Nasser Winter bringt Feuerwolken: Warum die Feuerwehr bei Bordeaux plötzlich machtlos war

Nasser Winter bringt FeuerwolkenWarum die Feuerwehr bei Bordeaux plötzlich machtlos war

02.08.2026, 07:59 Uhr DSC8670-Edit-3-7Von Christian Herrmann

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Die Waldbrände bei Bordeaux haben zwischenzeitlich knapp 6000 Einsatzkräfte beschäftigt. (Foto: AFP)

Beim Kampf gegen die Waldbrände von Bordeaux steht die Feuerwehr plötzlich einem Wetterphänomen gegenüber, das man bisher hauptsächlich von Vulkanausbrüchen kennt. Herkömmliche Löschmethoden sind nutzlos. Unerwarteter Regen bringt Entspannung, hat die Feuerhölle aber auch begünstigt.

Westlich von Bordeaux türmen sich Anfang der Woche gewaltige Rauchwolken auf. Sie verdunkeln den Himmel über Westfrankreich und tragen die Asche kilometerweit ins Land hinein. Sie rieselt herunter und bedeckt Autos, Spielplätze und Grünanlagen.

Die großen Nationalparks an der Atlantikküste werden der berühmten Weinbauregion zum Verhängnis: Bis auf 15 Kilometer walzen die Flammen an die 300.000-Einwohner-Stadt heran. Zwischenzeitlich müssen mehr als 220.000 Menschen die beliebte Urlaubsregion verlassen.

Inzwischen scheint das Gröbste überstanden. Nach Angaben der französischen Regierung ist der große Waldbrand an der Atlantikküste unter Kontrolle. Knapp 3000 Feuerwehrleute, 1500 Soldaten, 1440 Polizeikräfte und 18 Löschflugzeuge haben die Brände eingedämmt. Waldflächen wurden an zahlreichen Stellen gerodet, um zu verhindern, dass sie sich weiter ausbreiten können. Zehntausende Anwohner und Urlauber dürfen zurück in ihre Häuser und Campingplätze.

Die Waldbrände sind eingedämmt, aber nicht gelöscht. Die Feuerwehr und die Förster bereiten sich darauf vor, das riesige Gebiet in Südfrankreich auf sogenannte Zombiefeuer zu überwachen. Die Brandherde schwelen unter der Erde und können ohne Vorwarnung wieder aufflammen - teils Wochen oder Monate nachdem der eigentliche Waldbrand gelöscht ist und kilometerweit vom eigentlichen Brandherd entfernt.

Der trockene Torfboden bei Bordeaux eignet sich perfekt für Zombiefeuer. Er besteht aus Ästen, Blättern, Gräsern und Sträuchern, die heruntergefallen oder abgestorben sind und sich anschließend langsam zersetzen. Die Pflanzenreste sind ideales Brennmaterial für die schwelende Glut. Sie versteckt sich unter der Erde, bis sie von Wind und Trockenheit angefacht wird. Jede weitere Hitzewelle kann zur Zündschnur werden. Feuerwehr und Förster müssen auf glimmende Wurzeln oder Rauchwolken achten, die scheinbar aus dem Nichts aufsteigen, um die Zombiefeuer rechtzeitig zu entdecken - schlimmstenfalls jahrelang.

Vor vier Jahren (2022) gab es in der Region das letzte Mal einen Großbrand. Damals wurden die letzten Zombiefeuer erst zwei Jahre später gelöscht. "Diese schwelenden Feuer tauchen plötzlich auf, ohne Muster", sagt ein Kommandant der regionalen Feuerwehr. Feuerwehrleute hätten damals Stück für Stück Asche und Erde abgetragen, um die Brandherde tief im Boden ausfindig zu machen.

Die Zombiefeuer sind jedoch nicht die einzige Gefahr. Wenn Waldbrände so heftig wüten, wie sie zwischenzeitlich bei Bordeaux gewütet haben, können sie eigene Wettersysteme erzeugen. Laien nennen das seltene und gefährliche Wetterphänomen "Feuerwolken" oder "Feuergewitter". Meteorologen sprechen bei einzelnen Wolken von Pyrocumulus. Bildet sich ein vollständiges Wettersystem, ist die Rede von Pyrocumulonimbus.

Die Pyrocumulonimbus kann bis zur Stratosphäre reichen und wurde bisher hauptsächlich bei Vulkanausbrüchen oder riesigen Waldbränden in Australien und Kanada beobachtet. Jetzt ist es erstmals in Frankreich aufgetreten.

Auch diese Waldbrände in Kalifornien verursachen 2024 den Wolkentyp Pyrocumulus. (Foto: IMAGO/Cover-Images)

Feuergewitter entstehen, wenn die enorme Hitze der Waldbrände Luft, Rauch und Wasserdampf in große Höhen steigen lässt. Dort kühlt das Gemisch ab und formt Wolkentürme, die im Extremfall eigene Gewitterwolken bilden - mit eigenen Windsystemen. Dann machen abrupte Windwechsel und Fallwinde mit Geschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometer pro Stunde die Löscharbeiten beinahe unmöglich. Blitze können kilometerweit entfernt in einem anderen Waldgebiet neue Feuer entfachen.

Die französischen Behörden sagen, in der Region Bordeaux habe es mindestens zwei Pyrocumulonimbus gegeben. Das zweite Feuergewitter habe durch einen Blitzeinschlag nördlich von Bordeaux einen weiteren Waldbrand entfacht, heißt es.

Es ist ein Teufelskreis, der von Menschenhand nicht zu stoppen ist: "Herkömmliche Löschmethoden wie das Ausheben von Gräben, das Schlagen von Schneisen oder das Legen von taktischen Gegenfeuern reichen nicht aus, um solche Brände zu bekämpfen", zitiert die "Financial Times" einen leitenden Feuerwehrmann. "Man kann einen Hurrikan nicht aufhalten. Man kann nur versuchen, Menschenleben und Eigentum zu schützen."

In Bordeaux hat sich diese Erkenntnis bestätigt: Die Feuerwehr konnte die Brände letztlich nur mithilfe von unerwarteten Regenfällen eindämmen.

Ironischerweise sind die ein Grund dafür, dass die Brände in diesem Jahr so schwer wüten, genauer gesagt der ungewöhnlich harte und feuchte Winter. Im Januar und Februar hat es in Frankreich genauso wie in Deutschland immer wieder stark geregnet.

Felder wurden überschwemmt, Autos in braunen Fluten davongerissen, unzählige Strommasten gekippt. Diese Zerstörung war jedoch der beste Nährboden für die Pflanzenwelt. Gräser, Sträucher und Unterholz sind im Frühjahr in die Höhe geschossen, sagt die Klimawissenschaftlerin Julia Miller vom Schweizerischen WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF.

Diese Vegetation wurde durch die starken Hitzewellen mit Rekordtemperaturen vor wenigen wieder ausgetrocknet und dann von den brennenden Wäldern angefacht: In der trockenen Vegetation können sich Flammen besonders schnell und stark ausbreiten, sobald eine Zündquelle auftritt.

"Jede weitere Hitzewelle macht die Situation schlimmer", sagt Miller. Sie beschreibt die Lage so: Die Sonne saugt Boden und Pflanzen mit einem Strohhalm die Feuchtigkeit raus.

Für Bordeaux hofft die Regionalverwaltung, dass das Schlimmste überstanden ist. Für den heutigen Sonntag sagt der Wetterbericht allerdings erneut Temperaturen von bis zu 37 Grad Celsius voraus. Erst am kommenden Wochenende soll es wieder kühler als 30 Grad werden.

Entwarnung ist in Frankreich aber ohnehin nicht angesagt: In den vergangenen Tagen sind südlich von Paris, an der Mittelmeerküste bei Marseille und in der anderen berühmte Weinregion - in Burgund in Zentralfrankreich - neue Waldbrände ausgebrochen.

Quelle: ntv.de, mit dpa