„Macht die Person passend“: Wirtschaftspsychologin erklärt Arbeitstrend unter jungen Menschen
Stand: 07.10.2026, 07:57 Uhr
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Die Gen Z zweifelt am klassischen Vollzeitjob. Selbstständigkeit scheint für einige eine echte Alternative zu sein. Eine Expertin erklärt, was dahintersteckt.
Hamburg – Viele junge Menschen können sich ein klassisches Berufsleben mit 40-Stunden-Woche kaum noch vorstellen. Technologische Umbrüche, Krisen und ein angespanntes Arbeitsmarktumfeld weichen das alte Versprechen der sicheren Festanstellung auf. Immer wieder taucht deshalb eine scheinbare Alternative auf: die Selbstständigkeit.

Eine von Taxfix in Auftrag gegebene und vom Meinungsforschungsinstitut Civey durchgeführte Umfrage mit 5000 Befragten zwischen dem 21. und 23. Juli 2026 zeigt: Fast jede und jeder Fünfte der 18- bis 29-Jährigen hält Selbstständigkeit für das sicherste berufliche Modell (19 Prozent). Bei den 30- bis 39-Jährigen sind es nur elf Prozent, bei allen über 40 Jahren lediglich vier Prozent. Warum das so ist, erklärt Wirtschaftspsychologin Annette Kluge von der Ruhr-Universität Bochum der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Warum bricht die Gen Z immer mehr mit Vollzeitjobs?
Frau Kluge, die Gen Z kann sich eine klassische Vollzeitstelle immer weniger vorstellen und denkt stattdessen über Selbstständigkeit nach. Was sagt das über ihre Erwartungen an Arbeit und Sicherheit aus?
Ich habe den Eindruck, dass junge Menschen aus den Erfahrungen ihrer Eltern Lehren ziehen. Gleichzeitig prägen Social Media und Medien allgemein sehr stark, was sie über Arbeit und Karriere erfahren. Dieser klassische Werdegang, dass man in den Beruf der Eltern einsteigt, ist heute nicht mehr das, worüber Jugendliche prinzipiell nachdenken. Heute schauen junge Leute im Internet, welche Angebote und interessanten Berufe es gibt. Auch Berufe, die es früher gar nicht gab.
Bei der aktuellen Entwicklung und den Berichten darüber, dass gerade Einsteigerinnen und Einsteiger durch KI-Anwendungen ersetzt werden, finde ich es wenig verwunderlich, dass viele über eine Gründung nachdenken. Gerade Hochschulabsolventinnen und -absolventen finden derzeit nicht so leicht einen Job. Gleichzeitig erleben sie, dass in bisher als sicher geltenden Jobs und Branchen Personal angepasst wird.
Spielt dabei vor allem Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt eine Rolle?
Die jüngere Generation hat diverse Unsicherheiten erlebt: Corona, als plötzlich alles stillstand, der Ukraine-Krieg, der Iran-Krieg. Da merkt man: All das, was wir vorher für beständig hielten, lange Friedenszeiten, Stabilität in Europa, ist nicht mehr garantiert. Junge Menschen denken eher: „Ich ergreife jetzt die Chance.“ Auch vor dem Hintergrund, dass junge Gründerinnen und Gründer gut gefördert werden. Die meisten Unis haben ein Gründungsunterstützungszentrum. Es gibt Kurse dazu, wie man einen Businessplan schreibt, oder wie man ein Produkt zur Marktreife bringt. Dass Universitäten sich so viel Mühe geben, junge Gründungen zu unterstützen, ist ein eher jüngeres Phänomen.
Sind dadurch die Hürden zur Selbstständigkeit geringer geworden?
Ja, früher hätte man für ein Produkt Radio-Werbung schalten oder Anzeigen in der Zeitung platzieren müssen. Heute kann man eine Webseite und einen Internetshop erstellen, einen Bezahldienstleister einbinden und Bestellungen annehmen und Produkte verschicken. Viele junge Leute gehen mit der Haltung hinein, ihre Idee ein paar Jahre zu testen. Wenn es nicht klappt, suchen sie sich gegebenenfalls eine Festanstellung, aber sie nehmen die Erfahrung als Gründerin und Gründer mit. Das kann Arbeitgeber beeindrucken: Da war jemand bereit, Verantwortung zu übernehmen und etwas auszuprobieren. Interessant ist auch, dass viele Studierende schon während des Masterstudiums gründen. Sie besuchen die entsprechenden Kurse an der Uni und schauen, ob sich ihre Idee so trägt, dass sie davon leben können.
Neben diesen äußeren Bedingungen: Was zieht die Gen Z an der Selbstständigkeit an?
Junge Menschen verspüren den Wunsch, etwas Sinnhaftes zu tun. Viele Gründerinnen und Gründer beschäftigen sich mit Nachhaltigkeit und nachhaltigen Produkten. Sie sagen: „Ich habe eine gute Idee, wie wir die Dinge besser und vielleicht sogar die Welt ein bisschen besser machen können, und das kann ich nur, indem ich selbst eine Firma gründe.“ Bei der Gründung geht es auch um Kontrolle. Man ist in der Lage, eigene Ziele zu erreichen, mit den Menschen, mit denen man das machen möchte. Man hat keinen Chef, man hat keine Anwesenheitspflicht, man kann Arbeit selber gestalten – von der Herstellung bis zur Vermarktung. Wir nennen das in der Forschung ganzheitliche Tätigkeiten.
Oft heißt es, die Gen Z habe keine Lust mehr auf Vollzeitarbeit. Wie blicken Sie auf solche Vorwürfe?
Die Argumente, dass die Gen Z „keine Lust mehr auf Vollzeitarbeit hat“, werden bei fast jedem Bericht über junge Leute aus der Schublade gezogen. Ich weiß gar nicht, warum man junge Leute immer beschimpft. Man könnte ja auch über die schimpfen, die mit 63 in Rente gehen. Warum haben die jetzt keine Lust mehr zu arbeiten? Wer gründet, weiß sehr wohl, dass man als selbstständige Person deutlich mehr arbeitet und auch deutlich länger und finanziell investiert. Der Vorwurf „keine Lust“ gilt hier wirklich nicht. Die jungen Leute wissen, dass es um ihre Idee geht, für die sie kämpfen wollen.
Geht der Wunsch nach Selbstständigkeit womöglich auch mit einer Unzufriedenheit über klassische Vollzeitjobs einher?
Ich habe dafür keine harten empirischen Daten, aber ich würde sagen: Ja, das Interesse an Selbstständigkeit hat mit einer Unzufriedenheit mit klassischen Jobs zu tun. In vielen Befragungen liest man, wie wenig Commitment Beschäftigte gegenüber ihrer Firma haben oder dass es ihnen völlig egal wäre, für wen sie arbeiten. Es gibt viele Firmen, die sehr viel Wert auf ein gutes Betriebsklima legen. Und es gibt viele, die sich überhaupt nicht dafür interessieren. Es gibt keine romantische Vorstellung mehr davon, wie wunderbar es ist, im Großkonzern zu arbeiten. Da überlegen sich manche: „Dann mache ich das lieber selbst.“
Was könnten diese Großkonzerne aus dem Interesse junger Menschen an Selbstständigkeit lernen?
Leider sind das zwei völlig unterschiedliche Welten. Arbeitgeber ab einer gewissen Größe sind automatisch hierarchischer. Ab einer bestimmten Mitarbeitendenzahl gelten andere Rahmenbedingungen: Zuverlässigkeit, Qualitätsstandards, Liefertreue, Personalentwicklung, Mitbestimmung, arbeitsteilige Abteilungen. Da ist wenig Spielraum für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger, sich individuell anzupassen. Man macht die Person passend, führt sie in einem oder zwei Jahren über Traineeprogramme ein und gibt gleichzeitig Tradition, Geist und Kultur weiter. Viele Gründerinnen und Gründer haben tatsächlich Spaß am Gründen, nicht unbedingt daran, nach 15 Jahren noch dasselbe Unternehmen zu führen. Dann verkaufen sie lieber und viele gründen wieder neu.
Auf der anderen Seite ist jungen Menschen eine ausgewogene Work-Life-Balance wichtig. Aktuell testet die Gen Z den neuen Arbeitstrend „Soft Off Days“.