"Judith & Holofernes" in Retz: Enthauptung in der Stadtpfarrkirche

Oper

"Judith & Holofernes" in Retz: Enthauptung in der Stadtpfarrkirche

Beim Festival Retz zeigt man Alessandro Scarlattis szenisches Oratorium. Das Bibeldrama wird mit filmischen Vervielfachungen inszeniert

Ljubiša Tošić

Eine Person steht auf einer Bühne und trägt ein blutbeflecktes weißes Kleid. Sie hält ein Schwert in einer ausdrucksstarken Pose. Im Hintergrund sind ein roter Lichteffekt und eine Kulisse mit religiösen Elementen zu sehen. Auf der Bühne liegt ein großes weißes Tuch.
Carolina Lippo gestaltet den Extremzustand der Judith präzise aus. Ihr blutiges, weißes Unterkleid deutet auf ihre Tat hin, die man nicht sieht.

Es ist längst Tradition, allerdings stets interessant, wie der Raum der Stadtpfarrkirche zur szenischen Ereignisbühne geformt wird. Die Prozession der Vermummten, welche die in Trauerschwarz gehüllte Judith zwischen den Bänken Richtung Altarraum begleiten, ist sozusagen das routinierte Präludium. Was folgt, ist allerdings eine per Kamera vollzogene Übersetzung des Geschehens in ein kreisförmiges Filmformat. Was sich im Altarbereich abspielt, erlangt insofern eine interessante Vervielfachung.

Das inhaltstragende "Pärchen" ist nicht unbekannt: Es geht um die alttestamentarische Geschichte von Judith, die Holofernes für sich einnimmt, um den Feldherrn, der ihre Heimatstadt belagert, schließlich kopflos zu machen. Caravaggio hat es in seinem Gemälde Judith und Holofernes verewigt; Alessandro Scarlatti bündelt die Geschichte zu eleganter Musik.

Eine Theaterinszenierung mit dramatischem Setting: Mehrere Personen in schwarzen Gewändern und Masken stehen auf der Bühne. Eine Person hält ein blutiges Objekt, während eine Frau in einem weißen, blutbefleckten Kleid agiert. Der Hintergrund zeigt eine prunkvolle, kirchenartige Architektur.
Am Schluss schreitet man mit Holofernes’ Kopf triumphal aus dem Saal.

Wutabsicht und zahmes Opfer

Hartmut Schörghofer, Regisseur und Bühnenbildner, formt die Hauptfigur zur Leidensskulptur, deren Extremzustand bei Carolina Lippo präzise ausgestaltet ist. Lippo vermittelt als Judith die kantablen Ideen zumeist mit edlem Ton. Ihre hinter Schmeicheleien verhüllten Wutabsichten strahlen Intensität aus. Ideal wird Judiths Zwiespalt vermittelt. Sie erstarrt quasi zur Statue, wenn Holofernes sie zum ersten Mal berührt, und agiert entschlossen, wenn es darum geht, ihn umgarnend zu täuschen.

Holofernes, der zuerst auf der Kanzel mit goldenem Kettenhemd erscheint, wird schließlich zum handzahmen Opfer. Judiths blutiges, weißes Unterkleid deutet auf ihre Tat hin, die man nicht sieht. Bis auf den Schluss, wenn mit Holofernes’ Kopf triumphal aus dem Saal herausgeschritten wird, ist szenisch also von dezentem Minimalismus zu sprechen, der von der filmischen Verdopplung produktiv aufgeladen wird.

Dezent auch die musikalische Umsetzung. Das Ensemble Continuum Wien und Dirigent Luca De Marchi verbinden historisch informierte, vibratoarme Spielweise mit spielfreudigen Impulsen. Das Vokale profitiert: Chiara Brunello (als Amme) gelingt die Verbindung von Sicherheit und samtig eingehegter Intensität. Auch Luigi Morassi als Holofernes lässt – in dieser rekonstruierten Originalfassung dieses Bibeldramas – edles Timbre und Präsenz verschmelzen. (Ljubiša Tošić, 12.7.2026)

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