Der Engel Preußens: Königin Luise und Schloss Paretz

Luise von Preußen, Königin von 1797 bis zu ihrem Tod 1810, war einmal so etwas wie ein deutscher Nationalmythos. Bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert riss die Reihe von wissenschaftlichen Studien, Bilderbüchern und Romanen über sie nicht ab, und als das Kino kam, wurden erst Stumm- und dann Tonfilme über Luises kurzes, aber historisch bedeutsames Leben gedreht; der letzte, mit Ruth Leuwerik in der Hauptrolle, stammt von 1957. Zum zweihundertsten Todestag 2010 erschienen mehrere neue Luise-Biographien, und die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten veranstaltete eine Gedenkausstellung im Schloss Charlottenburg.

Das ist vorbei. In diesem Jahr könnte man den zweihundertfünfzigsten Geburtstag der viel gerühmten (und von manchen auch geschmähten) Königin feiern, doch die Gelegenheit blieb ungenutzt: kein Buch, kein Film und auch keine Ausstellung. Wirklich gar keine? Doch, in Luises Sommerschloss Paretz im Havelland gibt es eine kleine, aber feine Präsentation, die ins Herz des Luisenmythos zielt. Sie handelt von der Begegnung zwischen der preußischen Monarchin mit Napoleon im Juli 1807 in Tilsit, im Umfeld der Friedensverhandlungen zwischen dem französischen Kaiser und dem russischen Zaren Alexander, bei denen Preußen am Ende die Hälfte seines Staatsgebiets und seiner Bevölkerung verlor und zur zweitrangigen europäischen Macht degradiert wurde.

Es ist, als träte man in eine andere Zeit ein

Nach Paretz gelangt man über Potsdam auf der B 273 oder über den Berliner Autobahnring. Seit die großen Verkehrswege und Kanäle in die flache Landschaft geschnitten wurden, ist von der Idylle, die Fontane auf seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ erlebt hat, wenig geblieben. Im Dörfchen Uetz etwa, das der Schriftsteller aus Berlin als lebendes romantisches Gemälde mit Bauern, Mägden und Erntewagen im Goldglanz eines Sonnenuntergangs beschrieb, kündet nur das renovierte Fährhaus am Flüsschen Wublitz von den Tagen, in denen sich Luise und ihr Ehemann Friedrich Wilhelm III. auf ihrem Weg in die Sommerfrische ans westliche Ufer übersetzen ließen. Gleich danach jedoch erreicht die Landstraße den Paretzer Ortsrand, und hier beginnt die preußische Romantik wieder zu leuchten. Es ist, als träte man in eine andere Zeit ein.

Mit Pflanzenbildern bedruckte Tapeten und schlichtes Mobiliar: der Gartensaal in Schloss Paretz
Mit Pflanzenbildern bedruckte Tapeten und schlichtes Mobiliar: der Gartensaal in Schloss ParetzPicture Alliance

Ein Schloss im eigentlichen Sinn ist Paretz nie gewesen, eher ein Gutshaus mit Seitenflügeln für Küche, Dienstpersonal und Stallungen. Er solle wie „für einen armen Gutsherrn bauen“, hat Friedrich Wilhelm, damals noch Kronprinz, den Hofarchitekten David Gilly angewiesen, und diesen Rat hat Gilly bei der Ersteinrichtung im Jahr 1796 getreulich befolgt. Noch heute wirkt das 2001 wiederhergestellte Hauptgebäude so schlicht wie nur wenige königliche Architekturen seiner Zeit – ein Ausrufezeichen preußischer Bescheidenheit zwischen dem verspielten Marmorpalais, das Friedrich Wilhelms gleichnamiger Vater in Potsdam errichten ließ, und dem neogotischen Schloss Babelsberg seines zweitältesten Sohnes Wilhelm, der als erster Regent über das in Versailles gegründete Deutsche Kaiserreich herrschen sollte.

Umso aufwendiger wurde die Inneneinrichtung von Paretz gestaltet. Als Wandschmuck dienten Papiertapeten mit Tier- und Pflanzenmotiven, die per Siebdruckverfahren aufgetragen oder von Hand gemalt worden waren. Das Mobiliar folgte dem klassizistischen Zeitgeschmack, während gerahmte Stiche und Gouachen mit Seestücken, Landschaften, historischen und mythologischen Szenen die an den Wänden verbliebenen Leerstellen bedeckten. „Bilder wohl 1000 an der Zahl“ sah Fontane in den seinerzeit schon zum Museum umgestalteten Räumen, die im Morgenlicht funkelten, nachdem ihn ein Gewitter am Vorabend gezwungen hatte, im Gärtnerhaus des Schlosses zu übernachten. Das Schlafzimmer, in dem Luise und ihr Gemahl in der heißen Zeit des Jahres genächtigt hatten, war noch unverändert, samt Himmelbett, Klavier und den tanzenden Genien und Amoretten über den Türen: „Noch flattern ihre Bänder, noch streuen sie Rosen, aber die Bänder sind vergilbt, und die Rosen sind verwelkt.“

Eine Ikone ihrer Zeit: Königin Luise von Preußen, Büste von Christian Daniel Rauch von 1835, aus der Ausstellung „Ungeheuer trifft Papagei“
Eine Ikone ihrer Zeit: Königin Luise von Preußen, Büste von Christian Daniel Rauch von 1835, aus der Ausstellung „Ungeheuer trifft Papagei“SPSG

Auch die Schlossräume selbst verwelkten nach dem Ende der Hohenzollernmonarchie in den politischen Stürmen des zwanzigsten Jahrhunderts. Nach 1945 brachten die sowjetischen Besatzer Kriegsflüchtlinge in den Gebäuden unter, später wurden sie von einer Bauernschule und einem in Paretz ansässigen Tierzucht-Kombinat genutzt. Die Tapeten verfielen, das historische Mobiliar  verschwand in den Dörfern der Umgebung. Seit 2015 ist das Schloss nun wieder vollständig eingerichtet, mit Bildern und Möbeln, die den originalen Beständen zumindest ähneln. Eine neue Dauerausstellung schildert die Lebenswelt des Königspaares in dem guten Jahrzehnt, das ihm nach der Fertigstellung des Bauwerks zur gemeinsamen Nutzung blieb. Danach kam Friedrich Wilhelm bis zu seinem Tod im Jahr 1840 nur noch allein, denn Luise war am 19. Juli 1810 an einer Lungenentzündung gestorben.

Fast genau drei Jahre zuvor hatte das Treffen in Tilsit stattgefunden, das ihren Mythos als Königin des Volkes begründete, und um dieses Ereignis dreht sich die bis Anfang November laufende Sonderausstellung. Wer sie besucht, sollte das Schloss zunächst links liegen lassen und in die Remise mit der Kutschenausstellung gehen, denn dort wird der Weg Luises in die 1946 in Sowetsk umbenannte ostpreußische Stadt anhand von Karten und Objekten nachgezeichnet. Nach der Zerschlagung des preußischen Heeres in der Schlacht bei Jena und Auerstädt flieht die Königin Ende Oktober 1806 aus Berlin nach Königsberg, wo sie an Typhus erkrankt. Erst Anfang Januar kann sie nach Memel, heute Klaipeda, zu ihrem Ehemann weiterreisen. Als Mitte Juni auch die Armee des russischen Verbündeten von Napoleon besiegt ist, beginnen in Tilsit die Friedensgespräche, bei denen Preußen nur die Rolle eines Zaungasts hat.

So wollte man es gern sehen: Die Begegnung zwischen Luise und Napoleon in einer Darstellung aus dem Volksbuch „Die Königin Luise. In 50 Bildern für Jung und Alt“ von 1896
So wollte man es gern sehen: Die Begegnung zwischen Luise und Napoleon in einer Darstellung aus dem Volksbuch „Die Königin Luise. In 50 Bildern für Jung und Alt“ von 1896SPSG/Sammlung Jürgen Luh

Um den Kaiser der Franzosen milde zu stimmen, kommt auch Luise an den Verhandlungsort. Napoleon weiß, dass sie ihn vor dem Ausbruch des Krieges gegen Frankreich ein „moralisches Monster“ genannt hat; er selbst verunglimpft Luise als „Hardenbergs Papagei“, als Sprachrohr des preußischen Staatskanzlers und Anführers der Kriegspartei am Hofe Friedrich Wilhelms. „Ungeheuer trifft Papagei“ lautet deshalb der Titel der Ausstellung – ein Duell zweier Charaktere, aber auch zweier Legenden.

Im Schlossgebäude werden sie beleuchtet. Die eine hat Napoleon selbst in Bulletins und Briefen kurz nach dem Ereignis geprägt und von französischen Malern ins Bild setzen lassen. Sie zeigt den Kaiser als standhaften Machtstrategen, der sich von Luises Reizen nicht irremachen lässt. Die andere, preußische stellt den Opfergang der Königin in den Mittelpunkt, ihre Liebe zu ihrem Volk und ihren Stolz gegenüber dem Tyrannen. Die Ausstellung stellt diese beiden Bildtraditionen einander gegenüber, ergänzt um zwei Büsten der Beteiligten sowie eine Strohhaube und einen Feldherrnhut. In Wahrheit war niemand außer Luise und Napoleon bei dem Gespräch zugegen, über dessen Inhalt sich Luise bis zu ihrem Tod beharrlich ausgeschwiegen hat. Alles Übrige ist Hoftratsch und Spekulation.

Ein Vorbild für unzählige Filme und Theaterstücke

Aber so geht es mit vielem, was als verbriefte historische Wahrheit gilt. Der Farbdruck, den Carl Röchling und Richard Knötel 1896 in ihren Buchbestseller „Die Königin Luise. In 50 Bildern für Jung und Alt“ einfügten, hat deshalb im Wortsinn Geschichte gemacht. Die huldvolle Luise im weißen Kleid mit Perlenkette und Diadem und der bullige Imperator in Uniform wurden zum Vorbild für unzählige Filme und Theaterstücke, unter denen der Stummfilm-Dreiteiler von 1912 mit Hansi Arnstaedt auch deshalb herausragt, weil er die Illustration von Röchling und Knötel geradezu sklavisch nachstellt. Im Gartensaal des Schlosses bildet das Szenenfoto jetzt einen komischen Kontrast zum bürgerlich-gemütlichen Interieur: So staatsmännisch wollte Luise wohl niemals sein.

Der letzte Blick des Besuchers an diesem heißen Sommertag, an dem der Schlossgarten mit seinem renovierten Grottentempel wie abgebrannt in der Sonnenglut flimmert, gilt der Paretzer Dorfkirche. Hier hängt ein Gedenkrelief aus Terrakotta, das Gottfried Schadow im Jahr nach Luises Tod geschaffen hat. Fontane hat es nicht gefallen: Es gehöre „einer wirren Kunstepoche an“ und sei in seiner Vermischung von heidnischer und christlicher Symbolik „unserem Sinne nicht mehr adäquat“. Aber gerade in dieser Mixtur liegt das rührend Wahrhaftige des Reliefs, auf dem die Verkörperungen der Kardinaltugenden Glaube, Liebe, Hoffnung und Treue die zum Himmel aufsteigende Königin umringen und Borussia mit Adler und Wappenschild dem Genius der Verstorbenen die Hand reicht. So passte es in eine Kunstepoche, in der die Götter Griechenlands die Sprache der Engel verstanden. Draußen vor der Kirche rascheln vertrocknete Blätter über das Kopfsteinpflaster, die Schatten werden länger. Zeit zum Aufbruch aus Paretz. Wir werden wiederkommen.