Kanzlertausch oder Kurswechsel? SPD-Mann fordert „richtige politische Konsequenzen“ – und warnt Merz
Stand: 21.09.2026, 21:15 Uhr
Kommentare
Kann Merz sich halten? Der Kanzler hat sich klar positioniert – doch seine Partei schwächelt. Die SPD dringt auf einen Kurswechsel und warnt vor vor einem „Weiter so“. Eine Analyse.
Berlin – Nach den Wahlen werden die Karten neu gemischt. Friedrich Merz hatte sich nur Minuten nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen zu Wort gemeldet und betont: Er will Bundeskanzler und Parteivorsitzender bleiben. Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin hatte seine Partei schwach abgeschnitten – wie schon davor bei der Wahl in Sachsen-Anhalt.

Beobachter sehen darin den Versuch eines Befreiungsschlags. Nachdem in der vergangenen Woche erneut gar vom Kanzlertausch die Rede war, wächst der Druck auf Merz noch einmal deutlich. Aber auch beim Koalitionspartner SPD läuten die Alarmglocken. In Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD als stärkste Kraft aus der Wahl hervorgegangen. Dass die SPD nur knapp dahinter auf Platz 2 gelandet ist und halbwegs ordentlich abschneiden konnte, dürfte vor allem am Manuela-Schwesig-Bonus liegen: Die Ministerpräsidentin ist unabhängig von der Parteifarbe beliebt im Bundesland.
Braucht es einen Personalwechsel an der Spitze der Koalition? In der SPD-Fraktion gibt man sich eher zurückhaltend bei der Frage. Insgesamt ist der Tenor: Jetzt bloß keine Unruhe. Einer, der sich klar äußert, ist der aus Bochum stammende SPD-Bundestagsabgeordnete Serdar Yüksel. „Ob Friedrich Merz Kanzler bleibt, entscheidet zunächst der Kanzler selbst und am Ende die CDU. Das ist nicht unsere Personalentscheidung als SPD“, sagte er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Nach MV-Wahl: „Richtige politische Konsequenzen“
Er halte wenig davon, durch Personaldebatten Unruhe zu erzeugen. Aber: „Stabilität darf nicht mit einem ‚Weiter so‘ verwechselt werden. Die Bundesregierung muss beim Reformkurs an entscheidenden Stellen korrigieren. Für mich ist deshalb nicht die Personalfrage entscheidend, sondern die Frage, ob jetzt die richtigen politischen Konsequenzen gezogen werden. Darüber sollten wir reden.“
Es zeichnet sich ab: Bei den Reformplänen dringt die SPD auf Nachjustierung. Fraktionschef Matthias Miersch stellte eine Kurskorrektur in den Raum: „Diese Reformen stehen augenblicklich in erster Linie für Kürzung“, sagte Miersch am Montag bei der ARD. Die stellvertretende Partei-Vorsitzende Anke Rehlinger fordert gar deutliche Korrekturen: „Unser Land braucht bessere, braucht sozial gerechte Reformen“, sagte die saarländische Ministerpräsidentin im Deutschlandfunk.
Yüksel formuliert es so: „Reformen müssen wirtschaftliche Stärke, soziale Sicherheit und einen handlungsfähigen Staat zusammenbringen. Deshalb müssen wir an entscheidenden Stellen nachsteuern.“ Ein Thema, das in der Koalition immer wieder für Debatten sorgt und die Opposition regelmäßig für Kritik auf den Plan ruft: die Rentenpläne. „Bei der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren brauchen wir deutlich längere Übergangsfristen“, fordert jetzt SPD-Politiker Yüksel. „Wer jahrzehntelang gearbeitet und Beiträge gezahlt hat, braucht Verlässlichkeit und darf nicht kurz vor dem Ruhestand vor neue Bedingungen gestellt werden.“ Merz hatte zuletzt auf ein Aus der sogenannten „Rente ab 63“ gedrungen.
Yüksels Forderungen gehen noch weiter: „Die beabsichtigten Kürzungen beim Wohngeld müssen zurückgenommen werden. Auch bei Elterngeld und Unterhaltsvorschuss darf nicht auf Kosten von Familien und Alleinerziehenden gespart werden. „Und die geplante Ausweitung der sachgrundlosen Befristung auf bis zu 48 Monate muss vom Tisch.“ Der Abgeordnete, der aus Bochum stammt, will außerdem, dass klamme Kommunen gestärkt werden. „Deshalb fordere ich zusätzlich ein 30-Milliarden-Euro-Paket für Liquiditätshilfen für die Kommunen bis 2030. Unsere Städte und Gemeinden finanziellen Handlungsspielraum.“
Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt sei „eine Zäsur für unsere wiedervereinigte Demokratie“, das dürfe man nicht wegdiskutieren. „Aber jetzt in Sack und Asche zu gehen, wäre die falsche Antwort“, findet Yüksel. Man müsse jetzt „Brot-und-Butter-Themen“ angehen, sagt der SPD-Mann und meint vor allem sozialpolitische Fragen. Die Koalition wird bald wohl erneut Gespräche führen müssen. Von deren Ausgang wird auch abhängen, ob Friedrich Merz sich als Bundeskanzler halten kann. (Quellen: Serdar Yüksel, eigene Recherchen, ARD, Deutschlandfunk)