Neu im Kino Drama „The Lights, They Fall“ über Jugendliche in der Selbstfindung – Berlin als Stadt der Geister
Lange Bilder und wenige Worte: Der Film „The Lights, They Fall“ ist ein leises Drama, das sich nicht so recht zu erkennen gibt - und gerade deshalb seinen Reiz so gut entfalten kann.
20.08.2026 , 08:00 Uhr
() Die Fahrt geht durch Weizenfelder. Das Land ist flach und gesichtslos, das Licht trübe. Von dem Mann auf der Rückbank ist nur der unter einer Baseballcap verborgene Hinterkopf zu sehen und im Anschnitt sein Tarnmuster-T-Shirt. Der Pick-up, auf dessen Ladefläche in Netze eingeschnürte Jungtannen liegen, kommt im sandigen Gelände zum Halt. Mehrere Männer steigen wortlos aus, greifen zu Schaufeln und Arbeitshandschuhen und pflanzen die Setzlinge in den Boden. Einer davon ist Ilay (Yassin Ben Majdouba). Durch seine schlammfarbene Kleidung scheint er in der Umgebung fast zu verschwinden. In der Pause sitzt er gedankenverloren im Abseits.
Auch die mexikanische Palliativpflegerin Ana (Flor Prieto Catemaxca), die in der nächsten Szene ins Bild und vor einen blassblauen Vorhang tritt, trägt Camouflage. Vorsichtig bettet sie den regungslosen Körper von Maria (Mahira Hakberdieva), der Mutter von Ilay, in eine andere Position, deckt die Schlafende zu und hält ihre Hand. Wenn sie spricht, flüstert sie.
„The Lights, They Fall“ ist ein Film, der sich nicht zu erkennen gibt. Er tarnt sich. Die Bilder sind meist so kadriert, dass der räumliche - und geografische - Kontext im Unbestimmten bleibt. Land oder städtische Peripherie? Es ist ein unspezifisches Deutschland, das Saša Vajda in seinem Langfilmdebüt zeigt und zugleich mit großer Selbstverständlichkeit als postmigrantisch (und nicht-weiß) erzählt.
Auch der 16-jährige Ilay ist im Übergang und irgendwo „dazwischen“. Der Wirklichkeit scheint er ein Stück weit entglitten zu sein. Abwesend, fast schattenhaft treibt er durch ein Leben, in das schon der Tod (oder das Nachleben) hineinwirken. „Es ist so, als wäre ich nicht mehr in der Zeit“, erklärt er einer Vorgesetzten, die ihm eine andere Schicht zuteilen will.
Dabei zeigt der Film ganz Konkretes: Handgriffe, reproduktive Tätigkeiten, Sorgearbeit. Man sieht Ana bei der Sortierung der Medikamente. Ilay bei der Arbeit in einem Logistikzentrum, beim Falten und Kleben von Kartons. An einem See hängt er mit seinen Freunden ab, sie quatschen über Mädchen. „Was klärst du da?“ - „Ich klär gar nichts.“ Später baden die jungen Männer und bewerfen sich mit Schlick.
Es ist ein nahezu geräuschloses Leben, das der Film in zurückhaltenden Bildern und Tönen entfaltet. Mit leisen Schritten bewegt sich Ilay nach seinen nächtlichen Streifzügen in der Wohnung; wenn er sich nachts im Bett umdreht, hört man ein leises Knarren in der Stille. Die diegetische Musik wirkt kontrapunktisch. Im Boxstudio drischt er zu Klaviermusik auf den Boxsack ein.
Saša Vajda und der Bildgestalter Tom Otte arbeiten viel mit unbewegten langen Einstellungen. Dazwischen finden sich wie kleine Inseln Szenen, in der sich die Kamera in Bewegung setzt. So gibt es gleich mehrere Passagen im Film: eine Fahrt mit dem Bus in die Stadt, einen Weg entlang einer nächtlichen Autobahn, später, nach einem heftigen Regenguss in einer Parallelfahrt gefilmt, mit Ilay einen langen Gang durch die Dämmerung, begleitet von Grillenzirpen und Donnergrollen. Im Halbdunkel sind schemenhaft Bäume und Wiesen zu erkennen, irgendwann eine Hochhaussiedlung in der Ferne.
Der Film setzt Figuren, Räume und Bewegungen in einen annähernd schwerelosen Zustand. Die Stadt Berlin erscheint gesichtslos, das Umland fremdartig; sogar die Jugendsprache, zwischen Mumblecore und geschriebenem Dialog, erdet nicht. Nachdem Ilay den Hund seines Arbeitgebers entwendet, sitzt er irgendwann einer Psychologin gegenüber: „Ich bin ein Geist und sie sehen mich. Ich bin hier. Und ich bin nicht hier.“
„The Lights, They Fall“, gedreht mit Laiendarstellern, fühlt sich eher in der Andeutung und dem Vagen zu Hause. Vajda vermeidet alles Deutliche. Das beständige Zurückhalten von Worten, Spannungen und Reibung erzeugt eine entrückte Atmosphäre, in der das schwer fassbare Gefühl zum Ausdruck kommt, hier und zugleich woanders zu sein. Manchmal wirkt die Folgenlosigkeit allen Handelns aber auch wie eine selbst auferlegte Disziplin.
Ab Donnerstag im Saarbrücker Filmhaus.