Der Rhein liegt an diesem Augusttag tief. Vor den Brückenköpfen der Theodor-Heuss-Brücke ragen Leitungen aus dem Wasser, die normalerweise Flusswasser aus dem Rhein in ein unscheinbares Gebäude neben dem Strom pumpen: die Rheinwasser-Untersuchungsstation, die gemeinsam von Hessen und Rheinland-Pfalz betrieben wird. Doch aufgrund des niedrigen Pegels und eines Defekts sind derzeit nicht alle der Pumpen in Betrieb. Im kleinen Gebäude direkt am Rheinkilometer 498,5 herrscht trotzdem Grund zur Freude: Die beiden Länder feiern gemeinsam das 50-jährige Bestehen der Rheinwasser-Untersuchungsstation in Mainz.

„Der Klimawandel verändert unsere Flüsse spürbar“, sagt Dirk Grünhoff, Präsident des Landesamts für Umwelt Rheinland-Pfalz, während seiner Festrede. Niederschlagsmuster verschieben sich, die Wassertemperaturen steigen, Niedrigwasserphasen fordern nicht nur die Wirtschaft und Gesellschaft heraus, sondern auch die Arbeit der Untersuchungsstation: Längere Hitze- und Trockenphasen verändern Temperatur, Sauerstoffgehalt und Wasserstand des Flusses. „Flüsse reagieren sensibel auf alles“, sagt Grünhoff.
Als die Station am 13. August 1976 in Betrieb ging, war der Fluss stark belastet, berichtet Thomas Schmid, Präsident des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Aus Industrieanlagen gelangten Schwermetalle wie Quecksilber und Blei in den Rhein, hinzu kamen Phosphor, Ammonium und organische Chemikalien aus Abwässern und Industrie. Der Rhein stank, Schaumberge türmten sich wie in einer Waschmaschine. „Kein Mensch hätte da einen Fuß reingesetzt“, sagt Schmid. Die Station damals setzte neue Maßstäbe für das Verständnis von Gewässerschutz, sagt der Experte: Dauerhaft zu kontrollieren, statt Einzelproben zu nehmen, war damals ein neuer Schritt. Rund um die Uhr und an jedem Tag im Jahr überwacht die Station die wichtigen Werte für Verunreinigungen.
Je tiefer man in das Gebäude steigt, desto lauter wird das Plätschern
„Schadstoffe kennen keine Landesgrenzen“, sagt Schmid. Was am Oberlauf eingeleitet wird, erreicht die Anrainerländer und -staaten. Der Oberrhein zieht sich bis in die Niederlande, wo der Rhein für das Trinkwasser wichtig ist. Nach dem Chemieunfall von Sandoz 1986, bei dem große Mengen Pflanzenschutzmittel in den Fluss gelangten, verstärkten die Anrainerstaaten ihre Zusammenarbeit. Kläranlagen wurden ausgebaut, Einleitungen reduziert, Grenzwerte verschärft. Die Belastung durch viele klassische Schadstoffe ist seitdem deutlich zurückgegangen, teilweise um mehr als 80 Prozent. Schmid nennt die Station deshalb das „Gedächtnis des Gewässerschutzes“.
In der Station führt der Weg eine Treppe hinunter. Je tiefer man in das Gebäude steigt, desto stärker wird das Plätschern. Pumpen und Schläuche fördern das Wasser in den Keller. Im Probenraum, dem „Herzstück der Station“, wie Stationsleiter Andreas Schiwy sagt, verteilt es sich auf zahlreiche Geräte. Gemessen werden unter anderem pH-Wert, Sauerstoffgehalt, Leitfähigkeit und Temperatur. Auch Alphastrahlung, eine Art Radioaktivität, wird untersucht.
Rund 30.000 messbare Stoffe finden sich im Rhein
Die verschiedenen Geräte ziehen über den Tag hinweg in kleinen Mengen Wasser. Die Flaschen können bis zu zwölf Monate aufbewahrt und einem Messzeitpunkt zugeordnet werden. Wird später eine auffällige Substanz entdeckt, lässt sich zurückverfolgen, wann sie die Station passiert hat. „Das ist eine Zeitreisemaschine“, sagt Schiwy.

Im August liege die Wassertemperatur gewöhnlich zwischen 20 und 27 Grad, sagt Schiwy, das zeigten die Daten der letzten 30 Jahre. An diesem Tag sind es 24,5 Grad, der Sauerstoffgehalt beträgt etwa 8,1 Milligramm pro Liter. Doch je wärmer das Wasser, desto weniger Sauerstoff kann es lösen. Bei Niedrigwasser wird außerdem ein größerer Abwasseranteil weniger verdünnt. Rund 30.000 messbare Stoffe können im Rhein vorkommen. Neben den alten Schadstoffen rücken aufgrund einer älter werdenden Gesellschaft heute Arzneimittelrückstände zunehmend in den Blick.
Die Station ist damit nicht nur Gedächtnis, sondern auch Alarmsystem des Rheins, sagt Schiwy. Wie es dem Rhein geht? „Der Fluss ist belastet, aber es geht ihm viel besser als noch vor 50 Jahren“, sagt Stationsleiter Schiwy.