Nach neun Jahren fertig Doku über Saarbrücker Regisseur Wolfgang Staudte – ist er vergessen?
Saarbrücken · Die gute Nachricht: Der Film über den Saarbrücker Regisseur Wolfgang Staudte ist nach jahrelanger Arbeit fertig. Die schlechte: Es fehlt das Geld, um ihn regulär im Kino zu zeigen. Woran liegt das – und was haben die Macher des Films jetzt vor?
05.08.2026 , 18:12 Uhr
Wolfgang Staudte (1906-1984) in Grün – zu sehen im Saarbrücker Filmhaus.
Foto: Tobias Keßler
Öffentlich war diese Filmpremiere nicht, eher inoffiziell und ein bisschen geheim – aber auch nicht so geheim, dass man hinterher nicht über sie schreiben könnte. Im Filmhaus in der Mainzer Straße war dieser Tage „Wolfgang Staudte – Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur“ erstmals zu sehen, als interne, viel beklatschte Vorpremiere. Die Chance, dass man sich als Leserin oder Leser jetzt die knappe Frage „Wolfgang wer?“ stellt, ist recht hoch – und genau deshalb gibt es diesen Film, sagt sein Regisseur. „Wolfgang Staudte droht, langsam in Vergessenheit zu geraten“, stellt Klaus Gietinger fest. Das sei bei einem anderen in Saarbrücken geborenen Regisseur ganz anders – Max Ophüls. „Dessen Name bleibt auch durch das Ophüls-Festival lebendig.“ Aber Staudte?
Nach der inoffiziellen Premiere gab es eine Diskussion mit dem geladenen Publikum. Von links: Filmhaus-Leiter Nils Daniel Peiler, Uschi Schmidt-Lenhard und Klaus Gietinger.
Foto: Tobias Keßler
Gietingers Doku in anderthalbstündiger Kino-Länge (und dabei sehr kurzweilig) entstand gemeinsam mit Uschi Schmidt-Lenhard, Vorsitzende der Saarbrücker Wolfgang Staudte Gesellschaft. Neun Jahre haben sie an dem Film gearbeitet, seit 2017 haben sie Weggefährtinnen und Weggefährten des Saarbrückers interviewt, sei es weit weg oder auch im Saarland, bei Staudte-Veranstaltungen: Beim Ophüls-Festival im Januar läuft seit einigen Jahren stets eine Staudte-Hommage, und da waren zum Beispiel vor sechs Jahren Schauspieler Volker Kraeft („Die Buddenbrooks“) und Michael Werlin, lange Regieassistent bei Staudte, im Kino Achteinhalb zu Gast, bei einer Vorführung von Staudtes letztem Kinofilm, „Zwischengleis“ von 1978.
Neun Jahre Arbeit am Film – da haben Schmidt-Lenhard und Gietinger einen langen Atem gebraucht – und dazu die im Kulturbetrieb oft notwendige Mischung aus Idealismus und dem Willen zur Selbstausbeutung. Die damaligen Saarland Medien haben den Film während der Entwicklung gefördert, aber eher früher als später war das Duo finanziell auf sich gestellt. „Es ist eine gewisse Hartnäckigkeit, die uns beide antreibt“, sagt Schmidt-Lenhard. Zeitdruck war auch dabei – denn die Zeitzeugen sterben. Einige im Film Interviewte leben nicht mehr – darunter Filmkritiker Heinz Kersten, Staudtes langjähriger Regieassistent Michael Mackenroth und Ralf Schenk, Kenner der DDR- Filmgesellschaft Defa, für die Staudte auch arbeitete – für sie drehte er unter anderem den „Untertan“.
Hat sich die Hartnäckigkeit des Duos nun gelohnt? Sehr. Staudtes Leben und Arbeit bettet der Film sinnig in die Zeitgeschichte ein – selbst jemand, der sich nur bedingt für diesen Regisseur oder das Kino allgemein interessieren sollte, wird hier viel Interessantes finden; schließlich erzählt der Film mittels der nahezu exemplarischen Biografie Staudtes sehr viel vom 20. Jahrhundert und der jeweiligen Welt- und Geisteslage. Ein unpolitischer Mitläufer war Staudte im NS-Regime, inszenierte Filme und spielte im wohl perfidesten antisemitischen Film der Nazis mit, „Jud Süß“ (1940). Da mitgemacht zu haben, hat Staudte nie losgelassen, er hat es sich nie verziehen. Nach dem Krieg drehte er Filme sowohl im Osten wie im Westen Deutschlands – und geriet mit beiden Systemen aneinander; mit keinem war er wirklich glücklich, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. In der BRD wurde sein filmisches Hinterfragen der deutschen NS-Vergangenheit nicht gerne gesehen, sondern als sogenanntes Nestbeschmutzen gesehen. Kein Wunder, denn die meisten Nazis von einst waren ja immer noch da.
Dreharbeiten 1946: Regisseur Wolfgang Staudte und Hildegard Knef als Susanne Wallner bei der Arbeit an „Die Mörder sind unter uns“, dem ersten deutschen Nachkriegsfilm.
Foto: dpa/Eugen Klagemann
Ein großes Plus des Films ist, dass er Szenen aus Staudtes zentralen Filmen nicht häppchenweise und hektisch zeigt, sondern länger als üblicherweise in Kinodokus. Gut ist das vor allem für jene, die die Filme gar nicht kennen; zudem wird so der Blick abseits des Inhaltlichen auch nichts nur aufs Politische, sondern Ästhetische gelenkt – die Szenen etwa aus „Der Untertan“ zeigen, wie hintersinnig und gewitzt Staudte da inszeniert. Modern auch noch aus heutiger Perspektive.
Das Problem der langen Ausschnitte: Sie erschweren jetzt einen Kino-Einsatz des Films. „Die Filmrechte für die Ausschnitte zu bekommen, war nicht so schwer“, sagt Uschi Schmidt-Lenhard, „aber sie zu bezahlen, schon“. Gietinger habe da einiges herunterhandeln können, erklärt er, „für einige Szenen zum Beispiel von fünf- auf vierstellige Summen“. So weit, so gut – aber bisher haben Schmidt-Lenhard und Gietinger lediglich die nicht-kommerziellen Rechte. „Das bedeutet, dass der Film bei Festivals laufen kann“, erklärt Gietinger, Dokumentarfestivals habe man auch schon im Auge. Aber um ihn regulär im Kinobetrieb zu zeigen, müsse man sozusagen nochmal nachzahlen. „Wir wollen ihn natürlich auch im Saarland verbreiten und überall zeigen, wo es überhaupt geht.“ Was tun? Man habe jetzt einen Antrag auf Vertriebsförderung bei der Filmförderung des Saarlandes gestellt. „Dann könnten wir auch die kommerziellen Rechte erwerben und den Film mit einem Verleih in der ganzen Bundesrepublik zeigen.“ Zugleich läuft eine Spendenaktion der Staudte-Gesellschaft für den Film und für Veranstaltungen zu Staudtes 120. Geburtstag im Oktober.
Regisseur Gietinger würde sich mehr Bewusstsein und Unterstützung wünschen. „Ich denke, die Stadt Saarbrücken kann stolz drauf sein, dass mit Ophüls und Staudte zwei der größten deutschen Regisseure des 20. Jahrhunderts hier geboren wurden“, sagt er. „Und die Stadt könnte gerade im Fall Staudte noch ein bisschen mehr für ihn tun.“ (jos)
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