AfD: Künstler Ai Weiwei über Alice Weidel – „Was anderen Politikern fehlt“

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Am 24. August erscheint Ai Weiweis Buch „Über Zensur“. Im Interview spricht der berühmteste zeitgenössische Künstler der Welt über brutale Zensurerfahrungen, warum China noch immer Angst vor ihm hat, weshalb er sich für seine Mittelfinger-Fotos schämt und was er an Alice Weidel mag.

Ai Weiwei, gerade ist Ihr Buch „Über Zensur“ erschienen. Welche Erfahrungen haben Sie mit Zensur gemacht?

Ai Weiwei: Zensur ist für mich wie ein natürlich gegebener Zustand. Zensur ist unabhängig von Gesellschaft und politischem System allgegenwärtig. Solange es eine Ideologie gibt – ganz gleich ob Kommunismus, Kapitalismus, Materialismus oder Demokratie –, wird alles, was von der vorherrschenden Meinung abweicht und das System schwächen könnte, zensiert. Zensur ist wie die Schwerkraft. Aber nicht jeder nimmt die Schwerkraft wahr. Bis Newton ein Apfel auf den Kopf fiel, hat niemand über die Schwerkraft nachgedacht.

Ai Weiwei (68) wurde in Peking geboren. Im Jahr 1978 begann er ein Studium an der Filmhochschule in Peking. Von 1981 bis 1993 lebte er in den USA, kehrte dann nach Peking zurück. Ab 2005 kritisierte er die chinesische Regierung. 2011 wurde Ai Weiwei in Peking ohne offizielle Anklage inhaftiert. Nach 81 Tagen wurde er freigelassen. Als er 2015 wieder reisen durfte, zog er nach Berlin und nahm eine Gastprofessur an der Universität der Künste Berlin an. Seit 2021 lebt er in Cambridge, Berlin und Montemor-o-Novo (Portugal).

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit Zensur gemacht?

Oh, viel zu viele. Zuerst habe ich sie bei meinem Vater erlebt. Mein Vater war einst ein sehr angesehener Dichter und Weggefährte Mao Zedongs. Doch dann fiel er als sogenannter Rechtsabweichler in Ungnade, wurde in ein Arbeits- und Umerziehungslager geschickt und musste dort die Latrinen reinigen. Im Alter zwischen zehn und 15 Jahren habe ich dort in einem Erdloch mit ihm gelebt.

Warum wurde Ihr Vater zensiert?

Er wurde für das bestraft, was er geschrieben hatte. Die schlimmste Strafe für ihn war nicht das Leben im Erdloch oder das Reinigen der Latrinen, sondern dass er nicht mehr schreiben durfte.

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Wie wurden oder werden Sie in China als Künstler und politischer Aktivist zensiert?

Ich habe beim chinesischen KI-Chatbot DeepSeek „Wer ist Ai Weiwei?“ eingegeben. Nach drei Sekunden kam die Antwort: „Lass uns über etwas anderes reden.“ Doubao, ein anderer chinesischer Chatbot, antwortete: „Das ist ein heikles Thema.“ Mehr nicht.

China versucht, Sie zu ghosten?

Ja. Einerseits verstehe ich, dass ich und andere Kritiker für die chinesische Regierung gefährlich sein können. Auf der anderen Seite verstehe ich nicht, warum eine so riesige, sich rasant entwickelnde, international so mächtige und angesehene Nation mit einer so langen Geschichte so eine Angst vor abweichenden Meinungen und Kritik hat. Warum kümmert sich China immer noch um einen dummen Künstler, der schon seit zehn Jahren im Westen lebt? Warum schafft China für mich im Internet eine so große Lücke? Das hat China doch gar nicht nötig!

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Als Sie 2015 herausfanden, dass die chinesischen Behörden Sie mit Abhöranlagen in den Steckdosen Ihres Studios in Peking überwachten, haben Sie sich einfach selbst überwacht und das Ganze live gestreamt, bis die Behörden Sie gebeten haben, damit aufzuhören.

Ja, manchmal muss man sich selbst lächerlich machen, um die Behörden lächerlich zu machen. Ich habe damals schlimme Fotos von meinem ausgestreckten Mittelfinger vor der Überwachungstechnik gemacht. Heute schäme ich mich für meine Mittelfinger-Fotos, aber damals konnte ich keinen passenden Ausdruck finden.

Die Fotos Ihres ausgestreckten Mittelfingers unter anderem vor dem Tiananmen-Platz, dem Weißen Haus, dem Reichstag und dem Trump-Tower haben dazu beigetragen, Sie weltberühmt zu machen. Und heute schämen Sie sich dafür?

Ja, auch wenn meine Haltung sich nicht geändert hat, denke ich: Der ausgestreckte Mittelfinger ist so eine einfache, so eine billige Geste. Sie hat keine tiefere Bedeutung. Dennoch waren sie damals sehr kraftvoll.

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Im September finden in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen statt. Die AfD wird aller Voraussicht nach kräftig zulegen. Sie haben im Jahr 2018 für ein Selfie mit der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel posiert. Sie hat damit auch Wahlkampf betrieben. Was denken Sie über den Aufstieg der AfD?

Mein Wissen über deutsche Politik ist sehr oberflächlich. Aber ich habe mir einige von Alice Weidels Reden im Internet angesehen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Politikern ist das, was sie sagt, verständlich, weil sie echte Worte verwendet und echte Emotionen hat. Doch verständlich heißt nicht akzeptabel. Aber ich mag Alice Weidels Leidenschaft und dass sie in China gelebt hat. Wenn sie über China spricht, beruht ihr Urteil auf ihren eigenen Erfahrungen. Das ist bei den meisten anderen deutschen Politikern nicht so, sie kennen China oft gar nicht, waren vielleicht mal für einen Tag dort. Das gefällt mir nicht.

Mit einer Installation aus 14.000 Rettungswesten, die Geflüchtete auf Lesbos zurückgelassen hatten, haben Sie 2015 am Konzerthaus Berlin auf das Schicksal von Flüchtlingen aufmerksam gemacht. Alice Weidels AfD will eine harte Migrationspolitik durchsetzen …

Ich bin der Meinung, dass Flüchtlinge ein Recht auf Überleben haben, und wir Menschen, die verzweifelt versuchen, aus unverschuldeten Gründen wie Krieg oder Hunger zu fliehen, helfen müssen. Der Westen trägt hier Verantwortung. Aber ich bin nicht dafür, dass möglichst viele Menschen in andere Länder fliehen. Darum sollte der Westen helfen, Kriege zu beenden, Hungersnöte zu verhindern und Menschen in ihrer Heimat zu bilden, damit sie nicht über das Meer fliehen müssen, um dort zu ertrinken. Machen sie sich dennoch auf den Weg, hat man die Verantwortung, sie aufzunehmen. Das gebietet die Menschlichkeit.

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In alldem stimme ich nicht mit der AfD überein, aber ich kann ihre Positionen verstehen. Die AfD stellt wie in einem politischen Spiel Forderungen auf, um Deutschen zu gefallen. Sie spricht Menschen an, die ihre Jobs verloren haben, oder Deutsche, die es nicht mögen, dass die Zusammensetzung der Bevölkerung sich beispielsweise durch den Zuzug von Menschen aus dem Nahen Osten verändert. Dabei ist Deutschland dringend auf Migration angewiesen. Es gibt Millionen von offenen Stellen, für die sich niemand findet. Man kann seine Probleme nicht lösen, indem man anderen Menschen keine Gnade gewährt. Man muss beiden Seiten eine Chance geben.

Warum haben Sie ein Selfie mit Alice Weidel gemacht, obwohl Sie ihre politischen Positionen ablehnen?

Weil sie freundlich auf mich zugekommen ist, um mich nach einem Selfie zu fragen. Dabei sagte sie mir: „Wenn Sie ein Problem haben, können Sie mich jederzeit kontaktieren.“ Kein anderer Politiker hat das getan. Politiker leben in einer anderen Welt. Aber sie verhält sich wie ein Mensch.

Das Buch „Ai Weiwei: Über Zensur“ erscheint am 24. August im Westend-Verlag und kostet 20 Euro.