Mehr als nur ein Moment?: Marc-André ter Stegen kehrt als Nummer eins ins DFB-Team zurück

Als Jürgen Klopp vorige Woche der Öffentlichkeit den (oder die) Kader für seine ersten vier Spiele als Bundestrainer präsentiert hat, da hat er auch einen längeren Vortrag zu den fünf von ihm nominierten Torhütern im Allgemeinen und zu Marc-André ter Stegen im Besonderen gehalten. „Ich kenne Marc-André seit ewigen Zeiten, habe ich das Gefühl“, sagte Klopp. Sein Gefühl – so viel lässt sich festhalten – trügt ihn nicht.

Die erste aktenkundige Begegnung liegt bereits mehr als anderthalb Jahrzehnte zurück. Für Klopp war es keine besonders angenehme. Denn Marc-André ter Stegen, gerade 19 Jahre alt geworden und als Profifußballer noch ein echter Frischling, vereitelte damals mit einigen wahnwitzigen Paraden, dass Jürgen Klopp vorzeitig seinen ersten Titel als Trainer feiern konnte.

Am 23. April 2011 trat Borussia Dortmund in ter Stegens Heimatstadt Mönchengladbach bei der dortigen Borussia an. Mit einem Sieg beim damaligen Tabellenletzten hätte sich Klopps Team bereits drei Spieltage vor Saisonende die Meisterschaft gesichert. Doch weil ter Stegen in seinem dritten Bundesligaspiel hielt, was zu halten war, der Ball zudem je einmal an der Latte und am Pfosten landete und sein Team am Ende etwas glücklich mit 1:0 gewann, musste der BVB die große Sause erst einmal verschieben.

Nachtragend ist Jürgen Klopp offenbar nicht. In der vergangenen Woche hat er ter Stegen in das Aufgebot für seine ersten Spiele als Bundestrainer berufen. An diesem Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) gegen die Niederlande in Amsterdam wird er sogar als Nummer eins zwischen den Pfosten stehen.

Verrückt, muss ich sagen. Das habe ich mir so auch nicht ausgemalt.

Marc-André ter Stegen über sein Länderspiel-Comeback ausgerechnet in Amsterdam

„Verrückt, muss ich sagen. Das habe ich mir so auch nicht ausgemalt“, hat ter Stegen dem TV-Sender Sky Sport gesagt. Sein Comeback in der Nationalmannschaft feiert er ausgerechnet dort, wo er für ein Jahr übergangsweise seine neue sportliche Heimat gefunden hat. In der Johan-Cruyff-Arena ist Hollands Rekordmeister Ajax Amsterdam zu Hause, bei dem der Torhüter seit August leihweise unter Vertrag steht.

23-04-2011, Fussball, 1. Bundesliga, Saison 2010-2011, 31. Spieltag, BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH - BORUSSIA DORTMUND (BVB) 1-0, Trainer Jürgen Klopp (Borussia Dortmund), re., gratuliert nach dem Spiel Torhüter Marc-Andre ter Stegen (Borussia Mönchengladbach)

„Ich kenne Marc-André seit ewigen Zeiten“, sagt Jürgen Klopp (rechts). Am 23. April 2011 sind sie sich erstmals begegnet.

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In Klopps Mammutkader für die anstehenden Nations-League-Spiele ist ter Stegen der einzige Torhüter, der älter als 30 ist. „Die Mannschaft braucht Stabilität, braucht eine Achse“, sagt der Bundestrainer, der insgesamt 16 Spieler nominiert hat, die noch kein Länderspiel bestritten haben – mehr als ein Drittel des gesamten Aufgebots.

Bei den Torhütern sind es sogar drei von fünf, weil Klopp neben ter Stegen keine weiteren Vertreter der Ü-30-Fraktion nominiert hat. Er verzichtet bewusst auf den Hoffenheimer Oliver Baumann, der sich bis kurz vor der WM im Sommer noch als Nummer eins der Nationalmannschaft fühlen durfte. Und auch auf Loris Karius, der zuletzt mit starken Leistungen beim Aufsteiger Schalke 04 auf sich aufmerksam gemacht und den Klopp beim FC Liverpool sogar schon mal trainiert hat.

„Es bedeutet mir sehr viel“, hat ter Stegen über seine Nominierung gesagt. „Ich habe viel leiden müssen und bin froh, dass ich wieder dabei bin.“ Als er im Mai 2012 für die Nationalmannschaft debütiert hat, war er gerade 20 geworden; jetzt mit 34 Jahren feiert er ein fast unmögliches Comeback. 44 Länderspiele hat ter Stegen bisher bestritten, das letzte im Juni 2025.

Dass es nicht deutlich mehr sind, liegt definitiv nicht an mangelnder Qualität, sondern vor allem an einem übermächtigen Konkurrenten namens Manuel Neuer, der das Torwartspiel in seiner besten Zeit auf ein neues Niveau gehoben hat; und der in seiner nicht mehr ganz so guten Zeit zumindest noch über eine gewaltige Lobby verfügte, die ihn weiterhin in die Nationalmannschaft gesungen hat – zum Leidwesen von zunächst ter Stegen und zuletzt Oliver Baumann.

Erst nach der Heim-EM 2024 und Neuers Rücktritt ist ter Stegen offiziell zur Nummer eins der Nationalmannschaft befördert worden. Doch nach nur zwei Spielen verletzte er sich so schwer, dass er fast die gesamte Spielzeit ausfiel. Es folgten eine langwierige Rückenblessur, der mehr oder weniger erzwungene Wechsel vom FC Barcelona zum FC Girona, eine Muskelverletzung im Oberschenkel, die ihn endgültig um die WM-Teilnahme brachte, und schließlich die Leihe nach Amsterdam.

„Er ist im Moment fit“, sagt Klopp, „und er ist genau der gleiche Torwart, der er vorher war. Wir haben da ganz genau hingeschaut.“ Ähnlich wie sein langjähriger und übermächtiger Konkurrent Neuer war auch ter Stegen immer ein mitspielender Torwart, der sich nicht nur durch gute Hände, sondern auch durch gute Füße hervorgetan hat. „Das ist auch wichtig“, sagt Klopp, „aber zuallererst geht’s mal darum, dass man Bälle hält, und da finde ich ihn außergewöhnlich.“

Die nächsten Generationen lauern bereits

So außergewöhnlich, dass er sich schon auf ter Stegen als Nummer eins festgelegt hat, allerdings ausdrücklich nur „für den Moment“, wie Klopp bei der Kaderpräsentation gesagt hat. Hinter dem Routinier lauern bereits die nächsten Generationen: Alexander Nübel und Finn Dahmen, beide auch schon Ende 20, die jungen Wilden Noah Atubolu, 24, und Jonas Urbig, 23 – sowie perspektivisch Mio Backhaus, 22, der derzeit verletzte Stuttgarter Dennis Seimen, 20, und der Ex-Herthaner Tjark Ernst, 23, die von Klopp explizit als potenzielle Kandidaten genannt worden sind.

„Dass Deutschland, das immer eine Torhüternation war, auf einmal ein Torhüterproblem hat“, bestreitet der neue Bundestrainer daher ganz entschieden: „Das haben wir überhaupt nicht.“ In diesem Ressort verfüge das Land nach wie vor über „außergewöhnliches Talent“.

Klopps Festlegung auf ter Stegen als Nummer eins ist jedoch erst einmal eine Entscheidung für den Faktor Erfahrung. Und trotzdem bleiben Zweifel: weil ter Stegen zuletzt zu verletzungsanfällig war und seit seinem Abschied aus Barcelona nicht mehr regelmäßig auf allerhöchstem Niveau gefordert wird.

Das weiß auch der Bundestrainer. „Es wird Menschen geben, die sagen: Er spielt jetzt in Holland. Aber Ajax hat nicht mehr die gleiche Dominanz, die es vielleicht noch vor zehn Jahren hatte“, erklärt Klopp. „Da geht’s richtig zur Sache, und die kriegen relativ viele Schüsse aufs Tor. Das heißt, er macht da einen sehr guten Eindruck und einen sehr guten Job.“

Tatsächlich gab es bei ter Stegens Auftritten für seinen neuen Klub neben viel Licht auch schon einige schattige Momente. In acht Pflichtspielen hat er bereits 13 Tore kassiert. Und dass die Johan-Cruyff-Arena, in der er an diesem Donnerstag sein Comeback für die Nationalmannschaft geben wird, ein gutes Pflaster für Marc-André ter Stegen ist, lässt sich nicht gerade behaupten. In der Liga hat er dort drei Spiele für Ajax bestritten und noch kein einziges gewonnen.