Stand: 11.07.2026, 10:00 Uhr
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In der Fuldaaue rücken Baumpfleger gegen die gefährlichen Raupen aus. Ihre Brennhaare bleiben über Jahre hinweg gefährlich.
Kassel – Zuerst der linke Fuß, dann der rechte. Bloß nicht das Gleichgewicht verlieren. Mit einem leisen Rascheln gleitet der Körper in den weißen Schutzanzug. Überschuhe aus demselben dünnen Material folgen, darüber ein zweiter, etwas dickerer Overall. Einweghandschuhe verschwinden unter den Ärmeln, der Reißverschluss wandert bis unters Kinn. Nur wenige Minuten später ist von der Straßenkleidung nichts mehr zu sehen. Wer denkt, es handelt sich um eine Szene eines Tatorts, irrt sich.
„Handgelenke und Füße kannst du jetzt noch abbinden“, sagt Baumpfleger Jaro Richter von der Firma Blattwerker. Er reicht eine Rolle Kreppband herüber. Jeder Übergang zwischen Handschuhen, Ärmeln und Hosenbeinen wird sorgfältig verschlossen. Kein Fleckchen Haut soll frei bleiben.
Der Aufwand gilt einem Tier, das kaum länger als ein Daumen ist: dem Eichenprozessionsspinner. Doch die eigentliche Gefahr geht nicht von der Raupe selbst aus, sondern von ihren hauchdünnen Brennhaaren. Bevor es hinauf in die Baumkrone geht, muss deshalb jeder Handgriff sitzen – andernfalls drohen Hautirritationen, im schlimmsten Fall Atemnot.
„Das Problem mit dem Eichenprozessionsspinner ist in diesem Jahr explodiert“, sagt Martin Winkler vom Umwelt- und Gartenamt der Stadt Kassel. Die stark anwachsende Population der Raupen hänge vor allem mit dem Klimawandel zusammen. „Motten dieser Art kommen gut mit Wärme, aber auch mit Kälte klar“, sagt Martin Winkler. Warme Frühjahre und wenig Regen in Kombination mit Hitzeperioden sorgen dafür, dass sich die anpassungsfähigen Tiere überall ausbreiten – so auch in Kassels Stadtgebiet und Umgebung.
Das wird zum Problem – vor allem für Menschen, aber auch für Tiere. „Die Brennhaare der Raupen enthalten einen Giftmix“, erklärt Martin Winkler. Bei Kontakt mit den Härchen auf der Haut droht ein juckender Hautausschlag. „Das ist der positivste Ausgang“, sagt er. Gefährlich wird es für Menschen, die allergisch auf die Brennhaare reagieren. Wenn die Haare in die Atemwege gelangen, kommt es im schlimmsten Fall zur Atemnot. Martin Winkler vergleicht die Symptome mit denen eines Bienenstichs. Weil der Kontakt mit den Haaren des Eichenprozessionsspinners so gefährlich ist, geht es den Tieren derzeit an den Kragen. Zuständig sind darauf spezialisierte Firmen. So auch an diesem Tag auf einem Parkplatz an der Fuldaaue.
Nur mit Schutzanzug und Atemschutzmaske geht es in den Baum

Bevor es mit der Hebebühne in Richtung Baumkrone geht, um die kleinen Tiere zu beseitigen, fehlen neben Schutzanzug, Hand- und Überschuhen noch eine Atemschutzmaske. Jaro Richter macht vor, wie es geht: Zunächst legt er die Vorderseite mit dem Schutzglas, das über das gesamte Gesicht geht, an. Dann stülpt er das Gummiband über den Hinterkopf. Die Maske sitzt. Jaro Richter drückt einen Knopf am hinteren Teil der Maske. Ein leises Rauschen und ein leichter Luftstrom erfüllen die Maske, dämpfen die Außengeräusche. Jaro Richter muss lauter sprechen, damit man ihn noch versteht. „Funktioniert es?“, fragt er. Der Daumen nach oben signalisiert: Ja. Dann kann es losgehen.
Auf der kleinen Fläche der Hebebühne ist nur wenig Platz für zwei Personen – zumal der Sauger, mit dem die Eichenprozessionsspinner vom Baum entfernt werden, ebenfalls auf der Fläche steht. Es wird zur Herausforderung, Platz zu finden, ohne Jaro Richter bei der Arbeit zu beeinträchtigen. Eine kleine Nische zwischen Sauger und Geländer ist gefunden. Jaro Richter startet den Motor. Mit einem Ruck bewegt sich die Hebebühne wenige Zentimeter in die Luft. Der 25-jährige Baumpfleger steuert sie mit einem Steuerknüppel. Es geht immer weiter in die Höhe – der Baumkrone entgegen.

Jaro Richter stoppt die Hebebühne auf Höhe eines Nestes, das am Baumstamm der Eiche klebt. Mit einem Spachtel schabt er das Nest von der Baumrinde – das Gespinst landet in einem blauen Müllsack, der über einen Eimer gestülpt ist. Dann greift er zu dem Schlauch des Saugers, startet ihn mit einem Knopfdruck, und allmählich verschwindet das gesamte Nest im Beutel. „Hier sieht man leere Hülsen und verpuppte Raupen“, erklärt Jaro Richter und zeigt auf Überbleibsel, die noch nicht im Beutel des Saugers verschwunden sind. Ist das Nest entfernt, sprüht er einen Sprühkleber auf die Stelle am Baumstamm. „Das Problem ist, dass die Brennhaare extrem robust und noch über Jahre hinweg gefährlich sind“, erklärt Martin Winkler. Deshalb werden die Brennhaare mit dem Sprühkleber am Baumstamm fixiert.
Damit ist die Arbeit längst nicht getan. Ab Ende Juni verpuppen sich die Eichenprozessionsspinner. Anfang August schlüpfen die Falter. Die Weibchen haben mit einer Lebensdauer von maximal drei Tagen nur wenig Zeit, ihre Eier in der Baumkrone abzulegen. Damit keine neuen Raupen schlüpfen, werden Jaro Richter und seine Kollegen im Herbst und Frühjahr zum erneuten Mal tätig. „Wir besprühen die Nester mit dem Sprühkleber, damit die Raupen nicht schlüpfen“, sagt der 25-Jährige.
Zwei Nester sind entfernt. Die weiteren hängen weiter oben im Baum. Weil diese schwerer zu erreichen sind und Jaro Richter mehr Platz auf der Hebebühne benötigt, geht es erst einmal wieder nach unten. Für Menschen mit Höhengast kann der Prozess in schwindelerregender Höhe schnell zur Herausforderung werden. Jetzt beginnt der Teil des Einsatzes, bei dem jeder Handgriff noch einmal genauso sorgfältig sitzen muss wie zu Beginn. Handschuhe werden abgestreift, die Ärmel nach innen geschlagen, der Schutzanzug Zentimeter für Zentimeter ausgezogen. „Pass auf, dass du den Anzug nicht mit den Unterarmen berührst“, sagt Jaro Richter. Die Overalls landen später im Müll, die abgesaugten Nester werden später verbrannt.