Das Dorf Bentiu hat schon alles erlebt: Die im Norden des Südsudans nahe der Grenze zum Sudan gelegene Hauptstadt des Bundesstaates Unity zählte früher nur einige Tausend Einwohner. Krieg, Gewalt und andere Krisen haben dazu geführt, dass seit 2013 weitere 140.000 Vertriebene dort Zuflucht gesucht haben - und in einem riesigen Lager leben.
Mehrere UN-Organisationen, darunter die Internationale Organisation für Migration (IOM), das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), sind vor Ort und betreiben das sogenannte "Protection of Civilians"-Lager (POC). An einem provisorischen Steg spielen Kinder, unzählige Kanus landen Fisch an, um die vielen Menschen im Lager zu versorgen - Lebensmittel sind knapp.
Der Fang wird jedes Mal sofort sortiert: Frische, gesunde Fische werden von jenen getrennt, die vermutlich kontaminiert sind.

Simon Gatkuoth, ein Lagerbewohner Anfang vierzig, holt einen Fisch aus einer Schubkarre. Er betont, diese Fische seien verseucht, seien in der Nähe der Ölfelder gefangen worden: "Wenn wir sie kochen, riecht die Suppe oft nach Penicillin", sagt er. "Aber wir haben keine Wahl. Wir können nicht aufhören zu essen, weil es keine Alternative gibt."
Das Hochwasser geht einfach nicht zurück
Aus der Vogelperspektive betrachtet gleicht das POC-Lager einer künstlichen Insel inmitten einer Region, die sich in einen scheinbar riesigen See verwandelt hat. Im Norden des Südsudan haben die überwiegend nomadisch lebenden Gemeinschaften ihr Leben an die saisonalen Überschwemmungen angepasst. Sie prägen das Leben im Sudd, einem der weltweit größten saisonalen Feuchtgebiete.
2021 überschwemmte eine beispiellose Flutkatastrophe im Zusammenhang mit dem KlimawandelAckerland in der gesamten Region, zerstörte Lebensgrundlagen und tötete Tausende von Rindern. Nur ein Jahr zuvor hatten die Behörden im benachbarten Ugandagewarnt, wegen des steigenden Wasserstands im etwa 1.000 Kilometer südlich gelegenen Viktoriasee würden große Wassermengen in den Weißen Nil zufließen. Dieser fließt auch am Dorf Bentiu vorbei. Und weil der Strom in der Region kaum Gefälle überwindet, breitet sich das Wasser aus, anstatt weiter nach Norden zu fließen. Der Klimawandel begünstigt solche Starkregen in Uganda - und verändert zugleich die Böden im Sudd, sodass diese weniger Wasser aufnehmen können.

Doch dem Südsudan, einem der ärmsten Länder der Welt, fehlten Dämme, Hochwasserschutzsysteme und die Wasserwirtschaftsinfrastruktur, die zur Bewältigung der Fluten notwendig gewesen wären. Viele Gemeinden waren den Überschwemmungen schutzlos ausgeliefert. Bis heute ist das Wasser nicht zurückgegangen.
Öl und Wasser vertragen sich nicht
Ein einfacher, von der IOM instand gehaltener Deich ist alles, was das POC-Lager von der überschwemmten Ebene trennt; ohne ständige Wartung würde er dem Wasser nachgeben.
Die Menschen wirken erschöpft: Durch den Krieg vertrieben und von Überschwemmungen heimgesucht, sind die meisten auf humanitäre Hilfe angewiesen. Sie sitzen zwischen ständig steigenden Wasserständen und ungelösten Konflikten fest. Doch in den letzten Jahren hat sich eine weitere Katastrophe abgezeichnet, die die Überschwemmungen von 2021 mit einer großen Umweltgefahr verknüpft: Der Bundesstaat Unity ist die größte Ölförderregion des Südsudans.
Erdöl macht mehr als 90 Prozent der Staatseinnahmen aus und stellt fast den gesamten Export des Landes dar. Es ist ein lebenswichtiger Sektor für die angeschlagene Wirtschaft des Landes, die in den letzten Jahren durch den Krieg im nördlich gelegenen Sudan stark eingeschränkt wurde. Auch der Durchfluss in den Pipelines ist auf ein Rinnsal geschrumpft und viele Reserven sind unerschlossen oder ungenutzt geblieben.
Eine Analyse ergab, dass 2021 während der Überschwemmungen 159 von über 400 Ölquellen in der Region unter Wasser standen. Das entspricht rund 41 Prozent der Ölförderinfrastruktur in diesem Gebiet. In Zusammenarbeit mit PlaceMarks Africa - einer Organisation, die Satellitenbilder nutzt, um Lösungen für aktuelle Herausforderungen auf dem Kontinent zu entwickeln - hat die DW herausgefunden: Mehr als 50 dieser Bohrlöcher stehen bis heute unter Wasser.

Das ist für Natur und Anwohner ein Grund zur Besorgnis: Die Flüsse und Seen, die für Hunderttausende für Trinkwasser, zum Kochen und zum Fischen unentbehrlich sind, scheinen durch die Ölfelder verseucht worden zu sein. Langfristig könnten sowohl die lokalen Ökosysteme als auch die menschliche Gesundheit Schaden nehmen. "Viele Tiere sterben aufgrund dieser Verschmutzung, und auch die Menschen leiden unter Symptomen, die sie darauf zurückführen. All dies ist sichtbar, aber wir verfügen noch nicht über ausreichende Beweise oder epidemiologische Studien, um dies mit Sicherheit zu behaupten", erklärt der Forscher Marko Gatkuoth. Er arbeitet im Rift Valley Institute – einer unabhängigen Forschungsorganisation, die vor allem in Zentral- und Ostafrika tätig ist. "Die Überschwemmung, die vor mehr als vier Jahren begann, ist zu einem Überträger von Verschmutzung geworden. Sie hat die Schadstoffe mobil gemacht."
"Vorsätzliche Fahrlässigkeit"
Bul Duot Kuer, ein südsudanesischer Forscher an der Kenyatta-Universität in Kenia, hat umfangreiche Untersuchungen zu den Umweltauswirkungen der Ölförderung im Bundesstaat Unity durchgeführt. In einer aktuellen Studie stellte er Bleikonzentrationen von bis zu 18 Mikrogramm pro Liter in den Flüssen rund um Bentiu und im nahegelegenen Rotriak fest - fast doppelt so viel wie der von der Weltgesundheitsorganisation festgelegte Grenzwert. Außerdem fand er Kohlenwasserstoffkonzentrationen im Wasser, die mehr als das Fünffache der empfohlenen Höchstwerte betrugen.

"Wasser ist das am stärksten verschmutzte Element", sagt Kuer. "Es gibt keine Kontrollen. Die Umweltgesetze existieren zwar auf dem Papier, werden aber nicht durchgesetzt. Das ist Fahrlässigkeit. Die Regierung und die Ölkonzerne kümmern sich nicht um die Gesundheit der Menschen."
Die Gewässer rund um die Siedlung Rotriak sind von dieser Ölverschmutzung besonders betroffen: Von PlaceMarks analysierte Satellitenbilder zeigten Pipelines, Bohrlöcher und verlassene Anlagen, die über die Siedlung verstreut sind.
In diesem Gebiet spielen Kinder zwischen rostigen Rohren und Frauen waschen an einem alten Rückhaltebecken für Abwasser aus der Ölförderung Wäsche - wenn auch meist nicht freiwillig: Die Anwohnerin Anna Nyashing Bul berichtete der DW, dass sie und ihre Familie nach Rotriak fliehen mussten, "weil es der einzige Ort war, der nach den Überschwemmungen von 2021 noch trocken war". Das unbehandelte Wasser, auf das sie angewiesen sind, habe oft "einen schwarzen Film auf der Oberfläche", erklärt sie, wodurch ihre Familie wiederholt erkrankt sei. "Aber wir hatten nichts anderes zu trinken."
Geburtsfehler und Fehlgeburten
Unterdessen hat das Personal im Bentiu State Hospital einen Anstieg der Zahl von Kindern festgestellt, die mit Missbildungen und anderen Geburtsfehlern zur Welt kommen. Von der DW befragte Hebammen berichten von einem offensichtlichen Anstieg von Fehlgeburten, komplizierten Geburten und angeborenen Anomalien in den letzten Jahren - insbesondere bei Müttern, die aus Gebieten in und um die Ölfelder stammen.

Die 19-jährige Nyapuka Nios aus Rotriak hat erst vor wenigen Tagen entbunden; ihr Neugeborenes weist Fehlbildungen an den Händen und der Oberlippe auf. "Ich weiß nicht, was aus ihm werden wird", flüstert sie. "Es ist Gottes Wille. Gott hat ihn mir so geschenkt."
In einem anderen Zimmer wacht Nyekal Nuok über ihr kleines Mädchen, das fünf Tage zuvor mit Spina bifida zur Welt kam, einer Fehlbildung der Wirbelsäule. Auch sie lebte während des größten Teils ihrer Schwangerschaft in Rotriak.
Untersuchungen haben gezeigt, dass Frauen, die in der Nähe von Ölquellen leben, mit höherer Wahrscheinlichkeit Kinder mit angeborenen Fehlbildungen zur Welt bringen. Dorgan Patai, Leiter des Gesundheitswesens im Bezirk Rubkona, kann das bestätigen: "Seit den Überschwemmungen beobachten wir mehr Fehlgeburten und mehr Kinder, die mit Fehlbildungen zur Welt kommen", und fügt hinzu: "Langfristig könnte dies sogar zu Unfruchtbarkeit führen."
Es gab jedoch bisher keine umfassende Untersuchung, um festzustellen, ob diese Fälle tatsächlich mit einer Umweltverschmutzung zusammenhängen. Die WHO verweist auf eine Auswertung der routinemäßigen Gesundheitsüberwachungsdaten, die keinen statistisch signifikanten Anstieg von Fehlgeburten, Komplikationen oder anderen Anomalien im Bundesstaat Unity zeige. Sie betont, dass vereinzelte Berichte mit Vorsicht interpretiert werden sollten.
Auf dem Trockenen
Kaum jemand hat sich stärker dafür eingesetzt, die südsudanesischen Behörden für die ökologischen Folgen der Ölförderung zur Rechenschaft zu ziehen, als Ayen Mijok Kiir, erste stellvertretende Sprecherin des Rates der Staaten, dem Oberhaus des südsudanesischen Parlaments.

Sie ist der Ansicht, durch jahrelange Konflikte sei Umweltschutz und öffentliche Gesundheit auf der Liste der nationalen Prioritäten nach unten gerutscht. "Wir sind kein stabiles Land", betont Kiir. "Die Zuweisung von Ressourcen an verschiedene Sektoren ist mit Herausforderungen verbunden. Wir stehen unter dem Druck, der Sicherheit Vorrang einzuräumen. Aber trotz dieser Herausforderungen hätten wir mehr tun müssen."
Mit unermüdlichen Einsatz gelang es ihr 2024, Präsident Salva Kiir dazu zu bewegen, den möglichen Zusammenhang zwischen Geburtsfehlbildungen und ölbedingter Umweltverschmutzung weiter zu untersuchen – trotz vieler laufender Krisen. Doch trotz häufiger Ministertreffen scheint sich nichts zu ändern. "Was bringt es schon, wenn ich noch einmal darüber spreche?", sagt sie leise. "Ich habe schon so viele Interviews gegeben, und nichts ist passiert."
Letztendlich fehlen im Südsudan in seinen Ölfördergebieten nach wie vor wirksame Umweltüberwachungs- und Gesundheitsstandards - 15 Jahre nach der Unabhängigkeit. Da Konflikte und Leid in der gesamten Region weit verbreitet sind, ist die Bekämpfung der Auswirkungen der globalen Erwärmung ein schwer zu erreichendes Ziel: Der Südsudan kämpft an vielen Fronten darum, sich über Wasser zu halten.
Der Artikel ist zuerst auf Englisch erschienen. Die Recherche wurde vom Pulitzer Center on Crisis Reporting unterstützt.