Klimawandel trifft Getreidebauern: Warum ein Nordhesse auf Quinoa setzt

Stand: 23.09.2026, 18:34 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Quinoa , Jost Gandenberger (links) aus Immichenhain vermarktet ihn erfolgreich, hier mit Landwirt Jonas Müller

„Quinoa steckt Trockenheit gut weg“: Jost Gandenberger (links) baut das aus Südamerika stammende Pseudogetreide auf 100 Hektar im Schwalm-Eder-Kreis an. Das Bild zeigt ihn mit Bauer Jonas Müller auf einem Feld bei Ottrau. © Rose, Sandra

Dürre und Hitze machen der Landwirtschaft zu schaffen. Welches Getreide hat Zukunft? Forscher der Uni Kassel und ein Landwirt aus Ottrau (Schwalm-Eder-Kreis) gehen ungewöhnliche Wege.

Seit 16 Jahren setzt Jost Gandenberger auf Quinoa, doch der Durchbruch ist bisher ausgeblieben. Über die Pflanze, die eigentlich in Peru, Bolivien und Ecuador gedeiht, sagt der Landwirt aus Immichenhain bei Ottrau im Schwalm-Eder-Kreis: „Quinoa ist eine Nische.“ Viele hätten noch nie von dem Pseudogetreide gehört, das schon den Inka als Grundnahrungsmittel diente, hierzulande aber eher als teures Superfood im Bioladen ein Schattendasein fristet. Doch vielleicht komme es auf Quinoa noch an.

Hitzewelle im Juni, kaum Niederschlag im Juli, staubige Äcker im August: Laut Wetterdienst war der zurückliegende Sommer in Hessen einer der wärmsten und trockensten seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Landwirtschaft ist direkt betroffen. Getreidebauern klagen über Ernteeinbußen bei Gerste, Roggen und Hafer (Hintergrund), auch beim Mais drohen Ausfälle.

Die Frage ist: Wie können sich Landwirte auf die neuen Bedingungen einstellen? Und sind exotische Sorten wie Quinoa, Hirse oder Amarant Teil der Lösung?

Auf die Idee, Quinoa anzupflanzen, habe ihn 2009 ein befreundeter Agrarwissenschaftler gebracht, erzählt Gandenberger. Der habe für seine Tochter, die kein Gluten vertrage, ein alternatives Lebensmittel gesucht. „Und weil er in Südamerika gelebt hatte, kam er auf Quinoa.“ 2010 startete Gandenberger erste Feldversuche.

Gilt als Superfood: Quinoa-Samen (hell) sind glutenfrei sowie eisen- und eiweißhaltig.

Gilt als Superfood: Quinoa-Samen (hell) sind eisen- und eiweißhaltig sowie glutenfrei. © Foto: Roland Weihrauch/dpa

Heute wachsen auf seinen Äckern 100 Hektar des Fuchsschwanzgewächses. Davon könne man entweder zwei Tonnen im konventionellen Anbau oder eine Tonne Bio im Jahr ernten. Abnehmer sind Hersteller von Backmischungen. „Quinoa-Brot muss mindestens 25 Prozent der Pflanze enthalten, damit es so heißen darf“, erklärt der 59‑Jährige. Welche Verwendung gibt es noch? „Man kocht Quinoa wie Reis, je nach Geschmack 15 bis 20 Minuten.“ Gandenberger empfiehlt beim Kochen ein Wasserverhältnis von eins zu sechs. Er selbst mische Quinoa gern Müsli oder Salat bei.

Hessische Getreideernte 2026

1,83 Millionen Tonnen Getreide (ohne Maiskörner) wurden nach vorläufigen Angaben des LLH in diesem Jahr zwischen Bad Karlshafen und Odenwald geerntet – durchschnittlich 69 Dezitonnen je Hektar. Trotz der trockenen und warmen Witterung lag der Ertrag leicht über dem Mittel der Jahre 2020 bis 2025. Beim Winterweizen belief sich der Ertrag auf 72,6 Dezitonnen je Hektar – 1,7 Prozent mehr als im Sechsjahresmittel. Wintergerste legte um 10,6 Prozent zu.

Deutliche Ertragsrückgänge gibt es bei Roggen (minus 19,6 Prozent), Sommergerste (minus 29,8 Prozent) und Hafer (minus 7,6 Prozent). Die von der Dürre betroffene Maisernte ist nicht enthalten. „Von Hitze und Trockenheit waren Süd- und Mittelhessen tendenziell stärker betroffen als Nordhessen“, so der LLH.

Über die Dürre sagt der Ottrauer: „Quinoa steckt Trockenheit gut weg, nur Hitze kann sie nicht gut ab.“ Unterm Strich sei sein Ertrag in diesem Jahr gesunken. In den Anden wächst Quinoa auf etwa 3000 Metern, wo es trocken ist, die Temperaturen aber selten 20 Grad übersteigen.

Auch Prof. Miriam Athmann, Fachgebietsleiterin Ökologischer Land- und Pflanzenbau der Uni Kassel, experimentiert mit unkonventionellen Sorten. Die Agrarwissenschaftlerin sagt: „Auf Standorten, auf denen die Niederschläge im Jahresmittel schon immer niedrig waren und jetzt im Klimawandel noch mehr abnehmen, ist es absolut sinnvoll, solche alternativen Kulturen auszuprobieren.“ Sie könnten zur „Resilienz des Getreideanbaus“ beitragen.

Prof. Dr. Miriam Athmann, Leiterin Fachgebiets Ökologischer Land- und Pflanzenbau der Universität Kassel

Hebt Bedeutung des Bodens für Getreideanbau hervor: Prof. Dr. Miriam Athmann leitet das Fachgebiet Ökologischer Land- und Pflanzenbau der Universität Kassel (Campus Witzenhausen). © Foto: Universität Kassel

Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) dämpft die Erwartungen. „Kulturen wie Hirse und Quinoa sind grundsätzlich interessant und könnten zu einer Erweiterung der Fruchtfolgen beitragen“, sagt LLH-Wissenschaftlerin Antje Herrmann. Allerdings schwankten die Erträge erheblich. Ein weiteres Problem: die Unkrautbekämpfung. Ohne passende „Wertschöpfungsketten“ dürften Quinoa & Co. „voraussichtlich Nischenkulturen bleiben“.

Agrarwissenschaftlerin über Luzerne: „Königin des Ackerbaus“ versorgt Boden mit Nährstoffen

Entscheidend für den Getreideanbau ist der Boden, betont Athmann. In der Domäne Frankershausen, dem Lehr- und Versuchsbetrieb der Uni Kassel, untersucht sie, welche Pflanzen Böden widerstandsfähiger gegen Trockenheit machen. Eine davon ist die Luzerne, die Ökobauern als „Königin des Ackerbaus“ gilt.

Ihre tiefen Wurzeln verbessern die Nährstoff- und Wasserversorgung. „Wenn die Wurzeln absterben, hinterlassen sie Hohlräume im Boden, die nachfolgenden Kulturen wie Getreide helfen, tiefere Bodenschichten zu erreichen“, so Athmann. Auch mit Fenchel habe man gute Erfahrungen gemacht.

Quinoa , Jost Gandenberger aus Immichenhain vermarktet ihn erfolgreich

Die Ernte: Seine Quinoa-Samen verkauft Landwirt Jost Gandenberger aus Immichenhain vor allem an Hersteller von Backmischungen. © Rose, Sandra

„Auf flachgründigen und sandigen Böden, wie wir sie in Südhessen oder in Norddeutschland vorfinden, ist das Getreide stärker vom Klimawandel betroffen.“ Trotzdem könnte bald auch Wintergetreide in Nordhessen betroffen sein, wenn Niederschlag in den Monaten nach der Aussaat im Herbst ausbleibe. Die Folge: Beim Winterweizen drohen künftig erhebliche Ernteeinbußen. Zudem beim Mais, der im Frühjahr gesät wird und in diesem Jahr erkennbar unter der Witterung gelitten hat.

Dass Quinoa die Ausfälle kompensieren kann, glaubt weder Athmann noch Gandenberger. Neben der geringen Bekanntheit liege das auch am Preis. „In Zeiten, in denen alles teurer wird, sparen viele zuerst am Essen“, sagt Gandenberger. Quinoa bleibt für ihn vorerst eine Nische. Wobei: Das war die aus den Anden stammende Kartoffel auch einmal.