Palästina und Islamismus: Parteienvertreter diskutieren in einer Berliner Moschee

Mehr als 400.000 Menschen muslimischen Glaubens leben in Berlin; die Wahlberechtigten unter ihnen stellen geschätzte acht bis 13 Prozent des Elektorats. Noch ist die Forschungslage beim Wahlverhalten der Muslime dünn. In der Vergangenheit gab es eine Bindung an Parteien links der Mitte, zugleich entwickelt sich das Wahlverhalten volatil und divers.

Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die Linke unter Muslimen 29 Prozent, gefolgt von der SPD mit 28 Prozent. Das BSW schnitt mit 16 Prozent ebenfalls gut ab. Auf die Plätze verwiesen wurden die Union mit zwölf, die AfD mit sechs und die Grünen mit vier Prozent.

Eineinhalb Jahre später verschiebt sich das Bild. In Umfragen aus dem August erreichte die SPD noch 26, die Linke 23, die Unionsparteien 22, die AfD schon elf, die Grünen acht und das BSW sieben Prozent. Inzwischen können auch Parteien rechts der Mitte bei Muslimen punkten – was bei der dort vorherrschenden konservativen Grundhaltung nicht weiter überrascht.

Jahrzehntelang war der Zusammenhang zwischen Wahlverhalten und Konfession in Deutschland kein Thema. In der sozialistischen DDR ohnehin nicht; religiöse Weltauslegung galt als überholt. Aber auch in der Bundesrepublik: Die bis 1933 dominante konfessionelle Spaltung im bürgerlichen Lager schien mit Gründung der CDU/CSU überwunden. Heute erinnert man sich kaum noch daran, dass der Terminus „Union“ eben daher rührte, dass man nach dem Krieg keine Neuauflage dieser Spaltung wollte.

Religion rückt in den Vordergrund

Indem Muslime nun einen nicht unerheblichen und zudem wachsenden Anteil an der Wählerschaft ausmachen, rückt das Thema Religion erneut in den Vordergrund. Der Islam gehört zu Deutschland; das wurde vergangene Woche bei einer Veranstaltung der Gemeinschaft der Mitte, einer von der Stiftung Islam in Deutschland getragenen Moschee in Berlin-Marienfelde, bekräftigt.

Der langjährige ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der deutschen Muslime, Aiman Mazyek, hatte Vertreter der Berliner Stadtparteien in das Gotteshaus eingeladen. Sechs waren präsent, von links nach rechts auf dem Podium sitzend: BSW, Volt, die Linke, CDU, FDP und SPD. Durch Abwesenheit glänzten die Grünen und die AfD. Organisator Mazyek zur Berliner Zeitung: „Die Grünen scheinen niemanden gefunden zu haben, und die AfD konnte erst ab 19 Uhr.“ Die Veranstaltung begann jedoch um 17.30 Uhr.

Das BSW war durch seinen Vize-Vorsitzenden, den Sachbuchautor und Nahostexperten Michael Lüders, vertreten. Für Volt trat der Spitzenkandidat Paul Loeper an; allerdings musste er nach einer guten halben Stunde gehen. Linke, CDU und FDP hatten muslimische Kandidaten geschickt: die Linke den Noch-Geschäftsführer der nd-Genossenschaft Rouzbeh Taheri, gesetzt auf Platz eins der Neuköllner Bezirksliste für das Abgeordnetenhaus. Von der CDU kam das Mitglied des Landesvorstands Abdullah Abed und von der FDP die Nummer eins der Lichtenberger Liste, der junge Oberstabsarzt am Bundeswehrkrankenhaus Berlin, Batuhan Temiz.

Für die SPD war deren Co-Kreisvorsitzender in Neukölln und Kandidat für Buckow und Britz erschienen, Joachim Rahmann. Sein Familienname aus westfälischer Wurzel sorgte für Verwechslung – manche adressierten ihn mit kehligem „h“ als Herrn Rahman, ein arabischer Familienname mit der Bedeutung des Barmherzigen.

Die Veranstaltung fand in der Moschee statt, deren helles, zeitgenössisches Design die muslimische Konzentration auf Zeichen und Symbole – keine Bilder! – harmonisch mit dem deutschen Sinn für Zweckmäßigkeit und Funktionalität verwebt. Ein Blick in die Marienfelder Moschee genügt, um zu begreifen, dass Deutschsein und der Glaube des Propheten nicht wesensfremd sein müssen.

Strikt gilt: Schuhe ausziehen. Der Schmutz der Straße bleibt draußen, auch wenn es um politische Themen geht und die Politik nicht immer sauber ist. Aiman Mazyek moderierte mit Routine. Schon beim Vorgespräch zu türkisch-levantinischem Fingerfood zeigt er die Grenzen auf: keine Beleidigungen, keine Respektlosigkeiten. Vielleicht sollte man politische Diskussionen überhaupt öfter in Gotteshäuser verlegen.

Gut drei Dutzend Zuhörer sind gekommen, viele andere nehmen am Livestream teil. Unter den Anwesenden sind eine ganze Reihe junger Frauen, der Großteil mit Kopftuch und alle mit interessierten Augen. Als die Zeit des Abendgebets anbricht, reicht Mazyek dem Vorsänger das Mikrofon. Für einige Minuten fühlt man sich nach Kairo, Beirut oder Istanbul versetzt. Es tut dem Land gut, dass die Fenster in der Richtung geöffnet werden, die schon Goethe als Ausweg aus europäischer Enge empfahl.

Lehrstunde für Neudeutsche

Zwei Themen beherrschten die Diskussion, sowohl unter den Kandidaten als auch später mit dem Publikum: der Nahe Osten und Palästina einerseits, der Umgang mit Muslimen in Deutschland andererseits. Es war Michael Lüders, ein scharfer Kritiker der einseitigen Israel-Unterstützung, der die Fragwürdigkeiten der Tel Aviver Politik ungeschminkt anprangerte: Waffenlieferungen an ein Land, das Kriegsverbrechen begeht und das Völkerrecht bricht; deutsche Unterstützung für eine gesichert rechtsextreme Regierung, die im Namen angeblich vorantiker Rechte die Araber in „Judäa und Samaria“ unterdrückt.

Es war nicht zu erwarten, dass an diesem Abend an die industriell organisierte Vernichtung von sechs Millionen Juden durch die Großeltern der heutigen Deutschen erinnert wurde. Die Zuhörer und auch die Kandidaten, deren Eltern oder Großeltern Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kamen, haben weder Grund noch Anlass, sich persönlich mit historischer deutscher Schuld zu identifizieren.

Dennoch wurde deutlich, dass jedenfalls in den „Altparteien“ CDU, SPD und FDP das Bewusstsein für beide Perspektiven gegenwärtig und lebendig ist: für die moralisch und juristisch inakzeptable israelische Politik ebenso wie für die deutschen Verbrechen der Vergangenheit. Vielleicht war die Veranstaltung auch eine Lehrstunde für muslimische Neudeutsche, sich in die Erblast und die damit zusammenhängenden Befindlichkeiten ihrer eingesessenen Mitbürger einzufühlen.

Das zweite, nicht minder komplexe Thema war die Wahrnehmung der Muslime und vor allem des islamischen Fundamentalismus seitens der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Dass sowohl CDU als auch FDP im Wahlkampf populistische Parolen plakatieren – „Freiheit statt Islamismus“ in Varianten –, kam gar nicht gut an. Die muslimischen Kandidaten beider Parteien hatten keinen leichten Stand.

Das beginnt bei der Wortwahl; das Problem ist auch semantischer Natur. Der Begriff Islamismus, so die deutlich zu vernehmende Kritik, lässt die Perversionen des IS und anderer Fundamentalisten nicht als Abart erscheinen, sondern als Spielart. Die meisten Anwesenden hätten islamischen Terrorismus bevorzugt.

Veranstaltungen wie die in Marienfelde lassen jedenfalls erkennen: Eine Minderheit, die zehn Prozent überschreitet, sieht sich nicht mehr als Randerscheinung. Die Diskussion, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist ohnehin vorgestrig. Etwas Neues entsteht, ist mit Händen zu greifen, ein Amalgam.

Die Deutschen haben zwei Generationen historischer Verunsicherung hinter sich. Seit dem 19. Jahrhundert kriselt das Verhältnis zur christlichen Religion; seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bröckeln soziale Bindungen und Zugehörigkeiten. Muslime sind durch die Bank identitätsstärker als die eingesessene Bevölkerung. Und Identitätsstärke ist Kraft. Den Beitrag, den gerade die jungen Frauen mit den interessierten Augen, Kopftuch hin oder her, in diesem Land noch leisten werden, sollte niemand unterschätzen.

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