Lasst Schach nur nicht olympisch werden!

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Vitouchs Schacheck

Lasst Schach nur nicht olympisch werden!

Die Sportart will ins offizielle Programm der Sommerspiele. Was dagegenspricht? Ein Plädoyer für den Fortbestand der Schacholympiaden, deren Atmosphäre unerreicht ist

Anatol Vitouch

Die olympischen Ringe stehen auf einer Grünfläche vor dem Gebäude des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im olympischen Haus in Lausanne, Schweiz, unter einem bewölkten Himmel.
Kommt Schach je ins offizielle Olympiaprogramm?

Schach ist bekanntlich keine olympische Sportart. Und das wurmt seit vielen, vielen Jahren insbesondere die Schachfunktionäre, die nichts unversucht lassen, um unser schönes Spiel doch noch als 42. Sportart bei Olympischen Sommerspielen unterzubringen.

Manch ein Scherzkeks meint zwar, Schach würde besser zu den Winterspielen passen, denn warmes Wetter sei dafür ja nicht unbedingt erforderlich. Dieser Weg ist durch die Regularien des Olympischen Komitees allerdings versperrt: Bei Winterspielen werden nämlich nur Sportarten ausgeübt, die auf Eis oder Schnee stattfinden.

Erziehung zur Pünktlichkeit

Die olympische Ambition des Schachsports soll laut einer Anekdote übrigens auch Ursprung einer bis heute umstrittenen Regeländerung sein. 1998 hatte der damalige FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow den Präsidenten des IOC, Juan Antonio Samaranch, eingeladen, im Olympischen Museum zu Lausanne den symbolischen ersten Zug der WM-Auftaktpartie zwischen Anatoli Karpow und Vishwanathan Anand auszuführen.

Karpow erschien, wie damals nicht unüblich, ein paar Minuten verspätet zur Partie, was der wartende Samaranch gar nicht prickelnd fand. Iljumschinow soll der Vorfall so peinlich gewesen sein, dass er schwor, die Schachspieler künftig zur Pünktlichkeit zu erziehen.

Zwar dauerte es bis zur Einführung einer entsprechenden Null-Toleranz-Regel noch bis zum Jahr 2009. Ab diesem Zeitpunkt aber waren nicht nur Profis bei Strafe des Partieverlusts verpflichtet, zu Rundenbeginn bereits artig hinter ihren Figuren zu sitzen. Auch zigtausende Amateure huchtelten seither bei großen Open-Turnieren und Liga-Partien aus im Stau gefangenen Vehikeln oder verspäteten Öffis in die Spielsäle, um nicht im Extremfall für ein paar Sekunden Verspätung vom Schiedsrichter genullt zu werden.

Einmalige Atmosphäre

Trotz dieser kollektiven körperlichen Anstrengung ist Schach auch danach nicht olympisch geworden.

Und das ist eine gute Nachricht: Denn nur deshalb gibt es seit einhundert Jahren Schacholympiaden! Im Sommer 1926, der Weltschachbund war gerade zwei Jahre alt, fand in Budapest am Rande des FIDE-Kongresses das erste internationale Mannschaftsturnier statt. Bei dieser kleinen Schacholympiade nahmen nur vier Nationen teil, es siegte die ungarische Heimmannschaft. Österreich war damals noch nicht am Start, dafür gewann Ernst Grünfeld das parallel ausgetragene Meisterturnier.

Ein Jahr später waren dann in London schon 16 Teams dabei, Österreich errang Platz 7. Und als ich vor zwei Jahren bei der 45. Schacholympaide in Budapest vorbeischaute, spielten im offenen Bewerb schon 197 und im Damenbewerb 183 Teams in einer gut gefüllten, riesigen Sporthalle um den wichtigsten Mannschaftstitel im Schach. Mit rund 1800 aktiven Spielerinnen und Spielern gehören Schacholympiaden inzwischen zu den größten internationalen Sportveranstaltungen überhaupt, die nächste geht diesen September in Usbekistan über die Bühne.

Die Atmosphäre dieser Turniere ist einzigartig, den Mix aus Amateuren aus der ganzen Welt und absoluten Top-Profis gibt es nirgendwo sonst. Es ist ein Erlebnis, das ich nicht gegen die Aufnahme zu den Olympischen Spielen tauschen wollen würde.

Carlsen am Rad

Die Null-Toleranz-Regel wurde von der FIDE später übrigens wieder gelockert, mittlerweile führen Verspätungen von bis zu 15 Minuten bei den meisten Turnieren nicht mehr zum Partieverlust. Der notorische Zu-Spät-Kommer Magnus Carlsen musste sich bei erwähnter Olympiade 2024 in Budapest trotzdem einmal ein Fahrrad leihen, um es noch gerade so ans erste Brett seiner norwegischen Mannschaft zu schaffen.

Der eingangs erwähnte Ernst Grünfeld hingegen kannte solch seltsame Formen der Zeitnot noch nicht. Wie setzte der Wiener in folgender Stellung mit den schwarzen Steinen bündig in drei Zügen matt? (Anatol Vitouch, 19.7.2026)

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