Weg von der Moralpredigt: SPD-Initiative will Klimadebatte neu erfinden – mit bezahlbaren Heizungen

Klimaschutz „ohne Moralpredigt“: Neuer SPD-Verein will Vertrauen der Industrie zurückholen

Stand: 13.10.2026, 07:31 Uhr

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Das Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg: Standorte wie dieser sollen durch grünen Wasserstoff zukunftsfest gemacht werden.

Das Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg: Standorte wie dieser sollen durch grünen Wasserstoff zukunftsfest gemacht werden. © IMAGO/Hans Blossey

SPD im Umbruch: Klimaschutz ist auch eine Geld- und Jobfrage. Wer zahlt, wer büßt? Das „Projekt 2045“ will jetzt den Balanceakt schaffen.

Berlin – Mit einer neuen Plattform formiert sich innerhalb der SPD eine Kraft, die den Klimaschutz als pragmatische Verteilungs- und Industriefrage neu definieren will. Mit dem Verein „Projekt 2045“ haben die Europaabgeordnete Delara Burkhardt und der Bundestagsabgeordnete Jakob Blankenburg eine parteinahe Initiative gegründet.

Das erklärte Ziel: weg von moralischen Debatten, hin zu bezahlbaren Heizungen und Jobsicherung. Die tiefe Polarisierung in der Klimadebatte soll überwunden und der ökologische Umbau konsequent sozial verankert werden. Doch dieser industriepolitische Ansatz dürfte angesichts knapper Haushaltsmittel auf Hürden stoßen.

Innerparteilich ist der Vorstoß eine strategische Herausforderung: Die Initiatoren versuchen, die traditionelle Industriearbeiterschaft – klassisches Klientel des konservativeren Seeheimer Kreises – mit den Forderungen junger, städtischer Klimawähler zu versöhnen.

Die Köpfe hinter „Projekt 2045“

Delara Burkhardt: SPD-Europaabgeordnete, Mitglied im Umwelt- und Klimaausschuss (ENVI) des Europäischen Parlaments (siehe Interview zu den EU-Klimazielen).

Jakob Blankenburg: Direkt gewählter SPD-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Lüneburg/Lüchow-Dannenberg und klimapolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Absage an den „Kulturkampf“

Nach Ansicht der Initiatoren versuchen rechte Akteure gezielt, die Klimapolitik zum Kulturkampf umzudeuten und Ängste zu schüren. Dem wollen Burkhardt und Blankenburg mit einer Abkehr von moralisierenden Tönen begegnen: „Dagegen hilft keine Moralpredigt“, betonen sie. Stattdessen sollen Alltagsfragen in den Fokus rücken: bezahlbare Heizsysteme, verlässliche Busse und Bahnen auf dem Land sowie der Ausbau regionaler Energien – ausdrücklich „ohne das Auto zu verteufeln“, sagten sie zur Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Dass die tiefe Verunsicherung vieler Bürger in den vergangenen Jahren jedoch nicht allein auf rechte Kampagnen, sondern auch auf reale politische Handwerksfehler – wie das anfängliche Chaos um das Gebäudeenergiegesetz – zurückzuführen ist, klammert die Initiative in ihrem Gründungsaufruf weitgehend aus.

Realitätscheck am Hochofen

Einen zentralen Schwerpunkt legt die neue Plattform auf die heimische Industrie. An Standorten wie Duisburg oder Salzgitter, wo die Stahlproduktion perspektivisch auf grünen Wasserstoff umgestellt werden soll, entscheide sich die wirtschaftliche Zukunft der Region:

„Klimaschutz heißt nicht Deindustrialisierung, er ist die Voraussetzung dafür, dass Industrie in Deutschland eine Zukunft hat.“

In der wirtschaftlichen Realität erweist sich dieses Versprechen allerdings als überaus komplex. Während die SPD-Politiker auf den Erhalt von Schlüsselindustrien durch ökologische Modernisierung pochen, ringen Konzerne wie Thyssenkrupp aktuell mit den massiven Kosten der Transformation (siehe Hintergrund zum Umbau der Stahlindustrie).

Der Hochlauf der Wasserstoff-Infrastruktur verläuft schleppender als geplant, die Energiepreise bleiben hoch und der „grüne Stahl“ ist auf dem Weltmarkt ohne gewaltige staatliche Subventionen derzeit kaum wettbewerbsfähig.

Der Streit um die Milliarden

Hier zeigt sich der größte ungelöste Konflikt der Neugründung: die Finanzierung. Während die unionsnahe „KlimaUnion“ vorrangig auf Preisbildungsmechanismen über den Markt und den europäischen Zertifikatehandel setzt, pocht das „Projekt 2045“ auf massive staatliche Investitionen und eine vorrangig „soziale Abfederung“ der Umbaukosten.

Dennoch: „Wir sind mit der KlimaUnion im Austausch, und sie begrüßt unsere Gründung. In manchen Fragen geben wir unterschiedliche Antworten, gerade wenn es darum geht, wer die Kosten der Transformation trägt“, sagen die Initiatoren.

ThemenfeldProjekt 2045 (SPD-nah)KlimaUnion (CDU/CSU-nah)
SteuerungsinstrumentGezielte staatliche Investitionen, Förderprogramme, InfrastrukturfondsEuropäischer Emissionshandel (ETS), marktwirtschaftliche CO₂-Bepreisung
SchwerpunktSoziale Abfederung, Arbeitsplatzsicherheit, Stärkung der TarifpartnerTechnologieoffenheit, Bürokratieabbau, Marktflexibilität
KernbotschaftKlimaschutz als GerechtigkeitsfrageKlimaschutz als ökonomische Marktchance

Aus Reihen der Opposition und der Wirtschaft stieß ein derartiger Ansatz in der Vergangenheit auf Widerspruch: Der wirtschaftspolitische Flügel der Union warnte, man könne den Strukturwandel nicht auf Dauer mit neuen Schulden und staatlichen Subventionsmilliarden übertünchen.

Auch Umweltverbände äußerten sich teils skeptisch und mahnten, dass die Fokussierung auf den reinen Industrie-Erhalt nicht dazu führen dürfe, dass notwendige CO2-Reduktionsziele aufgeweicht werden, um den Schlingerkurs beim Klimaschutz zu beenden.

In den kommenden Monaten könnten Burkhardt und Blankenburg jetzt beweisen, dass ihr „Projekt 2045“ mehr ist als ein rhetorischer Richtungswechsel – die konkreten Programmpapiere werden gemeinsam mit Gewerkschaften und Wissenschaftlern erarbeitet. (Quellen: eigene Recherche, vorherige Berichterstattung) (frs)