Meinung: Die Lage am Morgen – Der deutsche Sommer wird zur Brandsaison

Nordeifel statt Südeuropa

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat einen traurigen Rekord zu vermelden. Im Kreis Düren tobt der größte Waldbrand in der Geschichte des Bundeslandes. »Wir haben es hier in Hürtgenwald mit einem Ausmaß zu tun, mit dem wir so nichts zu tun hatten in Jahrzehnten«, sagte Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen am Freitag, als die CDU-Politikerin die Einsatzkräfte besuchte.

Hubschrauber im Einsatz gegen den Waldbrand im Hürtgenwald

Hubschrauber im Einsatz gegen den Waldbrand im Hürtgenwald

Foto:

Nord-West-Media TV / dpa

Vor Ort war auch mein Kollege Tobias Großekemper. Am Abend habe ich Tobias nach seinen Eindrücken gefragt, und er erzählte mir von einem Satz, den ihm vor Jahren mal ein Feuerwehrmann gesagt hatte: »Feuerwehrleute fürchten nicht das Feuer, sie fürchten den Rauch.« Der Mann habe das auf Wohnungsbrände und den dabei drohenden Erstickungstod bezogen. »An dieses Zitat habe ich am Freitag im Hürtgenwald immer wieder denken müssen«, sagt Tobias.

In der Nordeifel brennen 300 Hektar Wald. Trockener Wald, in ihm viel Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. Da wütet eine Naturgewalt, die Bilder liefert, wie man sie bisher eher aus Südeuropa oder Kalifornien kannte (hier ein Video).

»Menschen standen am Freitag an Fenstern und auf ihren Garagendächern, sie standen auf Hügeln und an gesperrten Straßen vor blinkenden Polizeiwagen. Sie sahen Hubschrauber kreisen und starrten auf den Rauch«, erzählt Tobias. »So etwas hatten sie noch nie gesehen.«

Am Freitagabend trafen rund 200 Feuerwehrleute im Hürtgenwald ein, um ihre Kollegen nach einem 24-Stunden-Einsatz abzulösen. Bis Montagmorgen wollen die Einsatzkräfte ihre Leute im Zwölf-Stunden-Takt auswechseln, in Kohorten von jeweils 500. Für heute hat Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) seinen Besuch angekündigt.

Waldbrände wurden am Freitag auch aus Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen, Bayern und dem Saarland gemeldet. Feuer aufgrund von Dürre sind keine Ausnahmeerscheinungen mehr, sondern offenbar das neue Normal. Bund und Länder müssen sich darauf einstellen.

Land auf der Kippe

Familien, die auf das Rollfeld des Flughafens von Kabul drängen, um in einer der letzten westlichen Maschinen Afghanistan zu verlassen. Bärtige Milizionäre, die auf Straßen patrouillieren und Regierungsgebäude besetzen. Die Bilder von der Machtübernahme der Taliban haben sich eingebrannt. Heute jährt sich ihr Triumph über den Westen und seine Truppen zum fünften Mal. Aber Grund zum Feiern haben die Islamisten nicht.

Frauen auf einem Markt in Masar-i-Scharif

Frauen auf einem Markt in Masar-i-Scharif

Foto: Atif Aryan / AFP

Zwar sind die schlimmsten Befürchtungen nicht eingetreten. Afghanistan ist nicht zur Heimstatt für Dschihadisten geworden, es ist auch nicht in einen Bürgerkrieg abgeglitten. Aber das Land steht auf der Kippe, die Gefahr eines Zusammenbruchs ist nicht gebannt.

Mit Pakistan liefert sich das Regime einen offenen Grenzkrieg. Armut, Arbeitslosigkeit und Hunger nehmen bedrohliche Ausmaße an (hier  erfahren Sie mehr dazu). Mädchen und Frauen werden unterdrückt wie in wohl keinem anderen Land der Welt. Ihr Recht auf Bildung, auf ein Leben in Sicherheit war dem Westen einst ein Anliegen, aber das ist lange her.

Die USA haben ihre Hilfszahlungen komplett eingestellt, die Europäer verhandeln mit den Taliban über Abschiebungen und erkennen das Regime damit faktisch an.

20 Jahre lang bemühten sich die Nato und weitere Verbündete um einigermaßen stabile Verhältnisse. Etwa 3600 Soldatinnen und Soldaten der westlichen Allianz zahlten dafür mit ihrem Leben, darunter 60 Bundeswehrsoldaten. Die Rückkehr der Taliban ist ein besonders dunkler Fleck in der jüngeren Geschichte des Westens.

  • Mehr Hintergründe: So paradox herrschen die Taliban 

Putins Krieg gegen Zivilisten

Anfang Juni hieß es aus dem Umfeld von Bundeskanzler Friedrich Merz, es tue sich ein »Fenster für Gespräche der europäischen Seite mit Russland« auf – für ein Ende des Angriffskriegs gegen die Ukraine. Damals setzte die ukrainische Armee Russland mit Drohnenangriffen tief im Landesinneren zu.

Sollte es dieses »Fenster« tatsächlich gegeben haben, ist es wohl wieder zu. Von Gesprächsbereitschaft kann auf russischer Seite nicht die Rede sein (hier mehr). Stattdessen verstärkt Moskau seine Angriffe gegen die ukrainische Zivilbevölkerung.

Zerstörte Tankstelle an der Fernstraße M03

Zerstörte Tankstelle an der Fernstraße M03

Foto:

Sitara Celina Rajh / DER SPIEGEL

So nahm die Zahl der zivilen Opfer im Juli dramatisch zu. Nach Angaben der Vereinten Nationen hat sie nun den höchsten Stand seit Mai ‌2022 erreicht. Demnach wurden im Juli mindestens 437 Zivilisten getötet und 2610 verletzt. Das entspreche einem Anstieg von 30 Prozent im Vergleich zum Juni und einem Zuwachs von 70 ​Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Grund dafür waren laut der Uno-Beobachtermission für Menschenrechte in der Ukraine russische Angriffe mit Raketen und ⁠Drohnen ⁠auf Städte weit abseits der Frontlinie.

Mein Kollege Georg Fahrion, der für den SPIEGEL aus der Ukraine berichtet, hat recherchiert, dass dort inzwischen sogar das Tanken lebensgefährlich sein kann. Georg war auf der ukrainischen Fernstraße M03 unterwegs, nahe der Front, wo Russland immer wieder mit Drohnen, Marschflugkörpern und Gleitbomben auf Tankstellen zielt.

Ukrainische Tankstellen sind Orte der Begegnung. Die Menschen verweilen dort gern länger als nötig. »Östlich der Stadt Poltawa ist entlang der M03 nur noch eine Handvoll Tankstellen unbeschädigt. Andere sind völlig zerstört, verkohlte Ruinen, zerknülltes Blech«, schreibt Georg. »Die Mehrzahl ist mehr oder weniger schwer in Mitleidenschaft gezogen, aber noch in Betrieb.«

In solch einer Tankstelle hielt Georg sich auf, als die Warn-App für Luftangriffe einen russischen Marschflugkörper ankündigte. Was er dann erlebte, schildert er in einer lesenswerten Reportage.

  • Die ganze Geschichte hier: Der ukrainische Highway der verbrannten Tankstellen 

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Verlierer des Tages…

…ist Emmanuel Macron. Frankreichs Präsident forciert ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen sollte Teil seines politischen Vermächtnisses werden. Schon in wenigen Wochen sollte das von der Nationalversammlung beschlossene Verbot in Kraft treten. Doch am Freitag kippte der französische Verfassungsrat das Vorhaben.

Präsident Macron

Präsident Macron

Foto: Lafargue Raphael / ABACAPRESS / IMAGO

Die geplanten Einschränkungen bei der Nutzung von Plattformen wie TikTok, Snapchat oder Instagram stellten »einen unverhältnismäßigen Eingriff« in die Meinungs- und Kommunikationsfreiheit dar, befand der Rat. Das Gesetz gehe zu weit, da es sich »auf Online-Kommunikationsdienste beziehen könnte, bei denen die Risiken für die Gesundheit und Sicherheit von Minderjährigen nicht nachgewiesen sind«.

Für Macron ist das eine Niederlage. Aber der Präsident möchte sich nicht geschlagen geben. Er gab bei Premierminister Sébastien Lecornu eine neue, verfassungskonforme Version des Gesetzes in Auftrag. Die dürfte rasch vorliegen. Schließlich ist Macron nur noch wenige Monate im Amt.

  • Französischer Verfassungsrat blockiert Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Trump will Straße von Hormus zum US-Territorium erklären: Der US-Präsident hatte im Irankrieg einen schnellen Sieg versprochen, doch ein Frieden scheint in weiter Ferne. Seine neue Ankündigung zur Straße von Hormus dürfte den Konflikt kaum entschärfen.

  • Feuerwehr muss Einsatzzentrale verlegen – Löscharbeiten gingen in der Nacht weiter: Der Hürtgenwald in der Eifel steht weiter in Flammen. Die Einsatzleitung der Feuerwehr musste umziehen, um dem Qualm auszuweichen. Die Brandbekämpfer rechnen mit einem Einsatz, der noch Tage dauern wird.

  • Investoren verklagen Selena Gomez: Gemeinsam mit ihrer Mutter gründete Selena Gomez »Wondermind«, eine Plattform für mentale Gesundheit. Nun verklagen zwei Investoren die Gründerinnen. Der Vorwurf: Sie hätten mit falschen Versprechen gelockt.

Heute bei SPIEGEL Extra: Scusi, aber verraten Sie diese Orte bitte nicht weiter

Foto: [M] DER SPIEGEL; Fotos: privat

Hier noch ein Hinweis in eigener Sache: Zwei Menschen, zwei Meinungen, ein Gespräch – der SPIEGEL macht mit bei »Deutschland spricht 2026«. Die deutschlandweite Initiative bringt Leute mit unterschiedlichen politischen Sichtweisen für persönliche Gespräche zusammen. SPIEGEL-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit nennt die Teilnahme an der Aktion »eine gute Tat für die Demokratie«. Haben Sie Interesse? Dann beantworten Sie die folgenden Fragen und registrieren sich. Für das Gespräch am 30. August laden wir auch in die SPIEGEL-Kantine nach Hamburg ein. Hier geht es zur ersten Frage:

Blicken Sie optimistisch auf die Zukunft Deutschlands? 

Foto: smartboy10 / Getty Images

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

Ihre Marina Kormbaki, stellvertretende Leiterin des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war der Hürtgenwald in der Südeifel verortet, tatsächlich liegt er in der Nordeifel. Wir haben die Passage korrigiert.