Man muss ihn nicht mögen – aber Zverev ist sportlich nun einer der ganz Großen

KI-Stimme. Info

Das Ende passte. Vor allem, weil Alexander Zverev gar nicht bemerkte, dass das Ende erreicht war, dass er das US-Open-Finale gegen Ben Shelton bereits gewonnen hatte. Deutschlands bester Tennisspieler war derart im Tunnel, dass er für derartige Banalitäten wie den Spielstand gar keinen rechten Sinn mehr hatte. Und das passte, weil es aufs Vortrefflichste illustrierte, wie sich dieser Zverev entwickelt hat. Der Mann, dem einst der Ruf vorauseilte, dass er im entscheidenden Moment an sich selbst scheitert – und der viel dafür tat, diesen Ruf zu untermauern –, der sich allzu gerne aus dem Rhythmus bringen ließ von Zuschauerrufen, Schiedsrichterentscheidungen oder unglücklichen Spielverläufen – dieser Zverev also präsentierte sich in New York wie schon das gesamte Jahr erstaunlich gereift.

Dass er gegen den Lokalmatador Shelton auch fast alle der 24.000 Zuschauer gegen sich hatte? Blendete er aus. Dass er auf ärgerliche Weise den dritten Satz verlor? Schüttelte er blitzschnell ab, holte im vierten Satz gleich das Break und insgesamt dann auch recht ungefährdet den Finalsieg. Ein hochverdienter Sieg, ein hochverdienter Titelgewinn, an dem in den Sozialen Medien aber mit sehr viel Engagement herumgekrittelt wird: Wie schon bei den French Open habe Zverev auch bei seinem zweiten Turniersieg keinen ganz großen Gegner aus dem Weg räumen müssen, keinen Carlos Alcaraz und keinen Jannik Sinner, gegen die er in Melbourne und Wimbledon verloren hatte.

Das ist faktisch richtig, aber am Ende auch sinnfrei: Man kann Zverev ja nicht vorwerfen, dass seine Konkurrenten ausscheiden oder verletzt gar nicht erst antreten. Und er hat ja nicht nur gegen Fallobst gespielt, Finalgegner Shelton etwa ist inzwischen auf den vierten Platz in der Weltrangliste vorgestoßen. Und man kann es ja auch andersrum drehen: Zverev war mit Abstand der konstanteste Tennisspieler des Jahres.

Alexander Zverev schaffte, was Boris Becker nie gelang

Er stand in drei Grand-Slam-Finals in Serie, was einem Boris Becker nie gelang. Und er war ein einziges Aufschlagspiel davon entfernt, auch in Australien das Endspiel zu erreichen. Er hat sein Tennisspiel auf eine neue Stufe gehoben, agiert mutiger, aktiver. Dass er das als Diabetiker schafft, verdient größten Respekt.

Rein sportlich ist Zverev aktuell der größte deutsche Athlet im Herrenbereich. Ja, die Herzen fliegen ihm trotzdem nicht zu. Und ja, dafür gibt es gute Gründe. Da sind dunkle Themen aus seinem Privatleben, über die er beharrlich schweigt. Da ist seine Art, die vielleicht nicht so gemeint sein mag, aber doch oft schnippisch oder arrogant wirkt.

In dieser Gemengelage zu reüssieren, macht die sportliche Leistung noch beeindruckender.