enthält alle Inklusionsbauten, die dem Park den beschworenen Leuchtturmcharakter verleihen würden. Ein inklusives Begegnungszentrum mit Räumen für Vereine mit Schwerpunkt Behindertensport. Dazu eine Multifunktionshalle mit vielen behindertengerechten Spielflächen, die gleichzeitig Forschungsstätte wäre.
Doch die Pläne wurden erheblich verkleinert. Im November 2024 entschied die schwarz-rote Koalition, das Budget auf 300 Millionen Euro zu begrenzen; das Parlament beschloss den sogenannten AGH-Kostendeckel im Februar 2026. Die vollständige Umsetzung des Inklusionssportparks verlangt jedoch 350 Millionen Euro, so steht es in den Bauplanungsunterlagen. Durch den Kostendeckel sinkt die Summe für den dritten Bauabschnitt von 120 auf 70 Millionen Euro.
Befürworterin: Iris Spranger (SPD), Berliner Senatorin für Inneres und Sport
© Bernd von Jutrczenka/dpa
In anderen Worten: Das Stadion wurde teurer als gedacht, deswegen muss der eigentliche Kern des Projekts schrumpfen. Beim Rundgang gibt sich der Bausenator zuversichtlich, die fehlenden Millionen zu finden. Auf viel Kritik stößt ein weiterer Punkt: die Umwandlung einer Sportwiese in einen Kunstrasenplatz. Es ist eine der wenigen verbleibenden Grünflächen der Anlage, die zur Bezeichnung Park passen.
Bis es zu dieser Pressekonferenz kam, waren viele Debatten, mehrere Beteiligungsrunden, ein Werkstattverfahren und über zehn Jahre nötig. Am Projekt wird seit 2013 gearbeitet, gezerrt und gezetert. Initiator der Erneuerung war damals Sportstaatssekretär Andreas Statzkowski (CDU), das Vorhaben war jedoch viel kleiner dimensioniert: In einer Machbarkeitsstudie des Sportsenats von 2014, der ersten von vielen Studien, wurden 30 Millionen Euro veranschlagt. Die damaligen Überlegungen sahen die Sanierung des alten Stadions vor, an einen Neubau war nicht zu denken.
Gegnerin: Pankows Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch (Grüne)
© Bündnis90/Die Grünen
Wer gegen die Pläne des Senats ist
Eine der schärfsten Kritikerinnen ist Pankows Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch (Grüne). „Der Senat plant eindeutig am Bedarf von Pankow vorbei“, moniert sie in einem Interview Ende Juli. Der Senat hatte zuvor die Bedürfnisse des Bezirks mit einer Erhebung zur sozialen Infrastruktur erfasst, im Verwaltungssprech eine SIKo-Umfrage. Daraus ging hervor: Es werden mehr Flächen für nicht organisierten Sport benötigt. „Da wird gefragt: Was braucht ihr eigentlich? Und dann wird was anderes gemacht.“ Die Senatspläne drohten, die rege Nutzung des Areals durch die Bewohnerschaft stark einzuschränken.
„Es ist ja irrsinnig“, sagt Koch, den jetzigen Park abzuschaffen und „durch eine Anlage zu ersetzen, die nur durch Vereinssport genutzt wird.“ Ihr Brief an Bausenator Gaebler von Anfang Juli blieb ohne Antwort. „Vor den Wahlen sollten keine Fakten geschaffen werden“, sagt die Bürgermeisterin mit Blick auf die laufende Vergabe des Stadionbaus, die noch vor dem 20. September stattfinden könnte. Sie hält es für sinnvoll, „Alternativen zu den Senatsplanungen“ zu erstellen; da sei sie „auf der Seite der Initiative“.
Gemeint ist die Bürgerinitiative Jahnsportpark, die viele Bewohnerinnen und Bewohner unterstützen, darunter Prominente wie der Kultautor Wladimir Kaminer, der Schauspieler Daniel Brühl und der Fotograf Stefan Draschan. Die Bürgerinitiative (BI) hinterfragte lange die Notwendigkeit eines Neubaus, denn das alte Stadion wäre sanierbar gewesen: Dort fanden 2018 Inklusions-Europameisterschaften statt – unter „besten Bedingungen“, wie es in einem Senatsbericht heißt.
Beim Rundgang schreiten Bausenator Christian Gaebler (SPD) und Sportstaatssekretärin Franziska Becker (SPD) im Gleichschritt über eine kritische Fläche: die 10.000 Quadratmeter große Sportwiese
© Aleksandra Sawa
Die Planungen gingen am Bedarf von Schul- und Vereinssport vorbei, seien ökologisch bedenklich, zu dicht bebaut und versiegelten zu viele Flächen. Daher sei der Senatsslogan „Jahnsportpark für alle“ ein Etikettenschwindel: Der Park wäre nach dem Umbau für die Bewohnerschaft viel weniger zugänglich. Aktuell konzentriert sich der Widerstand der BI auf die Umwandlung der Sportwiese in einen Kunstrasenplatz – in einem stark versiegelten Bezirk wäre das ein ökologisches Desaster.
Was die Kritik seit langem befeuert, sind Kosten und Reihenfolge der Bauabschnitte. Die Inklusionsbauten hätte man zuerst bauen sollen, dann wäre der Inklusionspark Realität geworden; jetzt drohe eine Rumpfversion. Mit Gegenvorschlägen will die BI zeigen, dass ein besserer Inklusionspark für weniger Geld möglich wäre.
Während die BI an einem Strang zieht, scheiden sich im Bezirksparlament die Geister. SPD, FDP, CDU und AfD befürworten das Projekt, 2020 stimmten sie sogar gemeinsam dafür. Die mit AfD-Stimmen erzielte Mehrheit ließ Kritik auf die Pankower SPD hageln. Der Tagesspiegel titelte damals: „‚Mit Hilfe vom rechten Rand‘: Pankower SPD nutzt AfD-Stimmen für Beschluss zum Jahn-Sportpark“. Die Linke ist strikt dagegen.
Auch wenn weitere Grüne aus Pankow die Position der Bezirksbürgermeisterin teilen, sorgt der Jahnsportpark in der Gesamtpartei für Diskussionen. Der grüne Abgeordnetenhaus-Abgeordnete Andreas Otto, Wahlkreis Pankow, gab sich im Interview im Juni abwägend: Sinnvoller wäre es, das Stadion zuletzt zu bauen, statt damit zu beginnen. Aber nun sei der Zug möglicherweise abgefahren. 2020 setzte der Senat dem bezirklichen Wirrwarr ein Ende und zog das Projekt an sich.
Presserundgang im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark mit Christian Gaebler, Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen: Der Kunstrasen kostet rund drei Millionen Euro, die Summe ist aber nicht im 300-Millionen-Budget enthalten.
© Aleksandra Sawa
Die Wiese des Anstoßes: Ein Kunstrasen mit Bundesgeld
Beim Rundgang schreiten Senator und Staatssekretärin im Gleichschritt über eine kritische Fläche: die 10.000 Quadratmeter große Sportwiese. Bezirksbürgermeisterin Koch und die BI Jahnsportpark loben sie als Stätte des unorganisierten Sports, wo man Yoga macht, Fußball spielt oder einfach spazieren geht. Dazu habe sie „ökologisches Potential als Habitatstruktur für geschützte Arten“, wie der Bezirk Anfang August mitteilte. Das Pankower Umweltamt wurde vom Senat in die Umgestaltung der Grünfläche nicht einbezogen.
Der Senat will die Wiese zu zwei Dritteln in einen Kunstrasenplatz verwandeln: 6500 Quadratmeter für Hockey, Fußball und andere Sportarten. Es sei ein wichtiger und integraler Teil des Inklusionssportparks. Doch diese Wiese wirft viele Fragen auf.
Der Kunstrasen kostet rund drei Millionen Euro, die Summe ist aber nicht im 300-Millionen-Budget enthalten. Ein Teil des Geldes kommt aus Senatsmitteln, rund 1,3 Millionen Euro stammen aus dem Bundesprogramm „Sanierung kommunaler Sportstätten“, der sogenannten Sportmilliarde. Im Frühjahr 2026 vergab der Haushaltsausschuss des Bundestags die Förderung und rettete damit ein Vorhaben, das der Kostenkappung zum Opfer gefallen war.
Die Förderbestimmungen zielen jedoch auf existierende Sportstätten ab. Ist eine gewöhnliche Wiese eine Sportstätte? Entsteht durch die Umwandlung nicht eine brandneue Sportanlage? Der Senator antwortete: Jeder Quadratmeter des Jahnsportparks sei städtebaulich betrachtet eine Sportfläche, auch der Asphalt der Straßen, die ihn durchqueren. Also sei alles in Ordnung. Die Staatssekretärin ergänzte: Vor 30 Jahren sei die Fläche sowieso ein Sportplatz gewesen. Spitzfindig merkte die BI Jahnsportpark in einer Pressemitteilung an, die Förderung stamme aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität – eine Naturfläche zu versiegeln sei nicht klimaneutral.
Ein Telefonat, das beide Seiten bestreiten
Ein ungeklärter Nebenschauplatz betrifft die Frage, wie der Kunstrasenplatz überhaupt auf die Liste der Bundesförderung kam. Zwei Personen haben der Redaktion geschildert, es habe im Frühjahr, vor der Vergabe der Fördermittel, ein Telefonat zwischen Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) und der amtierenden Vorsitzenden des Haushaltsausschusses, Lisa Paus (Grüne), gegeben. Beide bestreiten das. Ob der Anruf tatsächlich stattfand, lässt sich nicht endgültig feststellen.
Die beiden Personen haben ihre Version unabhängig voneinander erzählt. Die eine ist für, die andere gegen das Projekt. Beide Schilderungen waren bis in die Details deckungsgleich – daher der Entschluss, darüber zu berichten. Ein Beleg dafür, dass ein solches Gespräch die Förderentscheidung beeinflusst hätte, liegt nicht vor.
Laut Quellen aus dem Haushaltsausschuss, die nicht genannt werden wollen, wird über die geförderten Projekte in wenigen Minuten entschieden. Die Abgeordneten stimmen über eine Liste mit über 300 Projekten ab, in der Regel eines pro Wahlkreis. Zuvor sollen sich alle Parteien bis auf die AfD beraten, wie die Gelder verteilt werden.
Wer die mehr als 3000 eingereichten Projekte letztlich auf 300 eindampft, ist nicht klar. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen verweist auf den Haushaltsausschuss des Bundestags, der allein entscheide. Unterstützt werde dieser allerdings vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), wo die Anträge geprüft und bewertet werden. Das BBSR verweist wiederum auf das Ministerium. Ausschussvorsitzende Paus teilte auf Anfrage mit, die Tischvorlage werde dem Ausschuss „durch die Koalitionsfraktionen vorgelegt“.
Pankow hatte übrigens sieben Anträge bei der Sportmilliarde gestellt, wie aus einer Kleinen Anfrage des Abgeordneten Andreas Otto (Grüne) vom Mai 2026 hervorgeht. Sie wurden alle von den Senatsanträgen verdrängt. Zwei davon bezweckten die Sanierung real existierender Kunstrasenflächen: Sie kosteten 1,8 und 2,5 Millionen Euro, so der Pankower Bezirksstadtrat für Sport, Jörn Pasternack (CDU).
Kostenexplosion: von 97 auf 207,5 Millionen Euro
Die Kostenentwicklung des Stadions scheint vom olympischen Motto inspiriert zu sein: schneller, höher, teurer. Der siegreiche Entwurf wurde im April 2022 mit 97 Millionen Euro beziffert. In den Vorplanungsunterlagen von November 2023 schwoll die Summe auf 175 Millionen Euro an – 80 Prozent mehr. In den Bauplänen zwei Jahre später, im November 2025, war sie auf 207,5 Millionen Euro geklettert. Das ist eine Steigerung von 114 Prozent gegenüber dem Siegerentwurf.
Blickt man auf die Kosten anderer Stadien ähnlicher Größe und Bauweise, die nicht in Berlin geplant wurden, fällt der Unterschied auf. Auch dort gab es Budgetüberschreitungen, wenn auch kleinere. Das Ende 2023 eröffnete Florian-Krygier-Stadion in Stettin mit 21.000 Plätzen sollte zuerst 55 Millionen Euro kosten, am Ende waren es rund 85 Millionen Euro. Sicherlich sind die Baukosten in Polen für derartige Gebäude um ein Drittel günstiger als in Deutschland – in Österreich sind sie vergleichbar.
Die Raiffeisen-Arena in Linz wurde Anfang 2023 eröffnet, bietet 19.000 Plätze und kostete über 100 Millionen Euro. Auch hier gab es eine starke Kostensteigerung, doch die Gründe waren transparent: zusätzliche Bauten wie Premiumebenen, ein Fandorf und Businessbereiche. 2025 erhielt der Bau den German Design Award. Das Europa-Park-Stadion in Freiburg im Breisgau bietet sogar 34.700 Plätze für 77 Millionen Euro. Die 2021 eröffnete Anlage beherbergt die Geschäftsstelle des SC Freiburg und ist somit keine reine Sportstätte. Da die Baupreise für diese Art von Projekten zwischen 2021 und 2025 um 35 Prozent stiegen, hätte das Freiburger Stadion bei einer Fertigstellung 2025 rund 104 Millionen Euro gekostet.
Mit 10.375 Euro pro Platz gewinnt das neue Jahnstadion das Rennen um die teuerste Sportstätte. Die anderen Stadien rangieren weit dahinter: Ihre Plätze kosten zwischen rund 2200 und 5300 Euro.
Um den Kostenzuwachs zu erklären, wird die rasante Baupreisentwicklung vorgeschoben, die wegen der Verzögerungen zu Buche schlage. Doch das ist wenig überzeugend. Architekt Philipp Dittrich von der BI Jahnsportpark rechnet vor: Nach dem Baupreisindex des Statistischen Bundesamtes würden die ursprünglichen Kosten des Stadions heute 149 Millionen Euro betragen, „das ist ein Unterschied von knapp 60 Mio. Euro gegenüber dem heute genannten Betrag". Er hat die Zahlen des Senats genau geprüft und vermutet, der Hase liege im Kostensprung von 97 auf 175 Millionen Euro begraben, der zwischen 2022 und 2023 stattfand.
Dittrich schätzt den architektonischen Anspruch des neuen Stadions, entworfen vom Dresdner Büro O+M, die über Stadionerfahrung verfügen. Allerdings werde die „Massivität" des fertigen Baus unterschätzt: „Es wird den Park und das Viertel dominieren", meint Dittrich.
Zur Kostenentwicklung befragt, vermeidet die Pressestelle der Senatsverwaltung für Bauen trotz entsprechender Bitte Zahlen und Daten und setzt auf die Vorzüge des Amtsdeutschs: „Wesentliche Stationen der Kostenentwicklung resultieren aus dem Planungs- und Baufortschritt des 1. und 2. Bauabschnitts: Fortschreibung der Planung (vom Bedarfsprogramm zu Ausschreibungsunterlagen) und Anpassung des Rückbauumfangs auf den umzusetzenden Neubau und die vor Ort befindlichen Gegebenheiten (Mehrmengen Rückbau und zusätzliche Schadstofffunde).“
Sicht eines Befürworters: Starkes Signal für Inklusion
Christoph Pisarz kennt die Diskussionen zum Jahnsportpark wie kein Zweiter. Als Bereichsleiter bei Pfeffersport begleitet er das Projekt seit 2014. Der Verein zählt über 5500 Mitglieder und steht für Inklusion durch Sport für alle: Menschen mit Behinderung, Mädchen und Minderheiten. Wie andere Vereine – Alba, Empor, Rotation und weitere – versprach man sich vom erneuerten Park Räume und Flächen. Deswegen unterstützen die Vereine das Projekt. Als Pisarz im Interview Ende August die Einwände ein weiteres Mal hört, bleibt er endlos gelassen.
Pisarz ist Rollstuhlfahrer und ein begnadeter Sprecher. Auf jeden Einwand hat er eine Antwort, unerwartete Kritik kontert er schnell. Seine Leidenschaft für Inklusion ist spürbar, er sieht das Projekt aus einer viel höheren Perspektive: der der Inklusion in Deutschland. Der neue Jahnsportpark könne ihr über Berlin hinaus Rückenwind geben: „Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention 2009 unterschrieben, aber es gibt noch sehr viel zu tun.“
Tatsächlich prüfte die UN 2023 die Fortschritte Deutschlands und sah erhebliche Umsetzungsmängel. Daran erinnert Pisarz und erzählt von befreundeten Rollstuhlfahrern, die bei Auslandsreisen vom Vorsprung anderer Länder bei der Inklusion erstaunt waren. „Ja, der Park ist teuer“, sagt Pisarz, „aber er könnte für Menschen mit Behinderung in Berlin eine Chance werden, ohne fremde Hilfe autark und eigenständig Sport zu treiben.“ Auch für Personen mit Einschränkungen jeglicher Art, was viele ab einem gewissen Alter betreffe. In der ursprünglich geplanten Forschungsstätte im dritten Bauabschnitt könnten neue inklusive Sportarten entwickelt werden – angesichts des demografischen Wandels erscheint das sinnvoll.
Ihn stört die Stabilität der Kritik: „Es gab sehr lange Beteiligungsprozesse, die Bewohner wurden angehört, konnten an entscheidenden Stellen mitbestimmen, aber ihre Haltung hat sich nicht geändert.“ Das habe das Vorhaben verzögert und verteuert. Pisarz glaubt, die fehlenden 30 Millionen Euro zur vollständigen Umsetzung des Inklusionsparks ließen sich nach der Wahl finden. Falls nicht? „Das wäre wirklich nicht gut, das wäre ein weiteres Armutszeugnis für den Umgang mit Inklusion.“ Wie ein Mitglied der BI Jahnsportpark anmerkte: Dann hätten viele Vereine aus dem Park das Projekt umsonst unterstützt.
Ein Park voller Geheimnisse
Aus dem Jahnsportpark einen Inklusionssportpark zu machen, ist ein notwendiges Vorhaben. Allerdings gibt die Art der Planung und Umsetzung Anlass für viele Fragen, die nicht oder kaum beantwortet werden. Hätte eine Sanierung des alten Stadions nicht zu einer schnelleren und günstigeren Umsetzung geführt? Wenn ein Neubau tatsächlich alternativlos war, warum kostet er so viel mehr als vergleichbare Bauten im In- und Ausland? Warum lässt man zu, dass die gestiegenen Kosten des Stadions den eigentlichen Kern des Projekts gefährden? Warum zieht der Senat Pankows Bedürfnisse nicht in Betracht, sondern setzt seine Pläne einseitig um? Und gab es tatsächlich ein Gespräch, das die Förderentscheidung beeinflusst hat? Das sind Rätsel, die eine Auflösung verdienen – am 20. September stimmen die Berlinerinnen und Berliner auch darüber ab, wer sie auflöst.
Was die Spitzenkandidaten zum Jahnsportpark sagen
CDU – Stefan Evers: Der Spitzenkandidat lässt über seinen Sprecher Michael Ginsburg ausrichten: „Der Jahnsportpark und der Neubau des Stadions sind ein zentrales Projekt für die Zukunft der Sportmetropole Berlin.“ Der amtierende Finanzsenator klingt beim Kandidaten durch: Wegen des klammen Haushalts sei „bei allen Großvorhaben darauf zu achten, welche Potenziale zur Kostensenkung bestehen“.
SPD – Steffen Krach: Krach ist „selbst leidenschaftlicher Sportler“, der Jahnsportpark soll Ort für „Schulsport, Sportvereine“ und die „Nachbarschaft“ werden. Dort würden „Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Sport treiben“. Jedoch verlange die „angespannte Haushaltslage dabei klare Prioritäten“, damit es zu einem „Beispiel für inklusive Sportstandorte wird“. In Berlins Sportinfrastruktur müsse investiert werden.
Grüne – Werner Graf: Der „inklusive Sport in Berlin braucht mehr Sportstätten“, sagt Graf. Er bringt eine Umplanung ins Spiel „aufgrund fehlender Finanzen in der nächsten Legislaturperiode“. Deswegen „müssen mehr Bewegungsmöglichkeiten für alle sowie Natur- und Umweltschutz im Fokus stehen.“
Linke – Maximilian Schirmer (Landesvorsitzender, Direktkandidat in Pankow): Er sieht im Jahnsportpark keinen „Sportpark für alle“, sondern ein „Millionengrab“. Der Senat setze „auf ein überdimensioniertes Prestigeprojekt“, während bei Schulen und Sozialem „jeder Euro umgedreht wird“. Die Olympiabewerbung könnte ein Vorwand werden, das umstrittene Bauvorhaben „mit der Brechstange durchzusetzen“.
AfD – Kristin Brinker: Wenn ein Inklusionssportpark geplant sei, „müssen die dafür vorgesehenen Angebote auch verbindlich gesichert und finanziert werden“. Brinker will den Park ohne Abstriche; der Senat müsse die „vorgesehenen Angebote für Inklusions-, Vereins- und Breitensport tatsächlich umsetzen“.
FDP – Christoph Meyer: Den Umbau findet Meyer „grundsätzlich richtig“, sieht aber Fehler beim Senat: „Wer bei der Planung falsch kalkuliert, darf die Folgen nicht einfach an die Bürgerinnen und Bürger weiterreichen“ – und an der Inklusion sparen. Bei einer Olympiabewerbung könne „der Jahnsportpark zusätzlich an Bedeutung gewinnen“.
BSW – Alexander King: King ist für den Umbau, versteht das Sparen an den Inklusionsbauten aber nicht: „Mit dem Geld, das der Senat vom Bund aus dem Sondervermögen Infrastruktur erhalten hat, ließe sich leicht die Finanzierungslücke beim Jahnsportpark schließen.“ Der Senat gebe Milliarden für Infrastruktur aus und spare an anderer Stelle: „Das kann man dem Bürger nicht erklären.“
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