Obdachlose in Frankfurt: Verein verteilt Wasser, weil es am Vormittag schon zu heiß ist

Stand: 12.07.2026, 18:58 Uhr

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FOTO TAGESSATZFrankfurt: Tour mit dem Hitzebus für Nahaufnahme. Helfer verteilen Wasserflaschen an Obdachlose in der Frankfurter InnenstadtFoto aufgenommen am 10.07.2026Foto: Rolf Oeser

Jacqueline Wiencke-Muth und Lukas Berlenbach auf ihrer Tour die Frankfurter Zeil entlang. © ROLF OESER/Rolf Oeser

Zwei Sozialarbeiter ziehen mit einem Einkaufswägelchen durch die Zeil. Viele wohnungslose Menschen sind trotz Hitze in dicke Kleidung und Schlafsäcke eingepackt.

Es ist gerade einmal 10 Uhr an diesem Freitagvormittag, als das Thermometer bereits 26 Grad anzeigt. Im Gedränge der Konstablerwache auf der Frankfurter Zeil schlängeln sich ein Mann und eine Frau durch die Menschenmenge. Dabei ziehen sie ein kleines Einkaufswägelchen hinter sich her. Die beiden Sozialarbeiter:innen Lukas Berlenbach (31) und Jacqueline Wiencke-Muth (34) vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten verteilen heute auf ihrer circa zweistündigen Tour erneut Wasser, Sonnencreme und Kappen an wohnungslose Menschen.

FOTO TAGESSATZFrankfurt: Tour mit dem Hitzebus für Nahaufnahme. Helfer verteilen Wasserflaschen an Obdachlose in der Frankfurter InnenstadtFoto aufgenommen am 10.07.2026Foto: Rolf Oeser

Die beiden Sozialarbeiter:innen sprechen mit einer obdachlosen Person. © ROLF OESER/Rolf Oeser

Bereits am Startpunkt ihrer heutigen Route, der Konstablerwache, liegen mehrere Personen auf den steinernen Treppen oder auf Sitzgelegenheiten unter den wenigen Bäumen entlang der berühmten Einkaufsmeile Zeil. Der erste Mann, den die beiden ansprechen, bedankt sich freundlich. Er führt ein kurzes Gespräch mit ihnen und wippt dabei mit dem Oberkörper vor und zurück. „Ja, danke! Dankeschön!“, sagt er immer wieder, wirkt dabei aber nicht ganz anwesend. Seine Antworten auf die Fragen der Sozialarbeiter:innen kommen schnell und bestimmt, dabei stets freundlich. Trotzdem drängt sich der Eindruck auf, er würde an beiden vorbeireden, mit einer dritten, nicht sichtbaren Person, der sein zackiges „Jawohl“ oder „Ja, genau“ eigentlich gilt. Der Mann mit Bart und zerzausten Haaren nimmt gerne zwei kleine Wasserflaschen mit jeweils einem halben Liter und eine dunkle Kappe an. „Hier ist schon so ein wenig der Hotspot unserer Route“, sagt Wiencke-Muth, als sie ihre Tour fortsetzen. „Gerade hier an der Konstablerwache kommen viele Wohnungslose zusammen. Das liegt vermutlich an der Nähe zur B-Ebene.“

Die Serie

Nahaufnahme heißt die Serie der Frankfurter Rundschau, mit der wir einen tieferen Blick auf Frankfurt und die Region werfen wollen. In großen Reportagen zeigen wir auf, wie die Menschen im Rhein-Main-Gebiet leben und arbeiten.

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Zwischen dem Bekleidungsgeschäft Peek & Cloppenburg und der lokalen Filiale der bekannten Fast-Food-Kette mit dem goldenen M liegt ein Mann auf einer der vielen Rundbänke. Etwas vorsichtig nähern sich Berlenbach und Wiencke-Muth dem Herrn. „Er schläft nur und wir möchten ihn nicht aufwecken“, erklärt Berlenbach. „Glücklicherweise liegt er im Schatten. Dort sollte er nicht in Gefahr sein“, sagt er, als seine Kollegin zwei Wasserflaschen neben den schlafenden Mann stellt. „Kritisch wird es, wenn sich Personen zu lange in der prallen Sonne aufhalten“, schildert Berlenbach. „Menschen, die in der Sonne schlafen, sprechen wir an. Wenn sie nicht reagieren, rufen wir medizinische Hilfe.“

Viele Bedürftige sind bereits bekannt

„Wir kennen tatsächlich bereits viele der Personen, an die wir verteilen“, sagt Wiencke-Muth etwa auf Höhe des Einkaufszentrums My Zeil. „Es sind aber auch immer wieder neue Gesichter dabei.“ Hunderte Menschen laufen an den offensichtlich bedürftigen Menschen vorbei. Berlenbach und Wiencke-Muth nicht. Auf das freundliche „Guten Tag, Sozialarbeit des Frankfurter Vereins“ folgt meist ein ebenfalls freundliches Lächeln.

Doch nicht alle nehmen die Hilfe der beiden an. Auf der heutigen Tour zwischen Konstablerwache und Hauptwache lehnen einige wenige Personen sowohl Wasser als auch Hitzeschutz ab. „Wir wissen nicht genau, warum manche die Hilfe nicht annehmen“, sagt Wiencke-Muth. Ob es Stolz oder Abneigung gegen ein System ist, dessen soziales Sicherungsnetz es nicht geschafft hat, alle Menschen aufzufangen, kann sie nicht beantworten. „Die meisten sind jedoch sehr dankbar.“

Wenige Schritte vom Textil-Discounter Primark sitzt eine Frau auf ihren Schienbeinen. Vor sich hält sie ein Bild, auf dem ein junges Mädchen zu sehen ist. Daneben steht ein kleiner Becher mit ein paar Münzen darin. Wiencke-Muth und Berlenbach knien sich zu ihr herunter, als sie ihr eine Wasserflasche reichen. Die Frau spricht einige Sätze mit den beiden Sozialarbeiter:innen, kann aber ihre Situation aufgrund der Sprachbarriere nicht richtig schildern. Ob das Kind auf dem Foto ihre Tochter ist, bleibt unklar.

„Die Sprachbarriere ist leider ein Problem“, erklärt Berlenbach nach dem Gespräch. „Wir benutzen manchmal Sprachübersetzungsapps zur Verständigung, aber das ist leider auch keine Lösung.“ Die Sprachbarriere wird an diesem Vormittag mehrmals zur Problematik: An der Kreuzung Schillerstraße/Biebergasse sitzt ein älterer Herr gemeinsam mit einem kleinen weißen Hund der Rasse Bichon Frisé auf seinem Schlafsack. Als er gefragt wird, wo er herkommt und wie lange er schon auf der Straße lebt, kann er nur eins antworten: „Romania“.

FOTO TAGESSATZFrankfurt: Tour mit dem Hitzebus für Nahaufnahme. Helfer verteilen Wasserflaschen an Obdachlose in der Frankfurter InnenstadtFoto aufgenommen am 10.07.2026Foto: Rolf Oeser

Thorsten (r.) lebt seit zwei Jahren in Frankfurt auf der Straße. © ROLF OESER/Rolf Oeser

Am Goetheplatz machen die beiden eine erste Pause und dokumentieren die bisherige Tour. Dort entdecken sie erneut eine Person, die auf einer der aufgestellten Bänke schläft. Die Person ist trotz der Hitze in extrem dicke Kleidung und einen Schlafsack eingepackt. Nachdem sich Wiencke-Muth und Berlenbach vergewissert haben, dass die Person nur schläft, setzen sie ihre Tour über den Roßmarkt zurück Richtung Zeil fort. „Viele obdachlose Personen sind trotz der Hitze sehr dick gekleidet“, erklärt Wiencke-Muth. „Aktuell ist es zwar auch nachts sehr warm, aber ihre Schlafsäcke und ihre Kleidung sind oft alles, was wohnungslose Menschen besitzen.“ Da wundere es nicht, dass sie ihre Kleidung nicht ablegen. Zumal, wie später noch von einem Betroffenen selbst geschildert wird, Diebstahl unter Obdachlosen weitverbreitet sei.

Auf dem Rückweg zwischen Roßmarkt und Hauptwache fällt den beiden Sozialarbeiter:innen ein offensichtlich obdachloser Mann auf. Thorsten (45) sitzt am Straßenrand auf einer Tüte voller Textilien, neben ihm ein schwarzer Rollkoffer. Er nimmt dankend eine Wasserflasche von Berlenbach entgegen. „Ich lebe seit vier Jahren auf der Straße. Oder sind es bereits fünf? Auf jeden Fall war ich vorher in Hamburg obdachlos und bin jetzt seit zwei Jahren hier in Frankfurt“, erzählt der Mann mit markanter Zahnlücke und offensichtlicher Verletzung am linken Bein.

Gerade der physische Zustand vieler Wohnungsloser schockiert bei genauerem Hinsehen. Genau wie bei einem Mann, dem am linken Fuß die Zehen fehlen und der zwischen teuren Juweliergeschäften mit seinem Rollstuhl in der knallenden Sonne sitzt, empfehlen die Sozialarbeiter:innen Thorsten, sich medizinische Hilfe für sein Bein zu holen. „In unserer Notunterkunft im Ostpark können Sie nicht nur einen Schlafplatz finden, sondern auch Ihr Bein untersuchen lassen. Das kostet sie auch überhaupt nichts“, erklärt Berlenbach.

Menschen helfen ist nicht immer leicht

Der Mann zögert eine Weile. Er schildert kurz seinen Weg in die Obdachlosigkeit: psychische Probleme, Drogensucht, gesellschaftlicher Absturz. Eine leider sehr verbreitete Biografie unter Menschen ohne Wohnsitz. „Ihr Leute seid eine wirklich große Hilfe“, sagt Thorsten. Dann erwähnt er einen Sozialarbeiter, der ihn betreut. Offenbar ein Kollege von Berlenbach und Wiencke-Muth. Schnell greift die junge Frau zum Telefon: Wenige Minuten später können sie Thorsten ein Zweibettzimmer in der Übernachtungsstätte Ostpark anbieten. Doch er zögert erneut: „Es tut mir wirklich leid, aber ich kann nicht mehr mit jemandem in einem Zimmer schlafen.“ Er habe Angst, erneut bestohlen zu werden oder vor einem aggressiven Mitbewohner. „Da bleibe ich lieber hier. Ich glaube, es ist besser so: Ich bin es mittlerweile gewöhnt, alleine zu sein.“

Während die beiden Sozialarbeiter:innen miteinander das weitere Vorgehen besprechen, kommt eine ältere Dame zur Szene hinzu und wirft Thorsten ein paar Euro in seinen Becher. Sie blickt ihn freundlich an und sagt dann: „Bitte lassen Sie sich helfen.“ Renate ist 75 Jahre alt und hat als junge Frau einige Jahre in Indien gelebt. „Dort ist betteln ganz normal“, schildert sie. „Bei uns ist es mit so viel Scham behaftet. Das finde ich schrecklich“, sagt sie. „Ich habe mehr Glück im Leben gehabt als diese Menschen und immer ein paar Euro in der Tasche, auf die ich nicht angewiesen bin.“ Als sie gefragt wird, warum sie nicht wie alle einfach weitergegangen ist, antwortet sie: „Nein, das kann ich nicht. Ich will, dass diesen Menschen geholfen wird.“

Trotz der freundlichen Geste der älteren Dame auf ihrem schneidigen Fahrrad, bleibt Thorsten auch nach gutem Zureden der Sozialarbeiter:innen bei seiner Entscheidung. „Wir bleiben in Kontakt“, sagt Berlenbacher bei der Verabschiedung. Auf das „Wir kommen wieder bei Ihnen vorbei“ antwortet Thorsten: „Ich werde hier sein.“ Etwas enttäuscht erklärt Wiencke-Muth beim Gehen: „Leider kann man nicht allen helfen.“ Es bleibt ein mulmiges Gefühl zurück, als die Tour zurück Richtung Konstablerwache weitergeht. Dieses Gefühl bleibt – auch als Wiencke-Muth und Berlenbacher noch mehrmals entlang der Einkaufsmeile nach offenbar schlafenden Personen sehen, viele davon kaum ansprechbar. Die meisten Menschen gehen einfach weiter. Die beiden nicht. Sie helfen. Am Ende ihrer Tour bleibt als Außenstehender eine große Frage zurück: Wer hilft eigentlich den Helfenden?