Sprinter droht Sperre Erster Start für Owen Ansah - Nachdenken verboten!
Stand: 10.08.2026 • 18:16 Uhr
Der Dienstag soll bei der Leichtathletik-EM in Birmingham der große Tag von Owen Ansah werden. Für den Sprinter ist über 100 Meter alles möglich - wegen seines mutmaßlich verweigerten Dopingtests allerdings auch nach dem Wettkampf.
Owen Ansah hat die realistische Chance, etwas zu erreichen, was schon für unmöglich gehalten werden könnte. 1986, also vor 40 Jahren, holte letztmals ein deutscher Sprinter eine EM-Medaille über die 100 Meter der Männer, damals war es Steffen Bringmann mit Silber. Diese ewige Durststrecke kann der 25-Jährige jetzt beenden.
Mit 9,98 Sekunden ist der HSV-Sprinter auf europäischer Ebene die Nummer drei in diesem Jahr. Die beiden Männer, die schneller als er waren, sind auch nur unwesentlich flotter auf der Bahn gewesen - das waren Tokio-Olympiasieger Marcell Jacobs (Italien/9,96 Sekunden) und Romell Glave (Großbritannien/9,97).
Das ist natürlich eine erhebliche Belastung für einen Athleten, der jetzt antritt bei einem Wettkampf und dann gar nicht weiß, ob die Resultate dieses Wettkampfes am Ende überhaupt Gültigkeit haben.
ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt
Sofern Ansah die Halbfinals (ab 21.32 Uhr) übersteht, gibt es für ihn also keine Limits im Endlauf (22.47 Uhr). Doch die Frage ist: Wie verkraftet er die mögliche Sperre, die seine gesamte Karriere bedroht?
Bei der DM zeigte Ansah schon Nervenstärke
Laut Nationaler Anti-Doping Agentur (NADA) soll Ansah eine Dopingkontrolle verweigert oder unterlassen haben, sie schlug daher vor, den deutschen Topsprinter für vier Jahre zu sperren - was er aber nicht akzeptieren wird (die Sperre würde dann auf drei Jahre verringert werden), wie er über seinen Anwalt mitteilte. "Er fokussiert sich nun auf die anstehende Leichtathletik-EM", hieß es in der Stellungnahme. Doch alles, was Ansah dort macht, macht er unter Vorbehalt.
Zuvor hatte er bereits betont, er könne "gut Sachen ausblenden. Also, ich versuche es". Bei den Deutschen Meisterschaften gelang der Versuch, er gewann die 100 Meter in 10,0 Sekunden und die 200 Meter, über die er auch bei der EM starten wird, in 20,13 Sekunden. Ansah zeigte sich unbeeindruckt und ambitioniert für Birmingham. "Absoluter Erfolg wäre, wenn ich in beiden Disziplinen Bestzeiten renne. Mit einer Bestleistung glaube ich schon, dass ich vorne dabei bin", sagte er.
Ansah könnte gegebenenfalls Medaille wieder verlieren
Ansah will machen, was in seiner Hand - beziehungsweise in seinen Füßen - liegt. Alles andere wird sich in der Zeit danach zeigen, denn sollte er wie von der NADA vorgeschlagen nachträglich gesperrt werden, würden alle Errungenschaften von Birmingham nichtig. Für die Staffeln wird der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) daher seinen stärksten Sprinter vorsorglich nicht berücksichtigen.
Möglich aber, dass Ansah als Solist wie schon so einige Athleten vor ihm auf dem Podest eine Medaille bekommt, vielleicht sogar die deutsche Nationalhymne für ihn gespielt wird, aber nachträglich nur noch die Erinnerung an diesen Moment bleibt. Sonst nichts.
Was anders ist: Bei ihm geht es nicht darum, ob er verbotene Mittel genommen hat. Unter dem Verdacht steht er nicht. Es geht einzig um die Vorkommnisse am 9. Juli, als ihn überraschend ein NADA-Mitarbeiter besuchte, er die Dopingkontrolle verweigert haben soll und zum Flughafen fuhr, um zum Diamond-League-Meeting nach Monaco zu reisen. Über die möglichen Konsequenzen sei er nicht in Kenntnis gesetzt worden, sagte der Athlet, die Anti-Doping Agentur schildert es anders.
Dopingexperten befürchten unschönen Ausgang für Ansah
Diese Version bestätigt auch Hajo Seppelt. "Nach meinem Kenntnisstand ist der Athlet in der Situation genau darüber informiert worden, welche Konsequenzen bis hin zu einer mehrjährigen Sperre eine verweigerte Dopingkontrolle nach sich ziehen würde. Diese Information sei nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich erfolgt", sagte der ARD-Dopingexperte. Und: "Ich bin schon der Auffassung, dass die NADA ein solches Verfahren nie anstrengen würde, wenn sie nicht glauben würde, dass sie genug Indizien und Belege für ihre Rechtsauffassung hat."
Das befürchtet in Fritz Sörgel auch ein weiterer Dopingexperte. "Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Chancen nicht sehr hoch einschätze, dass er wirklich gut dabei wegkommt. Dass er ohne Strafe aus dem Verfahren rausgeht, halte ich für ausgeschlossen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.
Ansah muss den Fokus halten
Die 20-tägige Frist für Ansah, schriftlich auf den Vorschlag der vierjährigen Sperre zu reagieren, läuft. Legt er wie angekündigt Widerspruch ein, wird die NADA aller Voraussicht nach das Deutsche Sportschiedsgericht einschalten und dort ein Verfahren gegen den Sportler einleiten.
So kurios das klingt: All das darf Ansah gerade nicht interessieren. Will er eine Medaille gewinnen, darf es für ihn keine Rolle spielen, dass er sie wieder verlieren könnte. Und ebenso darf er nicht darüber nachdenken, dass seine Karriere auf dem Spiel steht, denn eine Sperre bis ins Alter von 29 Jahren würde dieser extrem schaden. Bei Ansah gilt: nachdenken verboten!