Lieferengpass bei Minprostin: Was das für Schwangere bedeutet

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Medikament zur Geburtseinleitung Lieferengpass bei Minprostin: Was das für Schwangere bedeutet

Minprostin zur Geburtseinleitung ist seit Monaten knapp. Zwar gibt es Ersatz mit demselben Wirkstoff – doch für Frauen nach einem früheren Kaiserschnitt ist dieser nicht geeignet. Kliniken müssen auf andere Verfahren ausweichen.

Eine Frau steht auf einem Weg, in einer beigen Trage vor dem Bauch ihr Baby. Im Hintergrund der Weg, Hecken und Bäume.

Lena Schaumann wollte ihren Sohn eigentlich ohne Kaiserschnitt zur Welt bringen Bild © Stefanie Küster (hr)

"Ist mit meinem Kind was nicht in Ordnung?” Das fragt sich Lena Schaumann vor der Geburt ihres zweiten Kindes. Zu diesem Zeitpunkt ist sie zehn Tage über dem errechneten Geburtstermin. Bei einem Kontrolltermin im Klinikum Kassel berät eine Ärztin die 37-Jährige über mögliche Schritte.

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00:41 Min.|Stefanie Küster

Bild © hessenschau.de| zur Audio-Einzelseite

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Beginnt die Wehentätigkeit nicht von alleine, kann aus medizinischen Gründen eine Geburtseinleitung empfohlen werden – beispielsweise, wenn der errechnete Geburtstermin bereits länger zurückliegt. Dafür gibt es verschiedene Verfahren.

Bei Schwangeren, die wie Schaumann bereits einen Kaiserschnitt hatten, gehört das Vaginalgel Minprostin zu den etablierten Möglichkeiten. Doch das Mittel ist seit Ende vergangenen Jahres knapp.

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Was ist Minprostin?

Minprostin ist ein Vaginalgel zur Geburtseinleitung. Es enthält den Wirkstoff Dinoproston, ein sogenanntes Prostaglandin, das die Wehentätigkeit anregt. Das Gel wird eingesetzt, wenn eine Geburt medizinisch eingeleitet werden soll, etwa nach Überschreiten des errechneten Geburtstermins. Minprostin ist in Dosierungen von 1 und 2 Milligramm erhältlich. Dinoproston gibt es auch in anderen Darreichungsformen, etwa als Vaginaltablette.

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Fehlendes Minprostin beeinflusst ihre Entscheidung

Für Lena Schaumann erhöht die Nachricht vom Lieferengpass den Druck. “Es hat sich für mich eh schon nicht gut angefühlt und dann war das Mittel der ersten Wahl nicht lieferbar”, erinnert sie sich. Sie fährt nach Hause, spricht mit ihrer Hebamme – und entscheidet sich gegen die Einleitung und für einen erneuten Kaiserschnitt im Klinikum Kassel.

Das fehlende Gel sei nicht der Hauptgrund für ihre Entscheidung gewesen, betont Schaumann. Es habe sie aber mit beeinflusst. Eigentlich wollte sie ihr zweites Kind vaginal zur Welt bringen. Doch das sei für sie mental schließlich nicht mehr möglich gewesen. “Ich kann nicht mehr! Wenn er bis morgen nicht kommt, möchte ich, dass wir ihn holen”, habe sie ihrer Hebamme gesagt.

Lieferengpass soll noch bis in den Herbst dauern

Minprostin ist nach Angaben des Herstellers Pfizer wegen einer “globalen Verknappung des Wirkstoffs Dinoproston” nicht ausreichend verfügbar. Der Lieferengpass wurde beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angezeigt.

Eine hellrote Tür in einem Krankenhaus. Darauf steht "Kreißsaal - Bitte klingeln - Bitte warten".

Schwangere nach Kaiserschnitt haben im Kreißsaal weniger Wahlmöglichkeiten. Bild © Stefanie Küster (hr)

Auf der Webseite des BfArM werden drei betroffene Darreichungsformen aufgeführt: Vaginalgel mit 1 und 2 Milligramm sowie Vaginaltabletten. Beim höher dosierten Gel sollen die Produktionsprobleme nach aktuellem Stand bis Ende September 2026 andauern, beim niedriger dosierten Gel und den Tabletten bis Ende Oktober.

Grundsätzlich hat sich die Versorgung mit Dinoproston nach Angaben des BfArM inzwischen stabilisiert. Ein anderer Anbieter habe mehr Produkte in einer vergleichbaren Darreichungsform auf den Markt gebracht und könne damit den Bedarf weitgehend abdecken.

Für Schwangere, die bereits einen Kaiserschnitt hatten, löst dieses Präparat das Problem allerdings nicht. Bei dem Mittel handelt es sich um ein Vaginalinsert mit Rückholband. Nach Angaben des BfArM darf es nach “früheren größeren Gebärmutteroperationen, z.B. Kaiserschnitt” nicht angewendet werden.

Bei der Behandlung mit dem Präparat seien Uterusrupturen, also Risse der Gebärmutter, beobachtet worden. Betroffen waren laut BfArM hauptsächlich Patientinnen, bei denen das Mittel nach den Vorgaben der Fachinformation nicht hätte eingesetzt werden dürfen.

Nach Kaiserschnitt fällt bewährte Möglichkeit weg

Zitat

Der Lieferengpass ist ein erhebliches Problem, weil dadurch eine etablierte Möglichkeit der Geburtseinleitung wegfällt.

Zitat von Mediziner Sven Kehl

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Für Frauen nach einem vorausgegangenen Kaiserschnitt bleibt die Auswahl damit eingeschränkt. "Der Lieferengpass schränkt die Auswahl ein und kann dazu führen, dass Kliniken ihre bisherigen Abläufe anpassen müssen”, erklärte Sven Kehl von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) auf hessenschau-Anfrage.

Dinoproston-Gel sei nach einem früheren Kaiserschnitt über Jahre etabliert eingesetzt worden. Für andere Dinoproston-Präparate gebe es in dieser Situation weniger Erfahrungen und wissenschaftliche Daten. Mit dem Minprostin-Engpass falle daher eine bewährte Möglichkeit der Geburtseinleitung weg.

Das könne dazu führen, dass eine Einleitung erschwert werde oder länger dauere, so Kehl. "Wenn keine geeignete Alternative besteht oder die Einleitung nicht erfolgreich ist, kann letztlich auch ein Kaiserschnitt erforderlich werden."

Kehl koordiniert für die DGGG die Leitlinie zur Geburtseinleitung und ist Professor für Klinische Geburtshilfe und Perinatalmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Kliniken suchen nach Alternativen

Wie Kliniken mit dem Engpass umgehen, zeigt das Beispiel Hanau. In der Apotheke des Klinikums wird derzeit ein importiertes Dinoproston-Präparat mit einer Dosierung von 2 Milligramm portioniert, um auch die benötigte 1-Milligramm-Dosierung anbieten zu können. Das importierte Mittel sei in Deutschland derzeit nicht zugelassen, sagt Apothekenleiter Danny Brell. Deshalb müsse jede Patientin einzeln über dessen Einsatz aufgeklärt werden.

Die Suche nach Ersatz sei schwierig. "Man fängt immer nur einen Teil der werdenden Mütter damit auf", sagt Brell.

Auch die Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel greifen verstärkt auf andere Verfahren zurück. Anfang August lag dort nach Angaben von Chefarzt Samer Naameh noch eine Packung Minprostin im Kühlschrank.

Ein Mann mit Arztkittel steht in einem Krankenhausflur. Rechts eine Pflanze, links ein Fahrstuhl. Er schaut in die Kamera.

“Schmerzhaft und unangenehm”: Samer Naameh ist Chefarzt an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel. Bild © Elisabeth Czech (hr)

Eine Alternative ist der Ballonkatheter. Viele Schwangere empfänden dessen Einlage aber als "schmerzhaft und unangenehm", berichtet Naameh. Zudem sei die Erfolgsrate geringer als bei anderen Verfahren. Häufig müsse anschließend ein Wehentropf mit Oxytocin eingesetzt werden, während die Schwangere kontinuierlich per CTG überwacht werde.

Führt auch der Wehentropf nicht zur Geburt, kann ein weiterer Einleitungsversuch notwendig werden. In manchen Fällen sei schließlich doch ein Kaiserschnitt erforderlich, sagt Naameh.

Einleitung nach Kaiserschnitt birgt zusätzliches Risiko

Bei Frauen mit vorausgegangenem Kaiserschnitt muss eine Geburtseinleitung besonders sorgfältig überwacht werden. Wird ein Wehentropf zu hoch dosiert, kann es zu einem sogenannten Wehensturm kommen – besonders starken und häufigen Wehen. Durch die Narbe eines früheren Kaiserschnitts kann die Gebärmutter dem hohen Druck unter Umständen nicht standhalten und reißen.

Ein geöffneter Medikamentenkühlschrank, darin eine Packung. Darauf steht "Minprostil". Ansonsten ist der Kühlschrank leer.

Vorräte aufgebraucht: Im Kühlschrank lagert die letzte Packung Minprostil-Gel. Bild © Stefanie Küster (hr)

Nach Angaben der DGGG ist eine solche Uterusruptur bei einer vaginalen Geburt nach einem früheren Kaiserschnitt insgesamt selten. Sie tritt bei etwa 5 bis 10 von 1.000 Schwangeren auf. Wird die Geburt eingeleitet, steigt das Risiko auf etwa 10 bis 15 Fälle je 1.000 Geburten.

Wie viele Frauen vom Minprostin-Engpass tatsächlich betroffen sind, lässt sich nicht beziffern. Nicht jede Schwangere mit vorausgegangenem Kaiserschnitt benötigt eine Geburtseinleitung. Zudem kommen je nach Situation andere Verfahren infrage.

Dass der Minprostin-Mangel zu mehr Kaiserschnitten führt, lässt sich bislang nicht belegen. Am Klinikum Kassel habe sich weder die Kaiserschnittrate erhöht, noch sei dort nach Angaben einer Kliniksprecherin aufgrund des Minprostin-Mangels ein Kaiserschnitt vorgenommen worden.

Mit dem Kaiserschnitt im Reinen

Zweieinhalb Monate nach der Geburt trägt Lena Schaumann ihren Sohn in einer Trage vor dem Bauch. Mit ihrer Entscheidung für den Kaiserschnitt ist die 37-Jährige heute im Reinen – auch weil sie letztlich selbst darüber entscheiden konnte.

Sorgen macht sie sich dennoch um Frauen, bei denen eine Geburtseinleitung medizinisch dringlicher ist. "In meinem Fall war mein Kind lediglich über den errechneten Termin hinaus. Es ging ihm gut", sagt sie. Es gebe aber auch andere medizinische Gründe für eine Einleitung – "und das ist noch mal ein ganz anderes Level als bei mir".

Für Frauen nach einem früheren Kaiserschnitt bedeutet der Engpass bis dahin vor allem: Eine etablierte Möglichkeit der Geburtseinleitung steht ihnen derzeit nicht zuverlässig zur Verfügung.

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