AUDIO: "Bibliothek des Jahres" steht in Hoyerswerda (2 Min)
Auszeichnung
Treff, Forum, Kaffee-Stopp: In Stadtbibliothek Hoyerswerda gibt's mehr als Lesefutter
von MDR SACHSEN
Stand: 03.08.2026 06:00 Uhr
"Gratulation!", ruft Besucherin Bärbel Kubitschek der Bibliotheksleiterin Maja Kos auf dem Weg ins Lesecafé zu. Dass die Hoyerswerdaer Stadtbibliothek mit dem Deutschen Bibliothekspreis ausgezeichnet wird, hat sie im Radio gehört. "Ich gehe sehr gerne hierher. Die lassen sich immer etwas Gutes einfallen", lobt Kubitschek die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Lesen, Schwatz und Gratis-Kaffee
Beuscherin Kubitschek kommt im Schnitt dreimal pro Woche in die Bibliothek. In einem Nebenraum mit Sitzgruppen beugt sich die 83-Jährige über eine Tageszeitung. Die Zeitung selbst zu abonnieren, sei ihr zu teuer. Deshalb liest sie sie in der Bücherei und erzählt: "Ich schätze die ruhige Atmosphäre in der Bibliothek, dass ich hier Bekannte treffe und zum Lesen gratis einen Kaffee eingeschenkt kriege."
Bärbel Kubitschek und Silvia Klaus sind ehemalige Arbeitskolleginnen, die sich öfter mal im Lesecafé der Stadtbibliothek treffen.
Plaudern mit dem Rathaus-Chef
Besonders gefallen ihr aber die Dialog-Veranstaltungen in der Bibliothek, zum Beispiel "Frag den Oberbürgermeister". Einmal im Monat kommt Hoyerswerdas Verwaltungschef in die Bibliothek, erläutert Bauprojekte, erklärt Beschlüsse des Stadtrats oder diskutiert mit Interessierten Pläne. Eine Millioneninvestition am Scheibesee war schon Thema, der Umbau des Bahnhofs und die Arbeit der Feuerwehr. "Man hört immer wieder was Neues", erklärt Bärbel Kubitschek, die schon mehrmals dabei war.
Auch Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh (SPD) schätzt diese Runden. Denn der Austausch sei ihm wichtig. "Es passt super rein und macht Spaß", betont Ruban-Zeh. Anders als bei Gesprächsangeboten auf dem Marktplatz oder zu Stadtratssitzungen gebe es hier die Möglichkeit, dass die Bürger auch untereinander ins Gespräch kämen.
Direkte Gespräche, manchmal auch Ansagen
"Das ist das Spannende: Wenn dann einer mal emotionaler ist, sagen auch die anderen Bürger: 'Krieg dich mal wieder ein'", schildert er. Da sei es egal, ob nur acht Leute oder 25 vor ihm säßen. "Die Gespräche sind immer wertvoll."
Bürgerbefragung als Startschuss für Neues
Diese Veranstaltungen in der Stadtbibliothek imponierten auch der Jury des Deutschen Bibliothekspreises. Die Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek habe sich konsequent zu einem Ort entwickelt, an dem demokratische Teilhabe nicht nur vermittelt, sondern auch gelebt wird, heißt es in der Begründung zur "Bibliothek des Jahres 2026". Die Hoyerswerdaer zeigtene beispielhaft, wie Bibliotheken zu tragenden Säulen einer demokratischen Gesellschaft werden könnten.
Das ist auch ein Verdienst von Maja Kos. Die gebürtige Bosnierin kam im Jahr 2022 aus München nach Hoyerswerda. Sie sollte mit Fördergeld aus dem sächsischen Justizministerium in der Stadtbibliothek eine "offene Werkstatt der Demokratie" aufbauen. Dazu habe sie in die Stadtgesellschaft hineingehorcht und die Menschen gefragt: "Was denken Sie, was fehlt in der Bibliothek? Was möchten Sie gerne in der Bibliothek machen? Was können Sie in der Bibliothek tun?", berichtet die 36-Jährige.
Viele hätten sich gewünscht, dass die Bibliothek noch mehr zu einem Treffpunkt wird. So entstanden Formate wie das Dialogcafé, "Frag' den OB" und die "kulturelle Reise".
Die Stadtbibliothek trägt den Namen von Brigitte Reimann. Die Autorin, die einst in Hoyerswerda wohnte, setzte sich für öffentliche Orte der Begegnung ein.
Bewusst Austausch mit Literatur verknüpft
Im Dialogcafé sprachen schon Hebammen, eine Dirigentin und Film-Schauspieler über ihre Arbeit. Bei der kulturellen Reise stellen Zugezogene ihre Heimatländer vor – meist mit kulinarischen Kostproben. Und sie stoßen damit auf großes Interesse. Regelmäßig kämen um die 50 Besucher, sagt Maja Kos. "Wir hatten schon Veranstaltungen, da waren 15 Nationalitäten gleichzeitig in der Bibliothek." Um Platz für diese Veranstaltungen zu haben, wurden extra Rollregale eingebaut, die sich beiseite schieben lassen.
Durch die Veranstaltungen habe sich das Bild der Bibliothek bei den Bürgern verändert. Sie werde nun als Kooperationspartnerin wahrgenommen, weißt Maja Kos. "Das soll so sein. Denn wir haben alle möglichen Themen bei uns in den Büchern, den Medien. Und dann ist es ganz einfach, sich mit jedem Thema zu verbinden." So bereiten die Mitarbeiter Lese-Tische zu den Themen ihrer Veranstaltungen vor. "Die Idee ist, dass sich die Menschen auch selbstständig zu Hause mit dem Thema beschäftigen können", erläutert Kos.
Die Leiterin der Hoyerswerdaer Stadtbibliothek Maja Kos
Vom Besucher zum Nutzer
Das führt dazu, dass sich auch neue Nutzer anmelden, die als Besucher zuvor in die Veranstaltungen gekommen seien. Rund 300 Neuanmeldungen waren es in den vergangenen Jahren. "Das zeigt, Bibliotheken verlieren überhaupt nicht an Bedeutung, sondern sie bleiben immer wieder die wichtigsten Orte einer Gesellschaft", sagt die Leiterin der Hoyerswerdaer Stadtbibliothek. Wo sonst, könne man heute noch etwas kostenlos nutzen?
Bibliotheken verlieren überhaupt nicht an Bedeutung, sondern sie bleiben immer wieder die wichtigsten Orte einer Gesellschaft. Maja Kos | Leiterin Stadtbibliothek Hoyerswerda
Der Bibliothekspreis für Hoyerswerda zeigt nach Kos’ Meinung, wie wichtig inhaltliche Qualität ist. "Wir zeigen, dass eine Bibliothek mit weniger Ressourcen für Modernisierung und Neubau trotzdem eine sehr gute Arbeit leisten kann."
MDR (mak)
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