Ironman-Leiden auf Hawaii: erschütternde Dramen der Triathleten

Als sich die Amerikanerin Taylor Knibb keine zehn Kilometer vor dem Ziel des Ironman Hawaii beim Laufen übergab und wenig später stehen bleiben musste, schien auch sie am Ende. Die Norwegerin Solveig Løvseth überholte sie, übernahm die Führung und lief davon. Taylor Knibb konnte offenbar keine Nahrung mehr zu sich nehmen, kein Wasser, der Magen rebellierte.

Sie kämpfte sich weiter, das Oberteil ihres Rennanzugs hatte sie nach unten gezogen. Sie lief im Sport-BH durch die sengende Hitze, versuchte sich an den Verpflegungsstellen noch mit Wasser und Eis herunterzukühlen. Ihre Körpertemperatur dürfte längst besorgniserregende Werte erreicht haben.

Von großer Sorge zum Triumph

Ihr Trainer, der Deutsche Dan Lorang, wurde im ZDF zugeschaltet. Auch er war in größter Sorge. Keine Viertelstunde zuvor war die Britin Lucy Charles-Barclay, die zweite Weltklasseathletin, die er betreut, im berüchtigten „Energy Lab“ einfach stehen geblieben. Taumelnd war sie noch ein paar Meter unterwegs, dann setzte sie sich auf den Boden, und ihr Mann kam ihr zu Hilfe. „Race over!“ Genau an der Stelle, an der sie im vergangenen Jahr aufgegeben hatte.

Taylor Knibb kämpfte als Zweite weiter. Auch sie hatte ein Déjà-vu. Auch sie war im vergangenen Jahr nicht angekommen. Drei Kilometer vor dem Ziel war sie entkräftet und dehydriert zusammengebrochen. Und jetzt? Dan Lorang, der auch den Radprofis von Red Bull-Bora-hansgrohe Beine macht, sagte, er wolle jetzt nur noch eines: dass Taylor Knibb irgendwie ins Ziel komme, egal mit welchem Ergebnis; dass sie keine gesundheitlichen Schäden davontrage und keinen psychischen Knacks, wenn sie wieder nicht das Ziel erreiche.

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Knibb ging ein paar Schritte, dann lief sie wieder. Von hinten kam ihr Laura Philipp immer näher, die deutsche Weltmeisterin von 2024, die nach einem schwachen Schwimmen ein grandioses Rennen hinlegte. Vorne lief die Vorjahressiegerin Solveig Løvseth ihrem zweiten Titel entgegen. Doch plötzlich, kaum einen Kilometer vor dem Ziel auf dem Ali'i Drive, blieb auch sie stehen. Sie versuchte weiterzugehen, taumelte und brach zusammen, erhob sich wieder, taumelte weiter.

Taylor Knibb überholte sie, und während ihr Trainer eben noch um ihre Karriere und ihre Gesundheit gebangt hatte, gewann sie das Rennen. Es war die letzte dramatische Wendung des Rennens.

Gratulation: Taylor Knibb (links) aus den USA kommt nach ihrem Zusammenbruch als Erste ins Ziel, wo sie die Norwegerin Solveig Løvseth in Empfang nimmt.
Gratulation: Taylor Knibb (links) aus den USA kommt nach ihrem Zusammenbruch als Erste ins Ziel, wo sie die Norwegerin Solveig Løvseth in Empfang nimmt.dpa

Während Laura Philipp auf Platz zwei eine großartige Vorstellung zeigte, war dem dreimaligen Hawaii-Champion Patrick Lange bei seinem letzten Auftritt auf Big Island nicht der Abschied vergönnt, den er sich erhofft hatte. Nach einem hervorragenden Schwimmen über 3,8 Kilometer im offenen Meer, das er in der Spitzengruppe abschloss, sah alles nach einem großen Tag auch für ihn aus. „Dieses Jahr stelle ich die Platzierung nicht in den Vordergrund“, hatte er vor dem Start gesagt: „Für mich ist es auf Hawaii vielmehr ein Hinfahren, Danke sagen und das annehmen, was die Insel für mich bereithält.“

Was Hawaii, seine Lieblingsinsel, sein Lieblingsrennen, auf der 180 Kilometer langen Radstrecke diesmal für ihn bereithielt, waren Schmerzen und Krämpfe, die immer stärker wurden. Schon nach rund 70 Kilometern bekam er Probleme mit einem der hinteren Oberschenkel und dem unteren Rücken. Er hielt an, sprach lange mit seinem Trainer Benjamin Reszel und quälte sich dann noch bis zum Wendepunkt in Hawaii bei Kilometer 96 weiter.

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Dort nahm er nicht den U-Turn, sondern verließ die Strecke. Er stieg vom Rad, schlug die Hände vors Gesicht und weinte. Sein letztes Rennen auf Hawaii war zu Ende, bevor er zum Marathon gekommen war, seiner Paradedisziplin. Ein Abschiedsrennen wird er noch bestreiten, im nächsten Sommer beim Klassiker in Roth. Auf Hawaii stand er wenig später im gelben Helfertrikot an einer Verpflegungsstation und reichte Getränke. Wenn er die Ziellinie schon nicht mehr „respektieren“ könne, sagte er, wolle er wenigstens den anderen helfen, sie zu erreichen.

Big Island, die manchmal sanfte, manchmal gnadenlose hawaiianische Insel, verschonte an diesem denkwürdigen Tag auch andere Favoriten nicht. Es war, als würde sie das Feld durch ein Sieb schütteln. Einer nach dem anderen fiel durch. Auch große Namen. Am schlimmsten erwischte es Magnus Ditlev. Der Däne, dreimaliger Sieger der Challenge Roth, hatte die Führung beim Radfahren übernommen und beim Laufen zunächst einen guten Eindruck gemacht. Er baute seinen Vorsprung auf viereinhalb Minuten aus. Noch bei Kilometer 30 schien es, als sei ihm der Sieg nicht zu nehmen.

Favoriten wie durchs Sieb geschüttelt

Doch dann begann ein Einbruch, den die Kameras eine Viertelstunde lang schonungslos zeigten. Ditlev wurde immer langsamer, schwankte, blieb stehen, versuchte wieder ein paar Schritte zu gehen, dann wieder zu laufen. Auch er trank nichts mehr an den Verpflegungsstellen, füllte nur Eis in seine Mütze und setzte sie auf.

Er wankte dahin, ein kaum erträglicher Anblick, und man wünschte einen Arzt herbei oder einen Betreuer, der ihn zur Aufgabe überredete. Ein Bild des Jammers und der Selbstkasteiung. Bei Kilometer 34 überholte ihn der Franzose Vincent Luis, wenig später auch der Norweger Gustav Iden. Ditlev schleppte sich noch ein Stück weiter, dann gab er auf. Endlich.

Die Insel hatte Lange und Ditlev „aussortiert“, auch der Franzose Sam Laidlow und der Norweger Kristian Blummenfelt, die als Topfavoriten gehandelt worden waren, blieben nicht verschont. Laidlow stieg wegen Durchblutungsproblemen im linken Bein schon früh im Marathon aus. Blummenfelt kämpfte sich noch auf Platz acht.

Bester Deutscher wurde Jonas Schomburg auf Rang sieben. Er hatte das Schwimmen angeführt und fuhr lange an der Spitze des Radfeldes, fiel dann zurück, erholte sich aber wieder. Platz sieben war ein Erfolg für ihn. Bei einer besseren Renneinteilung wäre mehr möglich gewesen.

Gewonnen hat Vincent Luis. Der 37 Jahre alte Franzose war 2019 und 2020 Weltmeister über die olympische Distanz. Nachdem ihn sein Verband nicht für die Olympischen Spiele in Paris 2024 nominiert hatte, beschloss er, noch einmal etwas Neues zu probieren: den Ironman. Seine erste Langdistanz beendete er im vergangenen Jahr in Roth auf dem vierten Platz. Hawaii war erst sein drittes Rennen über die volle Distanz. Eigentlich wollte Luis seine Karriere auf Hawaii ausklingen lassen. Aber die launische Insel hatte andere Pläne mit ihm. Sie kürte ihn zum Weltmeister.