„Russisches Amazon“: Kiews Strategie hinter Wildberries-Angriffen

„Russisches Amazon“

In den vergangenen Wochen haben die ukrainischen Streitkräfte mehrmals riesige Lagerhäuser des russischen Amazon-Pendants Wildberries mit Drohnen angegriffen. Begründet werden die Attacken auf nicht militärische Infrastruktur mit möglichem Rüstungsgüterhandel auf der Plattform. Beobachterinnen und Beobachter gehen aber davon aus, dass die Ukraine vor allem der russischen Wirtschaft und den Banken schaden will.

Online seit gestern, 20.47 Uhr

Zumindest teilweise dürfte das aus Sicht der ukrainischen Streitkräfte gelungen sein: Der Kreml räumte laut Reuters-Angaben bereits ein, dass Wildberries bei Bedarf subventioniert werden muss. Insgesamt dürfte der Onlinehändler durch die ukrainischen Angriffe etwa zwanzig Prozent seiner Lagerkapazitäten und riesige Mengen an Gütern verloren haben.

Am Freitag erst wurde ein Logistikzentrum im etwa 300 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernten Wolgograd getroffen. Laut dem Unternehmen wurde niemand verletzt. Ein Brand sei ausgebrochen.

Auch am Vortag gab es Angriffe mit schweren Schäden: Im weit im russischen Hinterland gelegenen Sarapul, einer Großstadt in der Teilrepublik Udmurtien, traf es eine 50.000 Quadratmeter große Anlage. Sie brannte nach Medienberichten auf ganzer Fläche. Laut Angaben von Wildberries wurden alle Beschäftigten rechtzeitig in Sicherheit gebracht.

Zahlreiche Logistikzentren in zwei Wochen getroffen

Auch in der Großstadt Pensa in Westrussland war am Donnerstag ein Depot mit geschätzt 180.000 Quadratmeter Fläche in Brand geraten. Augenzeugen filmten kilometerhohe Rauchwolken. Laut russischen Behördenangaben wurde dort ein Mensch verletzt, rund 200 Personen wurden in Sicherheit gebracht.

Damit griffen die ukrainischen Truppen in weniger als zwei Wochen mindestens 14 Logistikzentren von Wildberries an. Mindestens zehn sind teilweise oder ganz ausgebrannt. Auch der zweitgrößte russische Onlinehändler Ozon warnte vor Angriffen.

Weil die Ukraine vor allem die Großlager traf, dürften inzwischen mehr als eine Million Quadratmeter ausgebrannt sein. Nach Berechnung des russischen, unabhängigen Wirtschaftsportals The Bell vernichteten die Flammen allein Lagerräume mindestens im Wert von umgerechnet 400 Millionen Euro. Die dort gelagerten Waren hatten noch einmal einen Wert von knapp 1,7 Milliarden Euro.

Für Wildberries werden die Angriffe damit zu einer existenziellen Bedrohung. Das Unternehmen versuchte zuletzt bereits, mit Hilfe von Krediten stark zu wachsen und baute die Lagerflächen im Eiltempo aus. Auch eine eigene Onlinebank und ein Reisebüro wurden geschaffen.

„Größter Kreditnehmer Russlands“

Das ukrainische Militär selbst begründete die Attacken damit, dass auf der Onlineplattform Rüstungsgüter gehandelt würden wie FPV-Drohnen, Glasfaserkabel für deren Steuerung, Panzerplatten und Schutzwesten. Tatsächlich ist der Anteil der bei Wildberries gehandelten militärischen Güter aber gering.

Die Argumentation sei mit jener des Kremls vergleichbar, als das russische Militär im Winter Kraftwerke in der Ukraine bombardierte, weil diese angeblich auch Wärme und Strom für ukrainische Soldaten produzierten, sagte der Journalist Wladislaw Gorin in seinem Podcast des russischen Exilmediums Medusa.

Laut dem britischen „Guardian“, der einen Angestellten einer ukrainischen Rüstungsfirma zitiert, wird Wildberries von der Ukraine auch wegen seiner Partnerschaft mit der staatlichen Bank VTB ins Visier genommen. Er bezeichnete den Onlinehändler als „größten Kreditnehmer Russlands“. Das Ende von Wildberries könnte zum „Zusammenbruch einer großen Anzahl von Banken führen“.

Rauchsäule über Lagerzentrum in Elektrostal
Mit den Angriffen auf Wildberries-Lager erreicht der Krieg einmal mehr die russische Zivilbevölkerung

Wildberries wickelt Hälfte des Onlinehandels ab

Wildberries ist Russlands größter Onlinehändler und erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von umgerechnet etwa 67 Milliarden Euro. Der Gewinn lag bei etwas unter zwei Milliarden Euro – ein Plus von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Der größte Konkurrent in Russland, Ozon, kam auf gut 50 Milliarden Euro Umsatz und 100 Millionen Euro Gewinn.

Etwa die Hälfte des russischen E-Commerce läuft über Wildberries. Mit relativ wenig Aufwand kann die Ukraine russischen Unternehmern damit riesigen Schaden zufügen. Zusammenbrechen dürfte die Wirtschaft dadurch aber nicht. Getroffen werden vor allem Klein- und Kleinstunternehmen.

Schneider: „Wut und Verzweiflung spürbar“

ORF-Korrespondentin Carola Schneider hat über die ukrainischen Drohnenangriffe auf Logistikzentren des russischen Onlinehändlers Wildberries gesprochen. „Wut und Verzweiflung“ seien bei Klein- und Kleinstunternehmern spürbar, die ihre Waren über Wildberries vertreiben.

Wohl auch Druckmittel gegen Bevölkerung

Bis zu 400.000 Russinnen und Russen sind als Händler auf der Onlineplattform unterwegs – und erleiden enorme Verluste, die der Internetriese ihnen nur zu einem Bruchteil ersetzt. Damit könnte diese Unzufriedenheit in der Bevölkerung kurz vor der Parlamentswahl wohl auch als Druckmittel eingesetzt werden.

Die Probleme der Bevölkerung spielten für Kreml-Chef Wladimir Putin aber bisher nur eine untergeordnete Rolle. Der Machtapparat hat über Medien, Zensur und Sicherheitskräfte genügend Hebel, um Unzufriedenheit zu unterdrücken oder zu kanalisieren.

Zuletzt gab es allerdings ein wenig Hoffnung: Die unter der Losung „Für Frieden und Freiheit“ antretende liberale Oppositionspartei Jabloko wurde zur Wahl zugelassen. Jabloko ist die einzige Partei, die offen gegen den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eintritt. Viele ihre Mitglieder gelten als Opfer politischer Verfolgung und Justizwillkür.

abgebrannte Wildberries-Lagerhalle in Elektrostal
Laut Schätzungen wurden bereits Lagerräume im Wert von über 400 Millionen Euro zerstört

Bericht: Zivilverteidigung soll Lager schützen

Die russische Tageszeitung „Nesawissimaja Gaseta“ hat unterdessen „Lösungsvorschläge“ zum Schutz gegen die ukrainischen Angriffe unterbreitet. Ein Ende des Kriegs gehört nicht dazu. Stattdessen fordern die Autorinnen und Autoren die Rückkehr zur Zivilverteidigung. Kampfgruppen nach sowjetischem Vorbild sollen die Wildberries-Anlagen schützen.

Die Dächer der Lagerhäuser böten zwar eine große Angriffsfläche, zugleich aber auch genügend Platz um Flak-Geschütze und andere Flugabwehrwaffen zu stationieren, die die Unternehmen auf eigene Rechnung kaufen sollen. Die Geschütze müssten auch nur teilweise bemannt werden, da es inzwischen Möglichkeiten gebe, sie aus der Ferne zu steuern, argumentiert das Blatt. Damit könnte die russische Bevölkerung aber auch noch tiefer in Putins Krieg verwickelt werden und die Zahl ziviler Opfer weiter steigen.