Die Ukraine hat sich im Krieg gegen Russland zuletzt gut geschlagen, und trotzdem hat Präsident Selenskyj die zwei wichtigsten Männer an der Spitze der Streitkräfte gefeuert: Verteidigungsminister Fedorow und den Oberbefehlshaber, General Syrskyj. Er konnte nicht anders, sagt er, denn die zwei seien nicht miteinander ausgekommen.
Einerseits ist das desaströs, denn vielleicht wird Russlands Krieg nach der Parlamentswahl im September noch brutaler. Dann nämlich könnte Präsident Putin eine neue Mobilmachung ausrufen. Eine gespaltene Führung wäre dann fatal.
Andererseits entstehen aus diesem Führungsversagen auch Chancen, und das hängt mit dem Charakter der ukrainischen Demokratie zusammen.
Selenskyj hat großen Respekt vor der Straße
Das System von heute geht auf die Revolutionen von 2004 und 2014 am Kiewer Maidan zurück. Beide Male vereitelten urbane Bürgeraufstände Putins Versuch, in der Ukraine Marionetten zu installieren. Seither ist eine ruppige Demokratie mit einer speziellen Form von Gewaltenteilung entstanden. Wo Parlament und Justiz manchmal ins Stottern geraten, gehen die Menschen auf die Straße. In der Revolution von 2014 haben sie gezeigt, dass sie Gewalt nicht fürchten und zu Gegengewalt bereit sind. Selenskyj hat davor viel Respekt. Vergangenen Sommer, als er die Antikorruptionsbehörden entmachten wollte, ist er sofort zurückgewichen, als die Leute zu demonstrieren begannen.

Jetzt ist es wieder so weit. In Kiew und anderen Städten gibt es Proteste gegen die Entlassung Fedorows. Der ist jung, gilt als unbestechlich und will eine Armee, in der Initiative und Verantwortung die alten Rituale von Befehl und Gehorsam ergänzen. Außerdem will er eine Kriegsführung, die auf Technologie setzt statt auf Infanterie und so weniger Leben kostet. Das unterscheidet ihn von seinem ebenfalls gefeuerten Widersacher, General Syrskyj, der aus der sowjetischen Militärtradition kommt und dem Kritiker vorwerfen, zu wenig Rücksicht auf Verluste zu nehmen.
Die Chance besteht jetzt darin, dass Selenskyj den entlassenen Minister ausgerechnet durch die Entlassung zum Star gemacht hat. Viele haben ihm vorher schon vertraut, aber in den letzten Tagen ist sein Rating von 35 auf 65 Prozent hochgeschossen. Selenskyj liegt bei 61 Prozent.
Eine potentielle Führungsfigur
Die Demokratiebewegung auf den Straßen hat damit heute etwas, was sie seit vielen Jahren nicht hatte: eine potentielle Führungsfigur mit umfassender Regierungserfahrung.
Noch ist nicht klar, was aus dieser Situation wird, aber Selenskyj signalisiert, dass er die Zeichen der Zeit versteht. Nachdem er zuerst nur Fedorow gefeuert hatte, entließ er auch General Syrskyj und setzte mit Mychajlo Drapatyj einen Mann an dessen Stelle, der wie Fedorow zur Riege der jungen Reformer zählt. Dasselbe gilt für Jewhen Chmara, dem der Präsident jetzt das Verteidigungsministerium übergangsweise anvertraut hat. Ein Reformer musste gehen, zwei sind nachgewachsen.
Jetzt bietet Selenskyj dem entlassenen Minister neue Posten an, aber der setzt auf seinen Rückhalt auf der Straße und will nichts anderes als sein altes Amt. Das ist gefährlich, denn wenn die Ukraine überleben will, müssen der Präsident und der neue Star der Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen. Selenskyj muss Fedorow seinem Gewicht entsprechend einbinden, Fedorow muss bereit sein, sich einbinden zu lassen. Sonst geht die Chance an Putin.