Kabinett-Chaos geht in die nächste Runde: Die Ära Merz könnte schnell enden
Stand: 28.07.2026, 20:10 Uhr
Der mögliche Neustart ist für den Kanzler in die Hose gegangen. Nun entzieht ihm die eigene Partei das Vertrauen – mit schweren Folgen. Eine kommentierende Analyse.
Berlin – Angefangen hat es mit einem Foto von Jens Spahn mit Mann und neuem Nachwuchs – nicht einmal zwei Wochen später droht Friedrich Merz (CDU) die politische Katastrophe. Der Bundeskanzler nutzte Spahns Rücktritt im Leihmutter-Eklat zum umfassenden Umbau der Schaltstellen der Macht. Doch aus dem erhofften Signal der Erneuerung wurde nichts. Stattdessen könnte die bemerkenswerte Abfolge an Missgeschicken das Ende der Ära Merz bedeuten.

Die Personalrochaden in Kurzform: Nachfolger Spahns als Unionsfraktionschef wird der Merz-Vertraute Thorsten Frei. Dessen frei werdende Position als Kanzleramtsminister übernimmt Nina Warken. Die wird im Gesundheitsministerium von noch-CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann beerbt – der noch vor einem Jahr sagte, als Gesundheitsminister wäre er „wahrscheinlich nicht erfolgreich“. Außerdem warf Merz überraschend seinen Verkehrsminister Patrick Schnieder hinaus. Nur um ihn erstmal weiter im Amt hängen zu lassen, da sein designierter Nachfolger den Job doch nicht antreten wollte.
Merz verliert das Vertrauen der CDU-Basis – mit bitteren Folgen
Besonders Letzteres sorgte in der CDU für Entsetzen. Viele Parteimitglieder hielten die Arbeit des Verkehrsministers für solide – zumindest nicht für so schlecht, dass ein Rauswurf gerechtfertigt wäre. Vor allem die Art und Weise ruft Kritik hervor. So teilte Merz Schnieder, der gerade im Urlaub war, die Entlassung am Telefon mit. Schnieder informierte im Anschluss seine Mitarbeiter – nur, um dann nicht entlassen zu werden, weil sich kein Nachfolger fand. Merz ließ Schnieder im Unklaren, bis dieser am Sonntag selbst hinschmiss, um den „unwürdigen Zustand“ zu beenden. Ein offener Angriff auf den Kanzler. Zurecht, finden viele in der Union.
Schnieders Bruder Gordon ist frisch gewählter CDU-Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz. Er und sein Landesverband sind wütend über den Umgang mit dem Verwandten und rheinland-pfälzischen Landsmann in Berlin. Die Landesfraktion sagte ein geplantes Treffen mit Merz kurzerhand ab. Doch damit nicht genug. Wohl selten gab es derart offene und lagerübergreifende Kritik am Kanzler, wie beim virtuellen CDU-Vorstandstreffen am Montag. Die Stimmung in Fraktion, Landesverbänden und an der Basis sei im Keller, beklagen viele Funktionäre. Verantwortlich dafür: Der Kanzler und sein miserabler Umgang mit den eigenen Leuten.
Mit Franziska Hoppermann wird eine Hamburgerin neue Generalsekretärin, mit Steffen Bilger ein Baden-Württemberger neuer Verkehrsminister. Der Landesverband Rheinland-Pfalz verliert einen Minister, ohne ein Amt mit ähnlichem Stellenwert als Ersatz zu bekommen. Was für Außenstehende wie eine Kleinigkeit wirken mag, ist in der CDU für viele ein echtes Problem. Der Proporz ist in der Union wichtig, Merz’ offene Missachtung dessen werten viele in den Landesverbänden als Vertrauensbruch.
Als genüge das nicht, um den Kanzler bei seinen eigenen Leuten ins schlechte Licht zu rücken, setzte der Parlamentarische Staatssekretär im Gesundheitsministerium, Tino Sorge, am Montag noch einen drauf. Auch ihn feuerte Merz – die Art und Weise hat in der Union eingeschlagen wie eine Bombe, als Sorge darüber auf seinen sozialen Kanälen berichtete. „Die Entscheidung des Bundeskanzlers nehme ich zur Kenntnis. Dass er sie – anstelle eines persönlichen Gesprächs mit mir – zuerst in Parteigremien und vor der Presse verkündet hat, bleibt seine eigene Stilfrage.“ Ein Frontalangriff auf Merz und das nächste Problem für den Kanzler.
Neuer Newsletter „Unterm Strich“
Was? Exklusive Einblicke in den Politik-Betrieb, Interviews und Analysen – von unseren Experten der Agenda-Redaktion von IPPEN.MEDIA
Wann? Jeden Freitag
Für wen? Alle, die sich für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft interessieren
Wo? Direkt in ihrem E-Mail-Postfach
Wie? Nach einer kurzen Registrierung bei unserem Medien-Login USER.ID hier kostenlos für den Newsletter anmelden
Nun könnte man fragen: Interne Krisen gibt es doch fast immer und überall, ist das nicht nur ein Thema der Berliner Blase und der Politik-Nerds? Nicht nur. Denn gerade scheint ein Fundament der Union ins Wanken zu geraten: dass sich trotz Unmuts zusammengerauft wird, wenn es ernst wird. Dann stellt sich die Partei geschlossen hinter die Führung. Dieses unausgesprochene Gesetz der Macht verspielt Merz gerade – und damit auch seine Chancen auf eine zweite Amtszeit, für die er sich dem Vernehmen nach sehr interessiert. Ohne Rückhalt aus den Ländern wird Merz seinen Spitzenposten nicht behalten können.
Die Umfragen sprechen ohnehin nicht für Merz und die Union. Nun fehlt ihm wohl auch noch der interne Rückhalt. Die Ära Merz dürfte kürzer dauern, als dem Kanzler selbst lieb ist. Bis zur nächsten Bundestagswahl – hoffentlich erst 2029 – kann noch viel passieren. Verspieltes Vertrauen zurückzugewinnen (sowohl bei der Bevölkerung als auch in der eigenen Partei) dauert aber oft Jahre – wenn es überhaupt gelingt. Folgen könnte der Zoff schon früher haben: Die Koalition aus CDU, CSU und SPD hat nur eine Mehrheit von 12 Stimmen im Bundestag. Entschließen sich einige Unionsabgeordnete, gegen den unbeliebten eigenen Kanzler zu stimmen, droht der Koalition die nächste Krise. (Quellen: eigene Recherchen und Gespräche, CDU/CSU-Bundestagsfraktion, PM Patrick Schnieder, PM Tino Sorge)