Christine Lungershausen: Warum Pfarrer heute noch relevant sind

Eigentlich sind christliche Pfarrer der Zuversicht verpflichtet. Die Bibel verkündet die „frohe Botschaft“ von Jesus, dem Gottessohn, und erzählt von der Hoffnung, die sein Leben und Wirken den Menschen bringt. Nicht jeder offizielle Vertreter der Christuslehre ist jedoch so hoffnungsfroh, wie es im Neuen Testament vorgelebt wird, wenn es um den Berufsstand selbst geht. Dort macht sich gelegentlich eine Tristesse breit, die man so nicht erwartet hätte.

Der Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e. V. ist eine Organisation mit 20.000 Mitgliedern. Er repräsentiert also einen großen Teil der protestantischen Kirchenvertreter. An der Spitze steht Eckehard Möller, Pfarrer in Dresden. Ein Mann, der als Ostdeutscher die Wende mitgestaltet hat. Also niemand, der zu Verzagtheit neigt, gerade nicht als Verbandsvorsitzender. Im vergangenen Jahr anlässlich der Mitgliederversammlung im Herbst in Karlsruhe stellte Möller in seinem Vorstandsbericht aber Fragen, wie bedeutsam Kirche und pfarramtlicher Dienst in der Gesellschaft heute noch sind. Und die hatten es in sich.

Christine Lungershausen:  evangelische Pfarrerin in Eschborn bei Frankfurt
Christine Lungershausen:  evangelische Pfarrerin in Eschborn bei Frankfurtprivat

Gerade die Corona-Zeit haben Möller zufolge viele protestantische Pfarrerinnen und Pfarrer in schmerzhafter Erinnerung. „Alle Institutionen und Behörden, die ‚systemrelevant‘ waren, wurden keinen Schließungen unterworfen. Kirche wurde hierbei nicht als systemrelevant eingestuft. Für viele war das nicht nur eine Enttäuschung, sondern eine regelrechte Kränkung.“ Man habe gefragt: „Wieso erkennt man uns mit unserer Botschaft, mit unserer Seelsorge und unseren Angeboten nicht als ‚systemrelevant‘ an? Haben wir für diese Gesellschaft keine Bedeutung? Sind wir nicht wichtig?“

Die beste Motivation für Theologie

Für sich persönlich hat Christine Lungershausen diese Fragen schon beantwortet. Einmal im Monat begleitet die Pfarrerin in Eschborn Menschen auf einem Trauerspaziergang. Mit ihr sind dann diejenigen zu Fuß durch die Gemeinde am Stadtrand von Frankfurt unterwegs, die einen geliebten Angehörigen verloren haben und nur schwer damit fertig werden. Noch gut in Erinnerung ist Lungershausen eine Frau, deren Mann gestorben war. Sie habe lange gebraucht, um sich durch die Trauer und den Schmerz „durchzuarbeiten“, so habe es die Frau formuliert und ihr gesagt: „Allein hätte ich das nicht geschafft. Ich hatte immer das Gefühl, dass jemand an meiner Seite ist.“ Das fand Lungershausen sehr berührend. „Weil es in einfachen Worten ausdrückt, wie ich meinen Beruf verstehe.“

Die Vierundvierzigjährige ist seit März 2021 Pfarrerin in Eschborn, es ist ihre erste Gemeindepfarrstelle. Vorher arbeitete sie in der Gottesdienstausbildung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Die gebürtige Kölnerin stammt aus einem kirchlichen Elternhaus. Mutter und Vater waren Religionslehrer. „Du darfst alles machen, aber wir enterben dich, wenn du Theologie studierst“, hätten sie gesagt. Lungershausen lacht. „Das war die beste Motivation.“ Zunächst wollte sie Journalistin werden, letztlich studierte sie Theologie und Philosophie und promovierte.

Eine zukunftsträchtige Entscheidung? Wer auf die Zahlen blickt, könnte zumindest leise Zweifel anmelden. Zu Beginn der Neunzigerjahre gehörten deutlich mehr als 50 Millionen Menschen in Deutschland entweder der römisch-katholischen oder der evangelischen Kirche an. Ende 2025 waren es noch knapp 37 Millionen – 19,2 Millionen Katholiken und 17,4 Millionen Protestanten. Seit den Zehnerjahren hat sich der Rückgang beschleunigt. Heute verlieren die beiden großen christlichen Religionsgemeinschaften hierzulande Jahr für Jahr grob geschätzt rund eine Million Mitglieder.

„Dies alles erschöpft uns“

Es sind nicht nur Austritte, die den Abschwung begründen. Es ist auch die Demographie, die Bevölkerungsentwicklung, die den Kirchen Sorgen bereitet. Es gibt mehr Sterbefälle als Taufen in Deutschland. Und zudem wird die Kirchenzugehörigkeit in immer geringerem Maß an die Kinder weitergegeben.

Die Debatte in den Landeskirchen sei geprägt von Rückgängen, konstatierte Verbandschef Möller im vergangenen Jahr und zählte auf: „Rückgang der Gemeindegliederzahlen, Rückgang der Taufen, Rückgang der Konfirmandenzahlen. Kirchlich geheiratet wird auch immer weniger. Und selbst ehemals treue Gemeindeglieder werden von ihren Angehörigen immer öfter nicht christlich beerdigt.“ Kirchliche Rituale würden zunehmend fremd, Kirche werde allgemein als nicht mehr so wichtig und bedeutsam, also als nicht mehr relevant eingeschätzt. Mit den Rückgängen gehe auch der Rückgang der Einnahmen in den Kirchen einher, zunehmend würden Kirchgebäude und Gemeindehäuser geschlossen. Hunderte Kirchen wurden entweiht und dienen seitdem als Eventlocations.

All das, so Möllers Resümee vor einem Jahr, klinge deprimierend, und das sei es auch. Die Kirche bemühe sich, entwickele neue Ideen und Konzepte. „Aber viele Anstrengungen scheinen nicht von Erfolg gekrönt. Im Gegenteil: Unser hohes Engagement scheint den Niedergang nicht aufhalten zu können.“ Auch die Reformbemühungen in den Kirchen betrachtet er skeptisch: „Es wird immer mehr zusammengelegt. Wie weit kann man auf diese Weise Kooperationsräume schaffen? Eins haben sie alle gemeinsam: die persönlichen Beziehungen und Bindungen im Kirchenalltag schrumpfen.“ Es klingt nach Vergeblichkeit, wenn der Vorsitzende des Pfarrerverbandes sagt: „Dies alles erschöpft uns. Erschöpft unseren Berufsstand. Wir laufen und laufen und können den Verlust der Relevanz nicht aufhalten.“

„Was ich tue, ist relevant. Das finde ich toll“

Christine Lungershausen kennt die Zahlen und die Entwicklung. Und sie ist überzeugt: Die Entscheidung für den Beruf war die richtige Entscheidung. „Was ich tue, ist relevant. Das finde ich toll.“ Am meisten am Herzen liegt ihr, Menschen in Trauerfällen zu begleiten. Im Gespräch sucht sie herauszufinden: „Wie soll dieser Abschied aussehen? Geht es gerade mehr um den Schmerz oder um das Verbundenbleiben, um Wut oder Sprachlosigkeit?“ Sie entwickelt mit Angehörigen Bilder, wie ein „Nach dem Tod“ aussehen könnte – in der Klarheit, dass man das nicht wissen kann. Aber solche Bilder helfen in der Trauer, davon ist sie überzeugt. Neben den Trauernden begleitet sie auch die Jüngsten. In regelmäßigen Besuchen in der Kita erörtert sie mit Handpuppen die ganz großen Fragen, die schon die Kleinen beschäftigen: Was ist ein guter Freund? Wie teile ich?

Die Pfarrerin aus Eschborn blendet unterdessen die gesellschaftlichen Entwicklungen nicht aus. Sie versucht, den Abwärtstrends aber nicht mit Resignation, sondern mit Realismus zu begegnen: „Wir sind keine Volkskirche mehr, und diese Realität versteht meine Kirche gerade erst.“ Man könne auch ohne Glauben glücklich sein, das dürfe man niemandem absprechen. „Es gibt Menschen, denen fehlte nichts, wenn Gott fehlt“, zitiert sie den katholischen Theologen und Pastoraltheologieprofessor Jan Loffeld. Die heutigen Generationen seien oft nicht mehr kirchlich gebunden, sondern häufig nur noch deren Großeltern. „Und dann wirkt der Glaube auf die Enkel wie etwas Verstaubtes, das die Oma mit sich rumträgt.“

Dieser Herausforderung setzt sie ihre Hoffnung entgegen: „Ich bin mal gespannt, wie Gott das lösen wird.“ Eine solche Perspektive gebe ihr Leichtigkeit. Megatrends wie die schon von Luther angestoßene Säkularisierung der Gesellschaft könne man zwar nicht aufhalten, findet Lungershausen. Dafür aber sei es möglich, Aspekten wie der Atomisierung der Gesellschaft, der wachsenden Auflösung sozialer Bindungen, entgegenzuwirken. „Wir tun das in Eschborn mit dem Mehrgenerationenhaus, das gibt es seit 2008 hier.“ Tag für Tag gibt es hier Angebote, es wird gemeinsam gesungen, gespielt, diskutiert und gekocht. „Neben dem Magen nährt sich da die Seele. Je älter man wird, desto anstrengender wird es ja, soziale Kontakte zu pflegen.“

Sieben Tage arbeiten? Bitte nicht.

„Anstrengend“ ist das Stichwort auch, wenn es um den Seelsorgeberuf selbst geht. Heutige Pfarrerinnen und Pfarrer haben Lungershausen zufolge ein anderes Selbstverständnis als frühere Generationen. Jüngere wie sie seien seltener bereit, an sieben Tagen in der Woche da zu sein. Denn: „Die Arbeitsdichte hat erheblich zugenommen. Da geht es uns nicht anders als Pflegefachkräften, Erziehern, Handwerkerinnen oder Unternehmern. Es ist schon eine Herausforderung, sich nicht zu verbrennen.“ Die Älteren hätten mit enormem persönlichem Einsatz Gemeinde gebaut. „Die ältere Generation hat alles auf der Beziehungsebene gemacht, was immens Energie kostet. Eine Lösung meiner Generation ist, sich über Zusatzausbildungen weiterzuqualifizieren.“

Bei ihr sind das Psychodrama und Trauerbegleitung. „Dann bin ich der Profi, der in speziellen Krisensituationen dazukommt. Ich bin aber eben nicht immer dabei.“ Sie arbeite mit dem Spiel von professioneller Nähe und Distanz: „Neben Ihrer Therapeutin wollen Sie ja auch nicht beim Weinfest oder am Stammtisch hocken.“ Gleichwohl lerne sie von älteren Kollegen, wie „gern sie in der Bibel lesen und biblische Texte auslegen. Ich muss das manchmal noch wiederentdecken.“ Sie hätten die Weisheit, dass sie mit dem Wort Gottes einschlafen und damit wieder aufwachen. „Davon kann ich mir noch was abschauen.“

Wenn am Montag und Dienstag mehrere Hundert Teilnehmer zum 78. Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Stuttgart zusammenkommen, wird all das ein Thema sein. Die Seelsorger werden über die großen gesellschaftlichen Linien diskutieren und über den sehr persönlichen Umgang damit. Das Thema der Veranstaltung in diesem Jahr: Hoffnung. Christine Lungershausen dürfte dieses Motto gefallen. Die Kirche sei schließlich eine „Institution der Hoffnung“: „Wir brauchen die Grundüberzeugung, dass es mit diesem Leben nicht gegessen ist.“