Frau Fritz, Sie sind seit zwei Jahren „Mutmacherin“ beim Verein Main-Lichtblick und sprechen auf der Bühne über ihr Leben. Was ist Ihre Motivation?
Ich stehe gerne auf Bühnen und spreche über meine Behinderung, über Inklusion, über Depressionen. Ich versuche damit, Menschen, die nicht behindert sind, die Augen zu öffnen, und Menschen, die behindert sind, zu zeigen, dass sie nicht allein sind.
Was begeistert Sie und gibt Ihnen Kraft?
Ich liebe es, auf Konzerte zu gehen, Musik zu hören und neue Menschen kennenzulernen. Am liebsten höre ich deutsche Musik, also Deutschrap, deutschsprachigen R ’n’ B. Ellie Preiss ist meine Lieblingskünstlerin. Ich reite auch gerne. Im Alltag sehe ich die Menschen und alles andere nur von unten, aber auf dem Pferd kann ich alles gut erkennen. Da sehe ich die ganze Natur. Da fühle ich Freiheit. Ich bin mein ganzes Leben geritten, bis ich 17 war. Ich hatte sehr lange ein eigenes Pferd. Das Pferd habe ich auch noch, aber es ist krank geworden. Mein Freund Brian ist 2024 mit Unterstützung von Main-Lichtblick nach Barcelona geradelt und hat Spenden gesammelt. Mit diesen Spenden konnte ich wieder regelmäßig reiten. Dann war ich neun Monate in einer Klinik. In dieser Zeit musste ich damit aufhören. Das Reiten hat mir oft sehr geholfen. Deswegen möchte ich irgendwann wieder auf einem Pferd sitzen.
Sie haben Trikots aller Mannschaften der ersten drei deutschen Profiligen mit Unterschriften der Spieler gesammelt, um sie zu versteigern. Warum machen Sie das?
Mir wurde 2023 ein Wunsch von Main-Lichtblick erfüllt, was mich richtig glücklich gemacht hat. Ich war 15 und mein größter Traum war es, den Musiker Cro zu treffen. Ich hatte diesen Wunsch schon sehr lange und habe jeden Tag daran gedacht. Später kamen wir auf die Idee, dass ich auch anderen Kindern Wünsche erfüllen möchte. Seitdem bin ich zusammen mit Robert Michels und Brian Funk mit dieser Idee durch Deutschland gereist und habe alle Fußballvereine in den ersten drei Ligen besucht. Die Trikots, die wir bekommen haben, versteigern wir. Mit dem Geld kann ich dann anderen Kindern ihre Wünsche erfüllen.
Wie läuft die Versteigerung ab?
Das erste Trikot wird bei der Main-Lichtblick-Gala am 17. September versteigert. Danach kann man Sie auf der Homepage von Main-Lichtblick ersteigern.
Wie haben Sie Main-Lichtblick kennengelernt?
Durch Cro. Ich wollte ihn treffen und habe den Verein angeschrieben. Das war eine spontane Aktion, spätabends, kurz vor dem Schlafengehen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass etwas passiert. Zwei Wochen später kam dann ein Anruf. Sie haben mich gebeten, Unterlagen zu schicken, um zu prüfen, ob ich Anspruch auf eine Wunscherfüllung habe. Am 9. September 2023 konnte ich ihn dann treffen. Brian Funk und Robert Michels von Main-Lichtblick haben mir dabei geholfen. Danach war ich mit den beiden etwas trinken. Wir haben uns direkt verstanden, und sie haben gesagt, ich hätte viel Potential und viel zu erzählen. Dann haben sie vorgeschlagen, gemeinsam etwas zu starten. So hat alles begonnen.
Welche Herausforderungen gab es beim Sammeln der Trikots?
Die Vereine waren eigentlich alle sehr freundlich und hatten Lust auf die Aktion. Es war aber sehr anstrengend, immer von Stadt zu Stadt zu fahren. Ich war oft im Stadion und habe vor vielen Menschen gesprochen. Schwierig wird es an Tagen, an denen es mir nicht gut geht, weil ich chronische Schmerzen und Depressionen habe. Viele vergessen das. Wenn es mir schlecht geht, ist es noch schwerer, selbstbewusst aufzutreten. Aber trotzdem finde ich, es hat sich gelohnt.

Haben Sie eine Strategie, um an Tagen, an denen es Ihnen schlecht geht, trotzdem weiterzumachen?
Zähne zusammenbeißen und durch. Das ist eigentlich kein gutes Mantra, sagt meine Therapeutin. Aber was soll ich machen?
Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen die Auftritte und Gespräche mehr Selbstbewusstsein geben?
Ja. Es freut mich immer, von meiner Geschichte zu erzählen. Ich habe das Gefühl, dass ich den Menschen etwas mitgeben kann. Ich traue mir auch mehr zu, je mehr ich auf Bühnen stehe. Es ist auch manchmal schwierig, aber es ist wichtig. Einfach Menschen die Augen zu öffnen.
Haben Sie nie Lampenfieber?
Eigentlich kaum. Als ich in der Alten Oper beim Patientenkongress der Deutschen Depressionsliga war, hatte ich schon ein bisschen Lampenfieber, weil ich über meine Depressionen sprechen musste. Da stand auch Harald Schmidt auf der Bühne. Normalerweise spreche ich eher über meine Behinderung und nicht über meine mentale Verfassung. Das hat mich deswegen etwas nervös gemacht, weil ich viele persönliche Einblicke gegeben habe. Sobald ich auf der Bühne stehe, legt sich die Nervosität aber schnell.
Worüber sprechen Sie auf der Bühne?
Ich berichte über meine Behinderung, über Probleme im Alltag und über meine chronischen Schmerzen. Ich erzähle allgemein über mein Leben, wie es ist, mit meinen Herausforderungen zu leben. Im Alltag vergesse ich manchmal, wie viel ich leiste. Wenn ich dann auf der Bühne stehe und Menschen oder unser Team, also Robert und Brian, erzählen, was ich alles mache, merke ich wieder, was ich durchstehe. Mein Alltag im Rollstuhl ist nicht einfach.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen als Rollstuhlfahrerin?
Ich bin oft in Frankfurt unterwegs, und an den Bahnhöfen sind die Aufzüge fast immer kaputt. Das passiert ständig. Auch letzte Woche waren die Aufzüge an einer Station wieder außer Betrieb. Dann muss ich fremde Menschen bitten, mir die Treppen hochzuhelfen. Dazu kommen die Blicke. Manche sprechen mich einfach an und fragen: Was hast du? Dabei kennen wir uns gar nicht. Ich denke dann, sie könnten sich wenigstens zuerst vorstellen.

Wie gehen Sie mit Ihren körperlichen Einschränkungen um?
Ich lebe seit meiner Kindheit mit meiner Behinderung und kenne meinen Körper nicht anders. Es ist für mich in Ordnung, im Rollstuhl zu sitzen. Schwer ist die gesellschaftliche Seite, also Kontakte zu knüpfen und Freundschaften aufzubauen. Meine chronischen Schmerzen verlaufen in Phasen. Es gibt Phasen, in denen ich kaum oder wenig Schmerzen habe, und Phasen mit sehr starken Schmerzen. Im Moment ist es eher eine Phase mit starken Schmerzen. Manchmal habe ich mehrfach am Tag sehr heftige Schmerzen, bei denen andere vielleicht den Rettungsdienst rufen würden. Das ist belastend. Am schlimmsten sind im Moment aber die Depressionen. Ich arbeite daran, dass sie besser werden. Wenn die Depression da ist, fühle ich mich wie eine andere Person.
Welche Schmerzen haben Sie genau?
Ich habe beidseitige Hüftschmerzen, seit ich elf bin. Die Schmerzen sind von einem auf den anderen Tag aufgetreten. Wenn es sehr schlimm ist, ziehen sie in die Beine. Wirklich viel hilft dagegen nicht. Ich versuche mich dann abzulenken. Wenn ich Schmerzen habe, kann ich mich leichter ablenken als in einer depressiven Phase. Die Schmerzen kenne ich schon lange, sie gehören zu mir. Die Depression fühlt sich so an, als würde sie gegen mich arbeiten.
Wie gehen Sie damit um, wenn Sie einen schlechten Tag haben?
Ich muss immer rausgehen. Wenn es einem schlecht geht, ist es oft so, dass man zu Hause bleibt und man sich ausruht. Aber ich muss immer irgendwie rausgehen, auch wenn ich dann nur spazieren gehe und meine Musik höre. Das tut mir gut. Ich hoffe einfach, dass es mir morgen besser geht. Und muss es auch akzeptieren, dass es mir nicht gut geht. Ich sage mir dann: Heute geht es mir nicht gut, morgen kann es mir besser gehen. Und wenn es mir morgen nicht gut geht, dann vielleicht übermorgen.

Sie haben vor Kurzem Ihren Realschulabschluss während eines neunmonatigen Klinikaufenthalts gemacht. Vorher waren Sie aber in einer Schule. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?
Mir ging es dabei nicht gut. Also: gar nicht gut. Ich wurde dadurch auch richtig depressiv. Ich wurde nicht richtig gemobbt. Aber ich habe diese Abneigung der Menschen bemerkt. Und ich wurde immer ausgeschlossen. Im Winter saß ich allein in der Schulpause und habe auf die weiße Wand gestarrt. Und im Sommer bin ich allein um den Kreis gefahren in den Pausenhof. Und alle haben mich angesehen, weil ich allein war. Und niemand kam dazu. Und das war schon richtig schlimm für mich. Und das wirkt sich heute auch noch aus. Ich habe heute noch richtig Probleme, Menschen kennenzulernen. Jetzt habe ich ein paar Freunde. Darauf bin ich so stolz. Aber ich habe große Angst, dass ich sie wieder verliere.
Was würden Sie Menschen heute sagen, die ähnliche Erfahrungen wie Sie machen oder gemacht haben?
Irgendwann wird es besser. Das sagt man eigentlich immer, aber es stimmt auch. Zur Schule geht man nur für eine begrenzte Zeit. Man sollte bei sich bleiben und sich nicht vergleichen. Man muss lernen, dass man selber der wichtigste Mensch ist. Und dass man auch positiv allein sein kann. Wenn eine Person dich nicht kennenlernen will, weil du im Rollstuhl sitzt oder eine Behinderung hast, dann ist es nicht die richtige Person.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Ich mache ein Orientierungsjahr in Bad Vilbel. Am 1. September fängt es an und dauert ein Jahr. Und ich werde dafür bezahlt. Ich lerne da noch mal, Bewerbungen zu schreiben. Da ich letztes Jahr neun Monate in der Klinik war, ist es gut, das noch mal zu lernen. Die Klinik hat mich so aus dem Leben geworfen. Deswegen weiß ich gar nicht, was ich jetzt mache. Was fange ich mit mir an? Ich hoffe, das hilft mir ein bisschen, wieder in die Spur zu kommen. Aber ich freue mich auch, wieder einen Alltag zu haben. Wieder ein bisschen strukturierter zu leben. Mal gucken, wie es wird. Mein Ziel ist es nicht mehr, dass ich Freunde in der Schule finde. Aber ich hoffe, ich werde nicht ausgeschlossen und gemobbt wie damals. Ich freue mich auch darauf, wieder auf Bühnen zu stehen, am 29. August trete ich beim Mainuferfest auf. Außerdem nehme ich das erste Mal einen Podcast zusammen mit dem Y-Kollektiv auf.