Merz und seine Kronprinzen: Wüst, Söder, Dobrindt – wer wird Kanzlerkandidat?

Stand: 14.09.2026, 20:16 Uhr

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Der Kanzler wackelt. Seine Parteifreunde schubsen eher als dass sie ihn stützen. Nach den Wahlabenden in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, soll Klartext geredet werden. Ein Überblick.

München

Hendrik Wüst

Die Lage: Einmal schon hat Hendrik Wüst in Berlin gezeigt, dass er wilde Manöver kann. 2024 verzichtete er per Eil-Pressekonferenz auf eine Kanzlerkandidatur. Die Union rieb sich die Augen, denn eigentlich lief die Entscheidung zwischen Friedrich Merz und Markus Söder, Merz hatte sich soeben durchgesetzt. Wüst verzichtete also mit großer Geste auf etwas, was er eh nicht gekriegt hätte. Damals war das je nach Sichtweise dreist oder kokett. Langfristig dürfte es ihm genutzt haben. Denn jetzt fällt sein Name wirklich und frühzeitig.

Wüst gilt als aussichtsreichster Kandidat. Der jugendlich wirkende, disziplinierte NRW-Ministerpräsident (CDU, verheiratet, zwei Kinder) regiert seit fünf Jahren das einwohnerstärkste Land. Seine schwarz-grüne Koalition läuft einigermaßen stabil trotz zweier Minister-Rücktritte. Wüst blieb immer auch Zeit zum Netzwerken in Berlin, mitunter auch in München. Der 51-jährige Jurist steht für einen Mitte-Kurs in der Union, gewiss keine konservative Galionsfigur.

Eine Kanzlerkandidatur schloss er nie aus – perspektivisch. Sein Zeitproblem: Wüst würde die NRW-Landtagswahl Ende April gern gewinnen, seine CDU führt mit 32 bis 34 Prozent. Knapp vor der Wahl, wenn die Kandidaten schon nominiert sind oder sich ein Nachfolger profilieren müsste, wäre er in NRW kaum abkömmlich. Ihm käme zupass, wenn Merz noch viele Monate bliebe.

Wer will hier rein? Friedrich Merz vor seinem Kanzleramt, als er auf einen Staatsgast wartet. Sollte der Kanzler stürzen, gelten als mögliche Nachfolger Hendrik Wüst (l.o.), Alexander Dobrindt (l.u.), Markus Söder (o.r.) und Boris Rhein (u.r.).

Wer will hier rein? Friedrich Merz vor seinem Kanzleramt, als er auf einen Staatsgast wartet. Sollte der Kanzler stürzen, gelten als mögliche Nachfolger Hendrik Wüst (l.o.), Alexander Dobrindt (l.u.), Markus Söder (o.r.) und Boris Rhein (u.r.). © Michael Kappeler/dpa

Freunde: Chef der NRW-CDU zu sein, ist in der Union eine große Hausmacht. Politisch pflegt Wüst eine enge Achse nach Norden: mit Daniel Günther, Schleswig-Holsteins CDU-Ministerpräsident. Beide ticken politisch ähnlich. Zu Jens Spahn, obwohl gar nicht Mitte-links, gibt es ein geordnetes Verhältnis, sie kommen aus dem gleichen Kreisverband, arrangierten sich bisher nebeneinander. Wüst sei „anschlussfähig wie ein Mehrfachstecker“, schrieb mal ein Biograf.

Gegner: Markus Söder und Wüst schaffen es, einen Abend im gleichen Raum zu sein und kein Wort zu wechseln. Beide sagen öffentlich kaum Negatives übereinander, sind aber klare Rivalen. Auch das Verhältnis zu Merz ist belastet. Die Ost-Landesverbände der CDU sehen Wüsts Mitte-Kurs kritisch.

Markus Söder

Die Lage: Der CSU-Chef hat schon oft beteuert, die Kanzler-Ambitionen seien vorbei. Und dann doch Interesse erkennen lassen. In der Union gilt der Franke, der im Januar 60 wird, als der Politiker mit dem klarsten Machtinstinkt, der professionellsten Kommunikation und der höchsten Belastbarkeit in 18-Stunden-Tagen. Fehler? Selten. Gemütlichkeit? Nie. Söder steht für einen konservativen Kurs in der Union, für eine kantigere Migrationspolitik und für eine klare Abgrenzung auch von den Grünen. Nach acht Jahren als Ministerpräsident im größten Bundesland hat er Erfahrung im straffen Führen einer Regierung.

Söder ist als Parteichef im Koalitionsausschuss (eine Art Aufsichtsrat der Regierung) in allen Bundes-Themen drin, in der Hauptstadt wie bei Medien eng vernetzt. Ihm käme ein Wechsel nach Berlin gelegen, denn in Bayern gab es zuletzt spürbare Widerstände. Nach mehreren mäßigen bis schlechten Wahlergebnissen, gemessen an früheren Ansprüchen, formieren sich Gegner in der CSU. Zudem läuft ein Volksbegehren an, die Amtszeit auf zehn Jahre zu begrenzen, also bis zur Landtagswahl 2028. Das Problem des CSU-Chefs: In der Union ist er immer der kleinere Partner. Die CDU müsste ihn schon rufen, was sie 2021 (gegen Armin Laschet) und 2024 (gegen Merz) nicht tat.

Freunde: Unter den Konservativen in der Union, auch im Osten, hat Söder Unterstützer. Nicht geliebt, aber respektiert. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach es am Sonntag aus: „Es braucht dieses CSU-Gen in dieser aktuellen Phase.“ Keiner außer Söder bringe 3000 neugierige Zuhörer in ein Bierzelt. In der CSU hat er hohe Loyalitäten und enge Weggefährten als Mitarbeiter. Das Verhältnis zu Merz ist nicht herzlich, aber stabil.

Gegner: Wüst. Laschet, wenn auch nur noch in Reihe 3. Natürlich Nord-Regent Daniel Günther, von der CSU oft als „Genosse Günther“ veralbert. Innerparteilich gibt es einige Skeptiker, am profiliertesten Parteivize Manfred Weber.

Alexander Dobrindt

Die Lage: Der Bundesinnenminister ist der Joker in der K-Frage. Dobrindt (56) hat mit der Migrationswende Zählbares vorzuweisen in der Merz-Regierung, weil er das Amt von Tag 1 an planvoll anging. Der Oberbayer gilt als einer der Architekten für Schwarz-Rot, eine Art „ehrlicher Makler“. Dobrindt vermittelt mit seinen zwei Handys pausenlos zwischen CDU, CSU, SPD, hat das ehrliche Vertrauen von Merz, Söder und SPD-Chef Lars Klingbeil und zumindest Respekt von Co-SPD-Chefin Bärbel Bas. Der Soziologe hat den Mumm, Gesprächspartnern Kritik ins Gesicht zu sagen. Auch dem Kanzler. Als „Kummerkasten, Karriereberater und wenn es drauf ankommt auch Scharfrichter“ bezeichnete ihn jüngst das ZDF.

Seine Karriere plant Stratege Dobrindt genau, springt nicht über Stöckchen. Die Unionsfraktion hätte ihn, den CSUler aus dem allersüdlichsten Wahlkreis, im Sommer wohl erstmals in der Geschichte zum Chef gemacht – er lehnte dankend ab. Aber Kanzler? Die Chance, dass ein CSUler das je wird, ist auch bei ihm gering; allerdings hat Dobrindt enge Drähte zur SPD. Liefe nur mit ihm ein Kanzlertausch unfallfrei? Es bräuchte ja eine Kanzler-Mehrheit im Bundestag. Nachteil: Arg populär war er im Volk nie, kein rasend guter Redner, versprüht keine Herzenswärme – eher Typ Macher. Und: Er käme mit Kanzler-Ambitionen wohl seinem Parteichef Söder in die Quere.

Freunde: Er hat sich unauffällig ein Netzwerk tief in die CDU erarbeitet. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein ist ein Unterstützer; einer der engsten früheren Dobrindt-Mitarbeiter ist jetzt Staatssekretär bei Rhein. In der CSU wächst Dobrindts Popularität, auffällig auf Parteitagen. Sehr stabil: der „Zugspitzkreis“, ein Unterstützerzirkel früherer Jungpolitiker, die jetzt an wichtigen Stellen der Bundesregierung sitzen, darunter Dorothee Bär und Daniela Ludwig.

Gegner: Offene Feindschaften pflegt Dobrindt kaum. Zu Günther (CDU) und Weber (CSU) ist eine ausgeprägte Abneigung spürbar. SPD-Linke, Grüne und Linkspartei stehen ihm politisch sehr, sehr fern, hier pflegt er aber unauffällig einzelne stabile Kontakte.

Boris Rhein

Die Lage: Der hessische CDU-Ministerpräsident (54) wird ab und zu ins Spiel gebracht. Er regiert erst seit Mai 2022, derzeit mit der SPD. Kurs: wirtschaftsfreundlich, strikt bei der Migration, aber anschlussfähig Mitte-links. Rhein dämpft die Wechsel-Gerüchte: „Wir brauchen doch nicht weniger Merz in Deutschland, wir brauchen mehr Merz.“ Dem Juristen wird anderes Interesse nachgesagt: Bundespräsident. Als Landtagspräsident hat Rhein drei Jahre überparteiliche Erfahrung.

Freunde: Dobrindt. Merz schätzt seine Loyalität; bisher.

Gegner: Die Grünen nehmen Rhein den Koalitionswechsel 2023/24 übel. In München sitzt mit Ilse Aigner jemand, die Rhein persönlich schätzt, aber sich ein anderes Staatsoberhaupt besser vorstellen könnte.