Medienkompetenz
Lehrstunde gegen Desinformation: Workshops für Lehrkräfte und Lehrlinge
DER STANDARD bringt Lehrkräften, Schülern und jetzt auch Lehrlingen bei, was Journalisten können: Quellen prüfen, Algorithmen verstehen, Fakes erkennen
"Ich war mal eine Zeitlang ziemlich traurig. Tiktok hat mir immer mehr traurige Videos gezeigt. Dann ist es mir so richtig schlecht gegangen." Das erzählte eine 16-Jährige vor wenigen Tagen beim "Tag der Medienkompetenz" des STANDARD und der Wiener Stadtwerke.
Der Satz zeigt, dass Medienkompetenz heute mehr bedeutet als die Frage, ob eine Nachricht wahr oder falsch ist. Soziale Netzwerke bestimmen mit, welche Informationen Jugendliche sehen, wie lange sie sich damit beschäftigen und was ihnen als Nächstes angezeigt wird. Wer auf Tiktok oder Instagram unterwegs ist, bewegt sich in einer von Algorithmen sortierten Öffentlichkeit – und braucht dafür dasselbe Handwerk, das Redaktionen täglich anwenden.
Für Redaktionen ist der Umgang mit zweifelhaften Informationen Alltag: Quellen werden geprüft, Bilder verifiziert, Behauptungen gegengecheckt. 2024 entstand im STANDARD die Idee, dieses Wissen systematisch weiterzugeben – und daraus wurde eine der größten Medienbildungsinitiativen eines privaten österreichischen Medienhauses.
Vom Klassenzimmer in den Lehrbetrieb
Der erste Ansatz richtete sich an Lehrkräfte. Gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Wien startete DER STANDARD Fortbildungen direkt im Medienhaus. Später veranstaltete DER STANDARD gemeinsam mit ORF und Ö3, unterstützt von Bildungsministerium und A1, einen "Tag der Medienkompetenz" für 100 Lehrerinnen und Lehrer – die Veranstaltung war rasch ausgebucht. Das Feedback war überwältigend: "Mit wenig gekommen, mit viel gegangen", schrieb eine Lehrerin auf die Feedback-Wand. Parallel entstand unter dst.at/Medienkompetenz ein digitaler Medienkompetenz-Hub mit Materialien für Unterricht und Weiterbildung (siehe Kasten).
In diesem Jahr wurde das Programm um eine Zielgruppe erweitert, die in der Debatte bislang kaum vorkommt: Lehrlinge. Sie bewegen sich in denselben digitalen Räumen wie Schülerinnen und Schüler, sind aber zugleich bereits Teil eines Unternehmens – Cybermobbing, Betrugsversuche oder problematische Postings können deshalb auch am Arbeitsplatz Folgen haben.
Umgesetzt werden die Schulungen direkt vor Ort, in den Ausbildungsbetrieben – mit den ersten beiden Unternehmen, die ihren Lehrlingen das Rüstzeug mitgeben wollen: In der Spar-Akademie nahmen 130 Lehrlinge an fünf Workshops teil, bei den Wiener Stadtwerken arbeiteten zuletzt 60 Lehrlinge mit STANDARD-Journalistinnen und -Journalisten zusammen.
Mittlerweile sind 10 Journalistinnen und Journalisten des Medienhauses Teil der Initiative – ein Aufwand, der zeigt, wie ernst die Workshops angelegt sind. Die Themen reichen von Algorithmen und Fake News über Cybermobbing und Deepfakes bis zu Onlinebetrug und rechtlichen Fragen.
Spar-Akademie und Wiener Stadtwerke sind dabei erst der Anfang. DER STANDARD will das Format ausrollen – weitere Ausbildungsbetriebe sollen folgen.
Journalismus zum Erleben
Die Workshops orientieren sich am journalistischen Alltag. In einem Modul übernehmen die Lehrlinge selbst die Rolle einer Redaktion: Ein fiktiver Aufreger über einen Energydrink muss bewertet werden. Was ist bekannt? Welche Quelle ist glaubwürdig – die Aussage einer Influencerin oder die eines Arztes? In einem anderen Modul geht es um KI-generierte Bilder und Stimmen: Bei der Spar-Akademie spielte ein STANDARD-Redakteur eine künstlich erzeugte Version seiner eigenen Stimme vor, die um Kreditkartendaten bat.
Auch die Plattformen selbst sind Thema. Likes, Shares und Verweildauer reichen, um Vorlieben ziemlich genau zu erfassen. Eine 19-jährige Auszubildende bei den Wiener Stadtwerken brachte es auf den Punkt: "Mein Algorithmus weiß längst, dass ich verrückt nach Katzen bin." Mehrere Stunden Bildschirmzeit täglich, am Wochenende teils bis zu zehn, sind unter den Teilnehmenden keine Seltenheit.
"Digitale Selbstverteidigung" nennt Nana Siebert, stellvertretende Chefredakteurin des STANDARD und Initiatorin der Medienkompetenz-Initiative, den Ansatz: einen Bewusstseinsruck erkennen, die Herkunft eines Bildes prüfen, Algorithmen verstehen, bei Cybermobbing richtig reagieren und eine Behauptung nicht ungeprüft weiterverbreiten.
Für die Journalistinnen und Journalisten bedeutet das Zusatzarbeit: Workshops müssen entwickelt, Beispiele recherchiert, Übungen vorbereitet werden. An den Projekttagen stehen sie in Seminarräumen statt in der Redaktion – und vermitteln dort keine fremde Disziplin, sondern ihr eigenes Handwerk.
Der Bedarf an solchen Formaten dürfte eher wachsen. KI-Systeme erzeugen Stimmen, Bilder und Videos inzwischen so überzeugend, dass Fälschungen nicht mehr zuverlässig an Bildfehlern zu erkennen sind. Umso wichtiger wird die klassische Frage: Wer hat etwas veröffentlicht, woher stammt es, gibt es eine unabhängige Quelle?
Das sind keine neuen Fragen. In Redaktionen werden sie seit Jahrzehnten gestellt. Neu ist nur, dass heute jeder sein eigener Faktenchecker sein muss. (red, 19.9.2026)
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