Keine CDU-Stimmen für AfD? Müller wittert Aktion gegen seine Partei – Reichinnek kontert: „erbärmlich“
Stand: 09.10.2026, 21:56 Uhr
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Vier Stimmen zu viel für den AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt – und die CDU-Führung zeigt mit dem Finger auf die politische Konkurrenz.
Magdeburg – Vier Stimmen, über die die Republik spricht. Tobias Rausch bekam bei seiner Wahl zum Landtagspräsidenten am Dienstag, dem 7. Oktober 2026, vier Stimmen mehr, als AfD und BSW zusammen Sitze im Magdeburger Landtag haben. 48 Ja-Stimmen insgesamt, 29 Nein, 5 Enthaltungen – und eine Frage, die seitdem Deutschland beschäftigt: Woher kamen diese vier Extrastimmen? Rausch selbst lässt keinen Zweifel: Auf die direkte Frage, ob CDU-Abgeordnete für ihn gestimmt hätten, antwortete er dem rechten Portal Nius schlicht mit „Ja“. Er sei im Vorfeld zu einzelnen Abgeordneten gefahren, manche seien auch zu ihm gekommen. Rausch geht laut demnach außerdem davon aus, dass dieselben CDU-Abgeordneten AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auch bei der Ministerpräsidentenwahl im Dezember unterstützen werden.

Innerhalb der CDU reagierte man gespalten. CDU-Staatssekretärin Güler sagte bei RTL und ntv offen, was viele dachten: Wenn von 14 anwesenden CDU-Abgeordneten am Ende nur fünf Enthaltungen protokolliert wurden, habe „der eine oder andere diese Entscheidung mitgetragen“. Damit widersprach sie der Linie ihrer eigenen Parteiführung – und das öffentlich.
CDU-Führung schiebt Schuld auf Opposition: False-Flag-Vorwurf
Bundeskanzler Friedrich Merz und CDU-Vize Sepp Müller wählten einen anderen Weg. Merz deutete auf einer Berliner Veranstaltung an, SPD, Grüne oder Linke könnten gezielt für Rausch gestimmt haben, um der CDU zu schaden: „False-Flag-Operationen gibt es nicht nur militärisch, sondern auch politisch“, sagte er laut MDR. Müller schloss sich dieser Deutung an – warf aber zugleich Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) einen taktischen Fehler vor: Dessen Empfehlung zur Enthaltung sei falsch gewesen, obwohl Kollegen in der Fraktionssitzung bereits angekündigt hatten, gegen Rausch zu stimmen, so Müller beim MDR.
Dass Müller ausgerechnet nach außen zeigt, fällt parteiintern auf. Laut F.A.Z. gibt es in der CDU die verbreitete Einschätzung, die Stimmen für Rausch seien aus dem Lager des abgelösten Fraktionsvorsitzenden Guido Heuer gekommen – und Müller gilt als enger Verbündeter Heuers. Schulze hatte sich kurz vor der Abstimmung mit 8 zu 7 Stimmen gegen Heuer als Fraktionsvorsitzender durchgesetzt. Müller kündigte daraufhin an, beim CDU-Landesparteitag im Dezember für den Landesvorsitz zu kandidieren. Die F.A.Z. berichtet zudem von möglichen Absprachen zwischen Teilen der CDU und der AfD: Demnach könnten CDU-Stimmen für Rausch im Gegenzug für AfD-Stimmen für den CDU-Abgeordneten Carsten Borchert als Landtagsvizepräsident geflossen sein – ergänzt möglicherweise durch Absprachen über die Verteilung von Ausschussvorsitzen.
Reichinnek, SPD und Wissenschaftler: Stimmen kamen aus der CDU
Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek wies die False-Flag-These beim MDR scharf zurück: „Dieses Manöver von Herrn Müller ist genauso erbärmlich, wie es durchschaubar ist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Stimmen aus der Union gekommen sind.“ Für sie ist die Wahl Rauschs eine Zäsur – und das Ende der viel zitierten Brandmauer: „Diese Brandmauer, von der die Union immer noch redet, die gibt es schon lange nicht mehr.“
SPD-Fraktionschefin Katja Pähle zweifelte beim MDR ebenfalls am Abstimmungsverhalten der CDU: Wenn man die Zahlen durchrechne, müssten sich die übrigen CDU-Abgeordneten „irgendwie auf andere Stimmen verteilt haben“. SPD-Chef Lars Klingbeil nannte die Wahl Rauschs laut Deutschlandfunk einen „Tabubruch“ und forderte von CDU und BSW eine Erklärung.
Politikwissenschaftler Janek Treiber von der TU Dresden hält eine gezielte False-Flag-Aktion der Opposition beim MDR für wenig wahrscheinlich. Sein Kollege Christian Stecker kommt zu einem ähnlichen Schluss: „Wenn man so ein bisschen plausibel spekulieren möchte, ist es relativ klar, dass das Stimmen aus der CDU waren“ – und warnte, dieselben Abgeordneten könnten Siegmund auch zum Ministerpräsidenten wählen. Da auch diese Abstimmung geheim sein wird, dürfte sich die Frage nach den Überläufern so schnell nicht klären lassen. (Quellen: MDR Aktuell, Deutschlandfunk, F.A.Z., RTL/ntv) (cgsc)