Klaus-Michael Kühne tot: Abschied von Mr. Deutschland AG

Klaus-Michael Kühne ist tot: Abschied von Mr. Deutschland AG

Milliardär Klaus-Michael Kühne verstarb im Alter von 89 Jahren. Er hinterlässt ein Logistikimperium mit großem Einfluss auf die deutsche Wirtschaft.

Der Logistik-Milliardär und HSV-Investor Klaus-Michael Kühne (Archivbild). Foto: picture alliance / Christian Cha

Der emeritierte Professor für Logistik, Peter Klaus, erinnert sich noch an den Tag, als er von Klaus-Michael Kühne zum Mittagessen in ein Restaurant im schweizerischen Schindellegi eingeladen wurde. Er hatte ihm einen Brief geschrieben, in dem er vorschlug, in Hamburg eine private Universität für Logistik zu unterstützen – um den Ruf von Kühnes Heimatstadt als Weltlogistikzentrum auch künftig zu sichern. Es sei typisch für ihn gewesen: „Er hat sich die ganze Sache angehört und sagte wenig“, erinnert sich Klaus. Dann aber, ein bis zwei Jahre später, wurde 2010 die Kühne Logistics University ins Leben gerufen. 2013 bezog sie ihren neuen Campus in der HafenCity.

Heute ist diese Uni eines der vielen Vermächtnisse des Logistikimpresarios, der in der Nacht zu Montag im Alter von 89 Jahren nach langer Krankheit verstarb. Der zweitreichste Mann Deutschlands hinterlässt mit Kühne + Nagel die größte Luft- und Seefrachtspedition der Welt. Seit dem Börsengang des Unternehmens 1994 stieg dessen Börsenwert um mehr als das 28-Fache. Laut dem US-Magazin „Forbes“ ist Kühne mit einem Privatvermögen von 37 Milliarden Euro der zweitreichste Deutsche und die Nummer 45 der Weltrangliste.

Kühne hatte sich darüber hinaus mit geschickter Hand ein Geflecht von Beteiligungen aufgebaut, über das er zur Schaltstelle der deutschen Wirtschaft wurde: Ihm gehörten über seine Holding 20 Prozent an der deutschen Lufthansa und 30 Prozent an Hapag-Lloyd. Gerade auf die Lufthansa übte er zuletzt großen Druck aus.

Ein stiller, eigenwilliger Typ

Der gebürtige Hamburger, der in die Schweiz auswanderte, war seiner Heimat sein Leben lang gewogen geblieben, durfte sich aus steuerlichen Gründen aber nie länger als 180 Tage hierzulande aufhalten. Daher ließ er das Luxushotel The Fontenay an der Außenalster als sein Hamburger Domizil renovieren. Mahnend ragt hier der unfertige Elbtower als Erinnerung an eine weniger erfolgreiche Partnerschaft Kühnes mit dem Immobilienhasardeur René Benko in die Luft.

Kühne galt als zurückhaltender, eigenwilliger Typ. Selbst auf Veranstaltungen, die ihm zu Ehren gegeben wurden, soll er manchmal nur ruhig dabeigesessen haben. Unterschätzen durfte man ihn deshalb nicht, sagt FAU-Professor Klaus: „Anfangs gab es in der Branche sogar Zweifel, ob er das Familienunternehmen in dritter Generation überhaupt erfolgreich von seinem Vater übernehmen könnte, als er 1966 im Alter von 29 Jahren als Vorstandsvorsitzender die Führung der Speditions-AG übernahm.“

Patriarch mit Vorliebe für Mikromanagement

Kühne führte das Familiengeschäft wie ein Patriarch mit autoritärer Hand. Sein steter Blick auf die Kosten machte das Unternehmen zu einem der effizientesten. Dafür soll Kühne ins Tagesgeschäft hineinregiert haben. So soll es etwa eine Zeit lang die Anweisung gegeben haben, dass Teile der Belegschaft nur an geraden beziehungsweise ungeraden Tagen telefonieren durften – die Telefonkosten waren Kühne zu hoch.

In Konzernkreisen wird auch kolportiert, dass er einem Vorstandsmitglied kurzerhand den Flug zu einem Geschäftstermin storniert habe, weil das Gespräch auch am Telefon geführt werden könne.

Der Aufstieg von Kühne + Nagel zum Logistikriesen

Kühne + Nagel war eine klassische Spedition für Luft- und Seefracht. Ohne eigene Flugzeuge und Schiffe handelt sie für ihre Kunden die besten Preise am Markt heraus – ein sehr komplexes Geschäft. Dass sich Kühne schließlich persönlich an den beiden größten Verkehrspartnern seiner Spedition, der Reederei Hapag-Lloyd und der Fluggesellschaft Lufthansa, beteiligt hatte, gilt als ungewöhnlicher Schachzug.

Doch für Kühne soll das Interesse seiner Kunden immer an erster Stelle gestanden haben: „Er vermittelte seinen Mitarbeitern, dass es gut sei, wenn sie die Unternehmen einsetzen, an denen er beteiligt ist. Aber grundsätzlich sollten immer die günstigsten und besten Offerten den Vorrang haben“, erzählt Logistik-Experte Klaus.

HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne und seine Frau Christine verfolgen im Jahr 2015 ein Spiel von der Tribüne. Foto: Christian Charisius/dpa

Im Lauf der Zeit setzte sich Kühne auch über das klassische Geschäftsmodell des Spediteurs hinweg, indem er aktiv in Logistik-Assets investierte. Unter anderem baute er mit Kühne + Nagel einen der fünf größten Straßengüter-Kontraktlogistik-Dienstleister auf. So baute Kühne die Leistungstiefe seiner Spedition beständig aus. Und blieb nicht nur Händler, sondern wurde auch selbst zum Produzenten.

Ausgerechnet im Jahr des Ablebens seines Vaters verspekulierte sich Kühne massiv: Während der Ölkrise in den 1970er-Jahren versuchte er, ein Geschäft mit Öltankern aufzubauen, geriet damit aber so sehr in finanzielle Schwierigkeiten, dass er 1981 die Hälfte seiner Anteile an die damalige Londoner Rohstoffgesellschaft Lonrho für 90 Millionen Mark abgeben musste. Für kurze Zeit stand sogar infrage, ob er die Kontrolle über das Familienunternehmen ganz abgeben müsste. Doch elf Jahre später kaufte Kühne die Unternehmenshälfte für das Dreifache zurück und brachte die Firma zwei Jahre später an die Börse.

Kühnes Pandemie-Spielgeld

Die Corona-Jahre und die Lieferkettenverwerfungen, die der Ukraine-Krieg seit 2022 auslöste, warfen allen globalen Speditionen Milliarden an zusätzlichen Gewinnen in den Schoß – auch Kühne. Trotz seines fortgeschrittenen Alters nutzte er das frische Geld für neue, spekulative Investitionen in verwandte Branchen. So baute er seit 2021 einen Anteil am Chemikalien-Distributor Brenntag auf, der bis 2025 auf 20 Prozent wuchs. Das Unternehmen hat einen engen Bezug zur Logistikbranche, leidet aber aktuell unter durch hohe Energiepreise erschwerten Geschäftsbedingungen der Chemiebranche. Kühne höchstpersönlich drängte auf Veränderungen im Management und im Geschäftsmodell.

2024 kaufte Kühne mit der schwedischen Private-Equity-Gesellschaft EQT einen Anteil von 35 Prozent an Flix SE, der Mutter der Personenverkehrsunternehmen FlixBus und FlixTrain, die aktuell massiv in Schwellenländern wie Indien investieren. Der Milliardär hatte schon viel in Immobilien investiert – so schenkte er auch Benko und dessen Signa-Gruppe sein Vertrauen. Über das Engagement soll sich das Verhältnis mit Kühnes langjährigem Vertrauten, Karl Gernandt, der für Kühne die Aufsichtsratsmandate wahrnimmt, deutlich abgekühlt haben.

Gernandt soll sich 2022, als sich die ersten Schwierigkeiten bei den gemeinsamen Bauprojekten wie dem Elbtower abzeichneten, von Benko im Privatjet nach Hamburg zu einem Gespräch mit Kühne fliegen lassen haben. Ein Fauxpas in dessen Imperium – der Patriarch flog trotz seines fortgeschrittenen Alters persönlich stets nur Linie. Und wohl auch ein Zeichen für eine fehlplatzierte Vertraulichkeit mit einem problematischen Geschäftspartner. 2024 gab Gernandt die Rolle als operativer Geschäftsführer der Kühne Holding ab – ein Schritt, den er nach offizieller Lesart selbst vorgeschlagen haben soll. Das Tagesgeschäft leitet seitdem Dominik de Daniel als CEO. Gernandt blieb Verwaltungsratspräsident.

Kühne hinterlässt keine Kinder. Er heiratete erst 1989 im Alter von 52 Jahren die beinahe gleichaltrige Christine. Sein Vermögen hatte er schon früh in eine Stiftung eingebracht. Den Vorsitz der Kühne-Stiftung übernimmt wie bereits erwartet der Basler Anwalt und Kühne-Vertraute Thomas Staehelin. Auch dessen Sohn Tobias Staehelin sitzt schon im Beirat.

Damit übernimmt statt eines Vollblut-Unternehmers ein Justiziar die Geschicke von Mr. Deutschland AG.

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