Marokko: Fatima Ezzahra El Mansouri wird erste Regierungschefin

Ihre Ernennung ist ein Signal und eine Überraschung. Zum ersten Mal steht eine Frau an der Spitze der Regierung Marokkos; Fatima Ezzahra El Mansouri ist damit die zweite Regierungschefin der arabischen Welt. Gleichzeitig hat König Mohammed VI. sie damit beauftragt, sich besonders um die jungen Marokkaner zu kümmern. Der Parlamentswahl in der vergangenen Woche waren die meisten von ihnen ferngeblieben; Zehntausende waren Ende Juli in die spanische Exklave Ceuta geströmt.

Die regimenahe Presse feiert die Ernennung der 50 Jahre alten Bürgermeisterin von Marrakesch als „einen zivilisatorischen Wendepunkt für das Königreich“, wie es das Onlineportal Hespress formuliert. „Endlich eine Frau“, jubelt das Portal „Le 360“ über die Mutter zweier Kinder, die seit 2021 zudem Ministerin für Wohnungsbau und Raumordnung ist – ein Ressort, das auch in Marokko angesichts der grassierenden Wohnungsnot immer wichtiger wird, unter der besonders die junge Bevölkerung leidet.

Fatima Ezzahra El Mansouri bei einer Parteiveranstaltung Mitte September in Tanger
Fatima Ezzahra El Mansouri bei einer Parteiveranstaltung Mitte September in TangerAFP

Karikaturen zeigen die nominierte Regierungschefin im Businessanzug auf einem kleinen Traktor. Der ist das Symbol ihrer säkularen und monarchistisch wirtschaftsliberalen PAM-Partei, die einst ein Berater des Königs gegründet hatte. Die „Partei für Authentizität und Modernität“ (PAM) hat mit 97 Mandaten die meisten Abgeordneten im Parlament gewonnen und erhielt deshalb den Auftrag, die neue Regierung zu bilden.

Eigentlich sollte sich die Regierung auf die WM 2030 konzentrieren

Eigentlich galt der bisherige Haushaltsminister und Präsident des königlichen Fußballverbands als der Favorit für das Amt. In Marokko hatten viele eine „WM-Regierung“ unter der Führung Fouzi Lekjaa erwartet. Er gilt als der Architekt des marokkanischen Fußballwunders: Bei der WM im Sommer erreichte Marokko als einzige afrikanische Mannschaft das Viertelfinale. 2030 richtet das Land zusammen mit Spanien und Portugal die Fußball-Weltmeisterschaft aus.

Doch mit der ersten Regierungschefin setzte der König andere Akzente. Mohammed VI. hat in der marokkanischen Politik das letzte Wort und ernennt selbst die Minister der Schlüsselressorts. El Mansouri löst den Milliardär Aziz Akhannouch ab, gegen den sich im vergangenen Jahr der Zorn der demonstrierenden Generation Z gerichtet hatte. Nach der Königsfamilie gehört dem Unternehmer eines der größten Vermögen des Landes.

Auch seine Nachfolgerin kommt aus der kleinen und reichen Elite Marokkos. El Mansouris Vater war Gouverneur der Region von Marrakesch und Botschafter in den Emiraten. Die Spezialistin für Immobilienrecht ging auf ein französisches Elitegymnasium. Sie studierte in Rabat, Montpellier und in den USA. Durch einen Hackerangriff war bekannt geworden, dass ihre Familie angeblich in Marrakesch Grundstücke im Wert von gut 25 Millionen Euro besitzt.

Mit 33 Jahren Bürgermeisterin von Marrakesch

El Mansouri war 2009 zum ersten Mal mit 33 Jahren zur Bürgermeisterin von Marrakesch gewählt worden und führte schon wenig später die Liste der 20 einflussreichsten jungen Frauen in Afrika an, die das Magazin „Forbes“ erstellt. Zunächst muss sie nun eine Koalition mit der unterlegenen RNI-Partei ihres Vorgängers und der Istiqlal-Partei bilden – und zeigen, dass sie sich gegen den „Makhzen“, den zentralisierten Machtapparat um den König, behaupten kann.

Ähnlich wie die Bürgermeisterin von Marrakesch war in Tunesien Najla Bouden 2021 zunächst mit Vorschusslorbeeren und großen Erwartungen überhäuft worden. Aber die erste Regierungschefin in der arabischen Welt konnte dem immer autoritärer regierenden tunesischen Staatspräsidenten Kaïs Saïed nichts entgegensetzen. Sie verschwand nur zwei Jahre später von der politischen Bühne.

El Mansouri sprach nach ihrer Ernennung von einem „historischen Moment“ und einer Ehre für alle Frauen in Marokko, an die der König immer geglaubt habe. Als Frauenrechtlerin hatte sie sich bisher nicht hervorgetan. Mohammed VI. habe ihr die „Richtlinien“ für eine neue Phase der Reformen mitgeteilt, sagte sie. Ohne konkret zu werden, kündigte sie die Integration junger Menschen in das öffentliche Leben durch „realistische Lösungen“ an. Ausdrücklich forderte sie die sofortige Rückführung der marokkanischen Migranten aus Ceuta.

An der Seite des Königs muss sie jetzt erst ihren Platz finden. Mohammed VI. ist nicht nur weltliches Oberhaupt (und Oberkommandierender). Er beansprucht als „Anführer der Gläubigen“ auch die religiöse Legitimität seiner Untertanen: Die seit mehr als 300 Jahren herrschende Dynastie führt sich auf den Propheten Mohammed zurück. Die bisherigen Regierungschefs beteten bisher selbstverständlich bei Staatsakten an der Seite des Monarchen – auch um deutlich zu machen, dass sie zum Zentrum der Macht gehören. Für Frauen ist in Marokko meistens ein getrennter Bereich vorgesehen, häufig hinter den Männern oder hinter einer Trennwand.