Wifo-Arbeitsmarktmonitor
Österreich hat den dritthöchsten Gender-Pay-Gap in der EU
Nachteile für Frauen sind am heimischen Arbeitsmarkt besonders groß. Vor allem Betreuungspflichten treiben die Teilzeitquote in die Höhe, zeigt eine neue Wifo-Auswertung
Anika Dang
Der heimische Arbeitsmarkt ist im europäischen Vergleich gut aufgestellt. Stärken verzeichnet Österreich unter anderem durch eine hohe Arbeitsproduktivität, eine niedrige Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit, hohe Erwerbseinkommen sowie ein starkes soziales Netz. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Arbeitsmarktmonitor, der jährlich vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) auf Basis von Eurostat-Daten erstellt wird.
In Hinblick auf Gleichstellung ergibt sich jedoch ein anderes Bild: Die Erwerbsteilnahme ist hierzulande im EU-Vergleich zwar insgesamt sowohl bei Frauen als auch bei Männern hoch. Berücksichtigt man jedoch das Arbeitszeitausmaß, die Aufteilung von Betreuungspflichten und das Einkommen, zeigen sich laut dem Bericht deutliche geschlechtsspezifische Nachteile für Frauen.
Wie diese entstehen und welche Maßnahmen dagegen helfen könnten, diskutierten am Donnerstag bei einem Mediengespräch der Initiative "Diskurs. Das Wissenschaftsnetz" Wifo-Ökonom Helmut Mahringer und Soziologin und Leiterin des Instituts L&R Sozialforschung Nadja Bergmann.
Große Lücke
Besonders auffällig sei die hohe Teilzeitquote, sagte Wifo-Ökonom Helmut Mahringer. Im EU-Vergleich belegt Österreich den dritten Platz. Ausschlaggebend dafür sind hauptsächlich Betreuungspflichten, die überwiegend von Frauen übernommen werden. Während im EU-Schnitt nur 3,8 Prozent der Beschäftigten angeben, aufgrund von Betreuungspflichten Teilzeit zu arbeiten, sind es hierzulande mit 10,4 Prozent fast dreimal so viele. Bei Frauen liegt der Anteil im EU-weiten Durchschnitt bei 7,5 Prozent, in Österreich sind es sogar 20,8 Prozent – der zweithöchste Wert in der Europäischen Union.
Gleichzeitig weist Österreich laut Mahringer einen vergleichsweise schwachen Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur auf. Die Daten zeigen, dass nur 30,2 Prozent der Kinder unter drei Jahren hierzulande institutionell betreut werden. Bei einem Betreuungsausmaß von mindestens 30 Stunden pro Woche sinkt der Wert sogar auf 10,9 Prozent. In der EU liegt der Anteil hingegen mit 39,2 Prozent beziehungsweise 24,8 Prozent deutlich höher.
Die strukturelle Ungleichbehandlung von Frauen am Arbeitsmarkt zeigt sich zudem bei dem signifikant hohen Gender-Pay-Gap. Mit 17,6 Prozent klafft die geschlechtsspezifische Lohnlücke besonders weit auseinander und sorgt für den dritthöchsten Wert in der EU. Zum Vergleich: Innerhalb der 27 Mitgliedsstaaten macht die Gehaltsschere durchschnittlich nur 11,1 Prozent aus.
Wechselwirkung
Die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit entstehe aus einer Wechselwirkung zwischen Unternehmenspraxis, familiären und partnerschaftlichen Entscheidungsmustern sowie gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen, erklärte Soziologin Nadja Bergmann. Das aktuelle Wiedereinstiegsmonitoring der Arbeiterkammer zeigt etwa, dass der Anteil der Väter in Karenz zuletzt bei 18,8 Prozent lag. Nur neun Prozent davon bleiben mehr als sechs Monate zu Hause beim Kind. Die Hauptverantwortung für längere Betreuungsphasen liegt also weiterhin überwiegend bei Müttern. Der sogenannte Gender-Care-Gap ist damit in Österreich weiterhin stark ausgeprägt.
Zusammen mit stereotypen Rollenzuschreibungen sorgt die Betreuungslücke für ungleiche Voraussetzungen zwischen Frauen und Männern am Arbeitsmarkt. Dabei würde eine gleichmäßigere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit sowie egalitäre Rollenbilder mit einer höheren Lebensqualität, besseren Beziehungen und einem geringeren Gewaltrisiko einhergehen, wie die Studie "GEQ-AT – Gender Equality and Quality of Life Austria", an der Bergmann mitgewirkt hat, nahelegt. Nur 16 Prozent der knapp 2300 Befragten berichten jedoch von einer ausgeglichenen Verteilung der Haushaltsaufgaben, ein Drittel von einer ähnlichen Erwerbspartizipation und ein Viertel von einer annähernden Einkommenssituation.
Studie zu Mint-Berufen
Eine Lösung für die ungleichen Einkommen verorten Fachleute oftmals in einer Steigerung des Frauenanteils in besser bezahlten und männlich dominierten Berufen. Ein Beispiel dafür sind Jobs im Mint-Bereich, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Die von Bergmann durchgeführte Studie "Watch Out for Drop-Out!" zeigt jedoch, in welchem Ausmaß Frauen entlang der Mint-Bildungs- und Berufslaufbahn verloren gehen. Nur knapp ein Drittel der Frauen mit einer Mint-Ausbildung arbeitet demnach später tatsächlich in einem Mint-Beruf, bei Männern sind es hingegen 57 Prozent. Das Risiko, einen Mint-Beruf wieder zu verlassen oder erst gar nicht auszuüben, ist für Frauen damit doppelt so hoch wie für Männer. Ausschlaggebend sind dabei nicht fehlende Kompetenzen, sondern mangelnde Vereinbarkeit, begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten, männerdominierte Unternehmenskulturen sowie Diskriminierungs- und Belästigungserfahrungen, ergänzte Bergmann.
Ergänzend unterstreicht die Studie "Männer.MINT.Care" laut der Soziologin, dass Mint-Unternehmen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch Luft nach oben haben. Auch wenn familienfreundliche Maßnahmen vorhanden sind, erschweren traditionelle Rollenbilder, Präsenzkulturen und spezifische Arbeitsplatzbedingungen eine partnerschaftliche Aufteilung von Sorgearbeit. Fast alle befragten Männer arbeiten Vollzeit, zwei Drittel davon mehr als 40 Wochenstunden. Knapp über die Hälfte der Befragten gab zudem an, dass Teilzeit für sie nicht zugänglich ist.
Lösungen gesucht
"Wer Frauen langfristig im Job halten, Männer stärker in Care-Arbeit einbinden und moderne Arbeitsbedingungen schaffen will, betreibt nicht nur Gleichstellungspolitik, sondern kann dem Fachkräftemangel entgegenwirken", erklärte Bergmann. Gleichzeitig könnten geschlechtergerechte Arbeitsbedingungen ein zentraler Hebel für eine faire Aufteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit, partnerschaftliche Beziehungen und für eine Reduzierung des Risikos geschlechterbasierter Gewalt sein.
Eine Schraube, an der die Politik aktuell drehen könnte, ist laut Bergmann die Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie. "Das wäre zumindest mal ein erster Schritt in die richtige Richtung", betonte die Expertin. Um die Teilzeitquote zu senken, müsste vor allem die institutionelle Kinderbetreuung stärker ausgebaut werden, und dass sowohl quantitativ als auch qualitativ, erklärte der Ökonom Mahringer.
"Das Thema Arbeitszeit begleitet Frauen aber nicht nur während der Kinderbetreuung, sondern auch darüber hinaus", sagte der Wifo-Experte. Viele weibliche Beschäftigte würden auch später in der Berufslaufbahn nicht mehr in die Vollzeit hineinkommen und oftmals unfreiwillig weniger Studen arbeiten. Unternehmen setzen laut Mahringer in der Regel erst selbst Anreize, wenn Arbeitskräfte knapp werden. Die Politik sei hierbei also besonders gefragt, Beschäftigte zu unterstützen und das Arbeitskräftepotenzial zu aktivieren. (Anika Dang, 23.7.2026)
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