Legionellen-Alarm in Berlin: Wie gefährlich ist das für Schüler und Kitakinder?

Zwei Bewohner eines Seniorenwohnhauses in Berlin-Tegel sind nach Angaben des Gesundheitsamts Reinickendorf an einer durch Legionellen ausgelösten Lungenentzündung gestorben. Drei weitere Bewohner, die im Krankenhaus behandelt worden waren, konnten inzwischen wieder entlassen werden.

Der Fall betrifft eine Seniorenwohnanlage – doch Legionellen können sich auch in Schulen und Kindertagesstätten vermehren. Gerade in den Sommerferien steigt das Risiko: Sechs Wochen lang bleiben viele Waschbecken, Duschen und Leitungen ungenutzt. Wasser steht in den Rohren, erwärmt sich und bietet den Bakterien damit günstige Bedingungen.

Berliner Schulen und Kitas schon häufig betroffen

„Überall dort, wo es zu einer Stagnation des Trinkwassers kommt, ist das Risiko für eine Kontamination durch Legionellen groß“, sagt Andreas Ruhnau im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Hygieniker beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit Trinkwasserhygiene und arbeitet seit 13 Jahren als unabhängiger Sachverständiger. Sein Spezialgebiet sind Risikoabschätzungen und die Ursachenforschung bei Legionellenbefunden.

Von 2011 bis Mitte 2015 wurden in Schulen, Kitas und Sporthallen der Stadt mehr als 500 Legionellenbefunde registriert. Die Angaben beruhten auf vier parlamentarischen Anfragen im Bundestag. Allein in Treptow-Köpenick wurden damals mehr als 80 Befunde in Kitas gemeldet. Die Zahlen unterschieden sich allerdings stark zwischen den Bezirken.

Ein Befund bedeutet dabei nicht automatisch, dass Kinder oder Beschäftigte erkrankt sind. Er zeigt zunächst, dass Legionellen in der untersuchten Wasserinstallation nachgewiesen wurden und gegebenenfalls Gegenmaßnahmen nötig sind. 2020 meldete Spandau, dass seit 2018 in zehn Schulen erhöhte Werte gefunden worden waren. In zwei Schulen lagen die Messungen sogar über 10.000 koloniebildenden Einheiten je 100 Milliliter. Erkrankungen seien dem Gesundheitsamt damals nicht bekannt gewesen. Weil häufig die Duschen der Sporthallen betroffen waren, wurden Duschverbote verhängt.

Auch in einer Grundschule in Zehlendorf mussten 2015 die Duschen einer Turnhalle gesperrt werden. Der Befund war nach einer Wasserprobe zunächst nicht an die Schulen und das Schulamt weitergegeben worden. Als eine Ursache galt, dass die Duschen nur selten benutzt wurden. In einer anderen Schule des Bezirks war zuvor ein Therapiebecken wegen Legionellen geschlossen worden. Die Beispiele liegen einige Jahre zurück, machen aber deutlich: Vor allem Turnhallen, Schwimmbäder und wenig genutzte Gebäudeteile sind anfällig für die Keime.

Stehendes Wasser in den Ferien kann zum Problem werden

Legionellen kommen natürlicherweise im Wasser vor. In geringer Zahl sind sie zunächst kein ungewöhnlicher Befund. Problematisch wird es, wenn sie sich in einer Trinkwasserinstallation stark vermehren.

Besonders wohl fühlen sich die Bakterien bei Temperaturen zwischen 25 und 45 Grad. Gleichzeitig brauchen sie Zeit. Bleibt Wasser über Tage oder Wochen in einer Leitung stehen, können sich ein Biofilm bilden und die Keime vermehren. Regelmäßiger Wasseraustausch, kühles Kaltwasser und ausreichend heißes Warmwasser sollen das verhindern.

„In den Ferien oder in Schließzeiten findet in diesen Einrichtungen kein bestimmungsgemäßer Betrieb statt“, sagt Ruhnau. „Hier könnten gezielte Spülprogramme – am besten manuell – Abhilfe schaffen.“

Regelmäßiges Spülen allein reicht nicht immer

Ruhnau zufolge müssen grundsätzlich alle Entnahmestellen berücksichtigt werden. Dazu gehören nicht nur häufig genutzte Waschbecken, sondern auch Duschen, Ausgussbecken, selten betretene Toiletten, Küchenanschlüsse oder Wasserhähne in wenig genutzten Gebäudeteilen.

„In diesen Wasserleitungen muss die Benutzung aller Entnahmestellen alle 72 Stunden garantiert sein“, sagt er. Gespült werden sollte, bis sich die Temperatur nicht mehr verändert – kaltes Wasser also konstant kalt und warmes konstant warm aus der Leitung kommt.

Dabei gehe es nicht darum, das Wasser unkontrolliert minutenlang laufen zu lassen. „In der Regel reicht eine Minute pro Zapfstelle aus“, sagt Ruhnau. Entscheidend sei jedoch die konkrete Installation. Bei langen Leitungswegen oder größeren Gebäuden könne es länger dauern, bis das abgestandene Wasser vollständig ausgetauscht ist.

Auch technische Mängel können das Wachstum begünstigen. Dazu zählen zu niedrig eingestellte Warmwasseranlagen, nicht ausreichend isolierte Leitungen, defekte Zirkulationspumpen oder sogenannte Totleitungen, die nicht mehr genutzt werden, aber weiterhin an das Leitungssystem angeschlossen sind.

Wo ist das Risiko für Kinder am größten?

Die größte Gefahr besteht dort, wo belastetes Wasser fein zerstäubt und eingeatmet wird. Das geschieht vor allem beim Duschen. Die Legionellen gelangen über winzige Wassertröpfchen in die Lunge und können dort eine schwere Lungenentzündung auslösen.

An einem gewöhnlichen Waschbecken entstehen zwar ebenfalls Tröpfchen, die Aerosolbildung ist dort aber in der Regel geringer. Das Wasser zu trinken, ist normalerweise nicht gefährlich. „Legionellen sind nur eingeatmet problematisch“, sagt Ruhnau. Eine seltene Ausnahme besteht, wenn kontaminiertes Wasser verschluckt wird und dabei in die Luftröhre gelangt.

Schwere Legionellenerkrankungen treten überwiegend bei Erwachsenen auf. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Raucher sowie Menschen mit einem geschwächten Immunsystem oder chronischen Erkrankungen. Gesunde Kinder erkranken deutlich seltener.

Wie oft müssen Schulen und Kitas untersucht werden?

Öffentliche Einrichtungen mit einer entsprechend großen Anlage zur Trinkwassererwärmung und Duschen oder vergleichbaren Systemen müssen ihr Wasser regelmäßig auf Legionellen untersuchen lassen. Bei öffentlich genutzten Anlagen – dazu zählen etwa Kindertagesstätten – ist grundsätzlich eine jährliche Untersuchung vorgesehen.

Nicht jede kleine Kita mit einem einzelnen Durchlauferhitzer fällt automatisch unter diese Untersuchungspflicht. Entscheidend sind unter anderem die Größe der Warmwasseranlage und die Frage, ob Duschen oder ähnliche Einrichtungen vorhanden sind, bei denen Wasser vernebelt wird.

In Berlin koordiniert das Landesamt für Gesundheit und Soziales Programme zur Untersuchung von Hausinstallationen in öffentlich zugänglichen Einrichtungen. Ausdrücklich genannt werden dabei Schulen, Kindertagesstätten, Krankenhäuser und Pflegeheime.

Für 450 landeseigene Gebäude, darunter Schulen, hat die Berliner Immobilienmanagement GmbH Anfang 2026 das Labor der Berliner Wasserbetriebe mit vorgeschriebenen Trinkwasseruntersuchungen beauftragt. Ein neues PCR-Verfahren soll erste Hinweise auf Legionellen bereits nach einem Tag liefern können.

Muss eine Schule oder Kita bei einem Befund schließen?

Ein Legionellenfund führt nicht automatisch zur Schließung der gesamten Einrichtung. Welche Maßnahmen nötig sind, hängt von Höhe und Verteilung der Belastung ab.

Ist nur eine Duschanlage betroffen, kann zunächst ein Duschverbot ausreichen. „Die Maßnahmen variieren je nach Höhe der Kontamination“, sagt Ruhnau. „Aus der Ursachenforschung ergeben sich die Maßnahmen, die auf die vorgefundenen Mängel der Trinkwasserinstallation abzuleiten sind.“

Toiletten, Waschbecken und andere Räume können häufig weiter genutzt werden, sofern das Gesundheitsamt keine weitergehenden Verbote ausspricht. Eltern müssen aber darüber informiert werden, welche Zapfstellen betroffen sind, welche Regeln gelten und wie die Belastung beseitigt werden soll.

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