Migrationskrise in spanischer Enklave Ceuta eskaliert: Tausende Migranten schwimmen über die Grenze

Stand: 31.07.2026, 07:22 Uhr

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Zehn Tote innerhalb von 24 Stunden, überfüllte Aufnahmezentren und ein Streit innerhalb der EU: Die Migrationskrise in Ceuta verschärft sich.

Ceuta – Vor Ceuta sind innerhalb von 24 Stunden zehn tote Migranten aus dem Meer geborgen worden, während die spanische Exklave den größten Zustrom seit der Migrationskrise von 2021 erlebt. Die Leichen wurden zwischen Mittwochabend (29. Juli) und Donnerstagabend (30. Juli) entdeckt.

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Spanien und Marokko wollen die Verfahren zur Rückführung irregulär eingereister Menschen beschleunigen. Die Europäische Union bot Madrid zusätzliche finanzielle, technische und operative Hilfe an. Sieben Leichen entdeckte die spanische Guardia Civil am Donnerstagabend im Meer.

Migranten überqueren die Grenze von Marokko in die spanische Exklave Ceuta.

Migranten überqueren die Grenze von Marokko in die spanische Exklave Ceuta. © picture alliance/dpa/AP | Antonio Sempere

Zuvor hatte die spanische Seenotrettung am Donnerstagmorgen einen weiteren Toten geborgen. Zwei weitere Körper waren bereits am Mittwochabend gefunden worden. Damit stieg die Zahl der Menschen, die seit Jahresbeginn bei dem Versuch starben, Ceuta schwimmend zu erreichen, auf 38. Viele Migranten versuchen, die maritime Grenzanlage bei Tarajal zu umgehen. Sie laufen bei niedrigem Wasserstand an der Küste entlang oder schwimmen um die ins Meer ragende Absperrung.

Hunderte Menschen erreichen Ceuta in einer Nacht

Parallel zu den Bergungsarbeiten gelangten am Donnerstagabend erneut Hunderte Menschen nach Ceuta. Unter ihnen waren vor allem junge Migranten, aber auch Familien, Frauen und Minderjährige.

Eine abschließende offizielle Zahl zu den Ankünften lag zunächst nicht vor. Innerhalb der vergangenen zwei Wochen sollen jedoch annähernd 2.000 Menschen die Exklave auf dem Seeweg erreicht haben. Es handelt sich um die größte Ankunftsbewegung seit Mai 2021, als innerhalb von zwei Tagen mehr als 10.000 Menschen aus Marokko nach Ceuta gelangten.

Der starke Anstieg bringt die Aufnahmeeinrichtungen der Stadt an ihre Grenzen. Das Zentrum für den vorübergehenden Aufenthalt von Migranten verfügt offiziell über 512 Plätze, beherbergte zuletzt jedoch 727 Menschen. Neuankömmlinge mussten deshalb vor dem Zentrum in provisorischen Unterkünften aus Decken, Kartons und Plastikplanen übernachten.

Auch die Einrichtungen für unbegleitete Minderjährige sind überlastet. Mehr als 500 Minderjährige sollen zuletzt angekommen sein. Zudem registrierten die Behörden 18 Frauen, die Ceuta über den Seeweg erreichten. Frauen nehmen diese gefährliche Route vergleichsweise selten.

Spanien und Marokko wollen Rückkehr beschleunigen

Das spanische Innenministerium bezeichnete die Zusammenarbeit mit Marokko trotz der hohen Zahl an Grenzübertritten als „vorbildlich“. Die Sicherheitskräfte des Nachbarlandes hätten in den vergangenen Tagen Tausende weitere Versuche verhindert.

Innenminister Fernando Grande-Marlaska stand nach Angaben seines Ministeriums in ständigem Kontakt mit seinem marokkanischen Amtskollegen Abdelouafi Laftit. Beide Länder vereinbarten, ihre Sicherheitsmaßnahmen und die gemeinsame Koordination zu verstärken.

Zugleich wollen Madrid und Rabat die notwendigen Verfahren einleiten, um irregulär nach Ceuta gelangte Menschen möglichst schnell zurückzuführen. Marokkanische Regierungsquellen bestätigten der Nachrichtenseite Yabiladi, dass dies unabhängig von Nationalität und Alter der Betroffenen gelten solle.

Die Europäische Kommission begrüßte die Zusammenarbeit. Rückführungen müssten jedoch nach den geltenden rechtlichen Vorschriften erfolgen.

Gerichtsurteil erschwert direkte Zurückweisungen

Das spanische Innenministerium macht unter anderem Schleusernetzwerke für die zunehmenden Überfahrten verantwortlich. Kriminelle Gruppen nutzten eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs vom 8. Juli, um vor allem junge Menschen zur Überquerung der Grenze zu bewegen.

Das Gericht hatte entschieden, dass Menschen, die Ceuta oder Melilla schwimmend erreichen, nicht unmittelbar an der Grenze zurückgewiesen werden dürfen. Die Behörden müssen stattdessen für jede Person ein Verwaltungsverfahren einleiten.

Dazu gehören die Feststellung der Identität und die Prüfung eines möglichen Schutzanspruchs. Bei Bedarf müssen ein Rechtsbeistand und ein Dolmetscher bereitgestellt werden. Die bisher praktizierten unmittelbaren Zurückweisungen auf marokkanisches Gebiet sind damit bei Ankünften über das Meer nicht mehr möglich.

Polizei- und Grenzschutzverbände warnten vor einer erheblichen zusätzlichen Belastung. Die Guardia Civil forderte vom Innenministerium klare Anweisungen für die auf See eingesetzten Beamten, Taucheinheiten und Rettungspatrouillen.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen widersprach zugleich der Darstellung, das Gerichtsurteil sei die alleinige Ursache des Anstiegs. Die Entscheidung könne ein Faktor sein, erklärte der UNHCR. Die Entwicklung lasse sich jedoch nur durch mehrere politische, soziale und wirtschaftliche Ursachen erklären.

Madrid lehnt nationalen Notstand ab

Ceutas Regierungspräsident Juan Vivas forderte die Zentralregierung auf, einen nationalen Notfallplan zu aktivieren. Er verlangte zusätzliche Sicherheitskräfte, mehr Geld für die Aufnahmeeinrichtungen und eine einheitliche Einsatzleitung.

Das spanische Innenministerium lehnte die Forderung ab. Die Gesetzgebung zum Bevölkerungsschutz sehe einen nationalen Notstand bei Migrationsbewegungen nicht vor. Irreguläre Grenzübertritte seien dort nicht als Risiko definiert, das eine solche Maßnahme auslösen könne.

Ministerpräsident Pedro Sánchez will am Freitag, 31. Juli, gemeinsam mit Innenminister Grande-Marlaska nach Ceuta reisen. Geplant sind ein Besuch des Grenzübergangs Tarajal und Gespräche mit den Sicherheitsbehörden, der Stadtregierung, der Leitung des Aufnahmezentrums und dem örtlichen Roten Kreuz.

EU bietet Frontex-Einsatz an

Die Europäische Kommission bot Spanien zusätzliche Unterstützung durch die europäische Grenzschutzagentur Frontex an. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner erklärte, der Schutz der Außengrenzen gehöre zu den zentralen Aufgaben der Europäischen Union.

Brüssel sei bereit, seine finanzielle, technische und operative Hilfe zu verstärken, um die Situation in Ceuta wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Kommission stehe zudem mit den marokkanischen Behörden in Verbindung und dränge auf sofortige Maßnahmen gegen die gefährlichen Überfahrten.

Brunner bezeichnete Marokko als „wichtigen und verlässlichen Partner“ der Europäischen Union in der Migrationspolitik. Die Zusammenarbeit umfasst Grenzkontrollen, die Bekämpfung von Schleusernetzwerken und die Rückführung irregulär eingereister Menschen.

Streit zwischen Spanien und Italien

Die Krise löste zugleich einen diplomatischen Konflikt innerhalb der Europäischen Union aus. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni kündigte „außerordentliche Instrumente“ an und brachte eine Aussetzung des Schengen-Verkehrs mit Spanien ins Gespräch.

„Die außer Kontrolle geratene illegale Einwanderung stellt eine konkrete Bedrohung für die Sicherheit der europäischen Grenzen dar“, erklärte Meloni nach einem Gespräch mit Innenminister Matteo Piantedosi.

Auch Italiens Außenminister Antonio Tajani sprach sich für Grenzkontrollen gegenüber Spanien aus. Daraufhin bestellte der spanische Außenminister José Manuel Albares den italienischen Botschafter in Madrid ein. Albares bezeichnete die Äußerungen als unangemessen gegenüber einem befreundeten Partnerland. Spanien benötige europäische Solidarität statt „parteipolitischer Demagogie“.

Auch das Weiße Haus schaltete sich ein. Die Sprecherin Anna Kelly machte die spanische Migrationspolitik für die Situation mitverantwortlich und kritisierte insbesondere die geplante Legalisierung des Aufenthalts von rund 500.000 Menschen ohne gültige Papiere.

Vereinte Nationen fordern Schutz der Ankommenden

UN-Generalsekretär António Guterres mahnte die Einhaltung der Rechte aller in Ceuta ankommenden Menschen an. „Der Generalsekretär möchte sicherstellen, dass die Rechte und die Würde aller Menschen, die in Ceuta ankommen, geachtet werden“, erklärte sein stellvertretender Sprecher Farhan Haq.

Der UNHCR forderte eine individuelle Prüfung der Situation jedes Ankommenden. Schutzbedürftige, Minderjährige und mögliche Asylsuchende müssten Zugang zu den gesetzlich vorgesehenen Verfahren erhalten.