Lehrstunde gegen Desinformation: Workshops für Lehrkräfte und Lehrlinge

Medienkompetenz

Lehrstunde gegen Desinformation: Workshops für Lehrkräfte und Lehrlinge

DER STANDARD bringt Lehrkräften, Schülern und jetzt auch Lehrlingen bei, was Journalisten können: Quellen prüfen, Algorithmen verstehen, Fakes erkennen

Eine Frau hält einen Vortrag vor einem Bildschirm, auf dem „Cybermobbing und Deepfakes“ steht. Im Hintergrund ist eine Präsentation mit weiteren Details und Fotos der Vortragenden sichtbar.
STANDARD-Redakteurin Magdalena Pötsch (Bild) und Kollege Jakob Pflügl klären Jugendliche und Lehrkräfte puncto Cybermobbing und rechtliche Konsequenzen von Postings auf

"Ich war mal eine Zeitlang ziemlich traurig. Tiktok hat mir immer mehr traurige Videos gezeigt. Dann ist es mir so richtig schlecht gegangen." Das erzählte eine 16-Jährige vor wenigen Tagen beim "Tag der Medienkompetenz" des STANDARD und der Wiener Stadtwerke.

Der Satz zeigt, dass Medienkompetenz heute mehr bedeutet als die Frage, ob eine Nachricht wahr oder falsch ist. Soziale Netzwerke bestimmen mit, welche Informationen Jugendliche sehen, wie lange sie sich damit beschäftigen und was ihnen als Nächstes angezeigt wird. Wer auf Tiktok oder Instagram unterwegs ist, bewegt sich in einer von Algorithmen sortierten Öffentlichkeit – und braucht dafür dasselbe Handwerk, das Redaktionen täglich anwenden.

Eine Präsentation bei einer Veranstaltung: Eine Person in einem cremefarbenen Anzug spricht mit Mikrofon vor einem Publikum, im Hintergrund ein Bildschirm mit einem Bild von einer Katze mit Lockenwicklern und Fragezeichen sowie ein Banner mit der Aufschrift
Ist dieses Katzenbild echt - oder KI-generiert? Matthias Balmetzhofer und Philip Pramer vom STANDARD machen mit den Lehrlingen der Wiener Stadtwerke den Wissenstest

Für Redaktionen ist der Umgang mit zweifelhaften Informationen Alltag: Quellen werden geprüft, Bilder verifiziert, Behauptungen gegengecheckt. 2024 entstand im STANDARD die Idee, dieses Wissen systematisch weiterzugeben – und daraus wurde eine der größten Medienbildungsinitiativen eines privaten österreichischen Medienhauses.

Vom Klassenzimmer in den Lehrbetrieb

Der erste Ansatz richtete sich an Lehrkräfte. Gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Wien startete DER STANDARD Fortbildungen direkt im Medienhaus. Später veranstaltete DER STANDARD gemeinsam mit ORF und Ö3, unterstützt von Bildungsministerium und A1, einen "Tag der Medienkompetenz" für 100 Lehrerinnen und Lehrer – die Veranstaltung war rasch ausgebucht. Das Feedback war überwältigend: "Mit wenig gekommen, mit viel gegangen", schrieb eine Lehrerin auf die Feedback-Wand. Parallel entstand unter dst.at/Medienkompetenz ein digitaler Medienkompetenz-Hub mit Materialien für Unterricht und Weiterbildung (siehe Kasten).

Eine Gruppe junger Menschen sitzt in einem Veranstaltungsraum. Im Vordergrund sprechen zwei Personen miteinander, eine trägt einen weißen Pullover und eine Kappe, die andere einen schwarzen Hoodie. Im Hintergrund sind weitere Teilnehmende zu sehen.
Die Lehrlinge (hier bei den Wiener Stadtwerken) stellen Fragen zu den Themen, die sie betreffen: Social Media, Algorithmen, manipulierte Bilder und Videos oder die Versprechen mancher Influencer

In diesem Jahr wurde das Programm um eine Zielgruppe erweitert, die in der Debatte bislang kaum vorkommt: Lehrlinge. Sie bewegen sich in denselben digitalen Räumen wie Schülerinnen und Schüler, sind aber zugleich bereits Teil eines Unternehmens – Cybermobbing, Betrugsversuche oder problematische Postings können deshalb auch am Arbeitsplatz Folgen haben.

Umgesetzt werden die Schulungen direkt vor Ort, in den Ausbildungsbetrieben – mit den ersten beiden Unternehmen, die ihren Lehrlingen das Rüstzeug mitgeben wollen: In der Spar-Akademie nahmen 130 Lehrlinge an fünf Workshops teil, bei den Wiener Stadtwerken arbeiteten zuletzt 60 Lehrlinge mit STANDARD-Journalistinnen und -Journalisten zusammen.

Zwei Frauen stehen vor einer Projektionsfläche in einem Seminarraum und sprechen zu einer Gruppe von Teilnehmenden. Auf der Leinwand steht „Noch Fragen?“ mit Fragezeichen. Die Teilnehmenden sitzen an Tischen und sehen zu.
Wissenschaftsredakteurin Marlene Erhart und die stv. Chefredakteurin des STANDARD, Nana Siebert, diskutieren mit den Auszubildenden der Spar Akademie über den Suchtfaktor von TikTok.

Mittlerweile sind 10 Journalistinnen und Journalisten des Medienhauses Teil der Initiative – ein Aufwand, der zeigt, wie ernst die Workshops angelegt sind. Die Themen reichen von Algorithmen und Fake News über Cybermobbing und Deepfakes bis zu Onlinebetrug und rechtlichen Fragen.

Spar-Akademie und Wiener Stadtwerke sind dabei erst der Anfang. DER STANDARD will das Format ausrollen – weitere Ausbildungsbetriebe sollen folgen.

Journalismus zum Erleben

Die Workshops orientieren sich am journalistischen Alltag. In einem Modul übernehmen die Lehrlinge selbst die Rolle einer Redaktion: Ein fiktiver Aufreger über einen Energydrink muss bewertet werden. Was ist bekannt? Welche Quelle ist glaubwürdig – die Aussage einer Influencerin oder die eines Arztes? In einem anderen Modul geht es um KI-generierte Bilder und Stimmen: Bei der Spar-Akademie spielte ein STANDARD-Redakteur eine künstlich erzeugte Version seiner eigenen Stimme vor, die um Kreditkartendaten bat.

Ein Mann spricht in ein Mikrofon, umgeben von sitzendem Publikum in einem Konferenzraum. Die Anwesenden hören aufmerksam zu oder machen Notizen. Im Hintergrund sitzt ein Mann gedankenverloren mit seiner Hand am Kinn.
Beim "Tag der Medienkompetenz" erfahren Lehrkräfte in mehreren Workshops, wie sie die Themen, die auf Social Media kursieren, mit ihren Schülerinnen und Schülern besprechen können

Auch die Plattformen selbst sind Thema. Likes, Shares und Verweildauer reichen, um Vorlieben ziemlich genau zu erfassen. Eine 19-jährige Auszubildende bei den Wiener Stadtwerken brachte es auf den Punkt: "Mein Algorithmus weiß längst, dass ich verrückt nach Katzen bin." Mehrere Stunden Bildschirmzeit täglich, am Wochenende teils bis zu zehn, sind unter den Teilnehmenden keine Seltenheit.

"Digitale Selbstverteidigung" nennt Nana Siebert, stellvertretende Chefredakteurin des STANDARD und Initiatorin der Medienkompetenz-Initiative, den Ansatz: einen Bewusstseinsruck erkennen, die Herkunft eines Bildes prüfen, Algorithmen verstehen, bei Cybermobbing richtig reagieren und eine Behauptung nicht ungeprüft weiterverbreiten.

Eine Gruppe von Menschen sitzt um einen Tisch in einem Bildungszentrum. Eine Person in schwarzem T-Shirt beugt sich vor, zeigt auf etwas auf dem Tisch und erklärt etwas. Andere Personen hören aufmerksam zu oder lachen. Im Hintergrund ist eine Projektionsfläche zu sehen, auf der Text steht.
Welcher Quelle würdet ihr am meisten vertrauen? Rainer Schüller, stv. Chefredakteur des STANDARD, diskutiert mit den Jugendlichen.

Für die Journalistinnen und Journalisten bedeutet das Zusatzarbeit: Workshops müssen entwickelt, Beispiele recherchiert, Übungen vorbereitet werden. An den Projekttagen stehen sie in Seminarräumen statt in der Redaktion – und vermitteln dort keine fremde Disziplin, sondern ihr eigenes Handwerk.

Der Bedarf an solchen Formaten dürfte eher wachsen. KI-Systeme erzeugen Stimmen, Bilder und Videos inzwischen so überzeugend, dass Fälschungen nicht mehr zuverlässig an Bildfehlern zu erkennen sind. Umso wichtiger wird die klassische Frage: Wer hat etwas veröffentlicht, woher stammt es, gibt es eine unabhängige Quelle?

Das sind keine neuen Fragen. In Redaktionen werden sie seit Jahrzehnten gestellt. Neu ist nur, dass heute jeder sein eigener Faktenchecker sein muss. (red, 19.9.2026)

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