Luc Chatel läutet die Alarmglocken. „Es ist eine Minute vor zwölf. Unsere Automobilindustrie, in Frankreich wie in Europa, steht kurz davor, vom Markt gefegt zu werden“, erklärte der Präsident der Plateforme Automobile (PFA). Dabei handele es sich aber nicht um einen Wandel à la Kodak, wo etablierte Akteure mangels Anpassung verdrängt wurden; nie zuvor sei die Autoindustrie innovativer gewesen, nie zuvor habe sie so viel investiert. Der drohende Untergang sei vielmehr Ergebnis politischer Entscheidungen. Europa stehe vor der Wahl, wieder Marktführer zu werden oder die Autoproduktion an China zu delegieren – „mit all den Abhängigkeiten und dem damit verbundenen Verlust an Souveränität“, so Chatel.
Die Warnung der PFA, die analog zum deutschen VDA die Interessen der französischen Autoindustrie vertritt, setzt für den an diesem Montag beginnenden Pariser Autosalon den Ton. Von einer „Stunde des Aufbäumens“ spricht der Verband und damit nicht nur Lokalmatadoren wie Hersteller Renault, Zulieferer Valeo und dem italienisch-französischen Stellantis-Konzern aus dem Herzen. Auch in Deutschland gewinnt die Idee an Zuspruch, Chinas Exportoffensive nicht tatenlos hinzunehmen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ein neues Handelsschutzinstrument gefordert. In der deutschen Industrie wiederum unterstützen inzwischen auch VW und Zulieferer das französische Ansinnen, für staatlich geförderte Elektro- und Hybridautos „Made in EU“-Quoten vorzuschreiben.
Macron persönlich will den Salon zum Anlass nehmen, die Dringlichkeit eines gemeinsamen europäischen Agierens zu unterstreichen. Am Sonntagabend lud er Vertreter von rund 60 europäischen Unternehmen zu einem Abendessen. Es handele sich um Akteure, die seit Langem in Europa und vor allem in Frankreich investieren, insofern seien chinesische Industrievertreter nicht darunter, erklärte der Élysée-Palast. Für Montag plant Macron dann wie in den vergangenen Jahren einen Messebesuch. „Es kommt eine regelrechte Welle chinesischer Fahrzeuge auf uns zu“, hieß es aus dem Élysée-Palast weiter. Der „Schock“ sei real: Die chinesischen Produktionskapazitäten lägen bei etwa 55 Millionen Fahrzeugen, während der europäische Markt zwölf Millionen Fahrzeuge umfasse.
„Sehr offen dafür, chinesische Investitionen nach Europa zu holen“
Die 91. Ausgabe des Pariser Autosalons gibt einen Vorgeschmack auf diese Welle – und das gewachsene Selbstbewusstsein der Chinesen. Von den etwas mehr als 60 vertretenen Marken kommen fast 20 aus Fernost, von Aito bis Zeekr. Bei der letzten Ausgabe der Messe vor zwei Jahren waren es erst neun. Die Chinesen haben viele Neuheiten im Gepäck, auch im Premiumsegment. Der Salon biete einen eindrucksvollen Einblick in die neue industrielle Weltordnung, schreibt das französische Wirtschaftsmagazin „Challenges“. Hinter den in Paris ausgestellten neuen chinesischen SUVs spiele sich ein viel umfassenderer Kampf ab. Den um die Produktion zu sehr niedrigen Kosten habe Europa weitgehend verloren, den um Technologie, Qualität, das Premiumsegment und Innovation könne man aber noch gewinnen.

Insgesamt erfährt die bis zum kommenden Sonntag dauernde Messe eine Aufwertung. Die Zahl der Aussteller liegt höher als vor zwei und erst recht vor vier Jahren, als die Veranstaltung vor dem Ende zu stehen schien. Mit Ausnahme von BMW, Toyota und Nissan sind diesmal alle großen westlichen Hersteller in Paris vertreten. Mercedes-Benz, Smart und Volvo feiern ein Comeback. Allein der Renault-Konzern will auf heimischem Terrain rund 50 Fahrzeuge präsentieren, darunter sechs Neuheiten. Stellantis ist mit acht Marken vertreten und dürfte vor allem mit dem Ausblick auf eine geplante neue „Ente“ für Gesprächsstoff sorgen, einer elektrischen Neuauflage des legendären Kleinwagens Citroën 2 CV. In zwei Jahren soll das Modell auf den Markt kommen.
Wie viel dann noch von der europäischen Autoindustrie übrig ist, steht und fällt nach einhelliger französischer Auffassung auch mit den anstehenden Entscheidungen über „Made in EU“-Vorgaben. Das sei keine Politik der Abschottung, betont man im Élysée-Palast. Man sei sogar „sehr offen dafür, chinesische Investitionen nach Europa zu holen“ – wenn es sich um „qualitativ hochwertige Investitionen“ handele, die mit Technologietransfer und der Schaffung lokaler Arbeitsplätze einhergehen. Die Partnerschaft zwischen Renault und dem chinesischen Batteriehersteller Envision in Nordfrankreich sei ein gutes Beispiel dafür. Was man nicht wolle, seien sogenannte „Schraubendreher-Fabriken“, in denen nur die letzte Schraube in Europa angezogen wird, während alles andere anderswo hergestellt wurde.
Kaufprämien, ein subventioniertes Leasingangebot, Sonderabgaben für Verbrenner und andere Fördertöpfe haben den Hochlauf der Elektromobilität im Salon-Gastland Frankreich angeschoben. Der Zulassungsanteil vollelektrischer Fahrzeuge ist im September auf 42 Prozent gestiegen, noch mehr als die in Deutschland erreichten 35 Prozent. In Frankreich werden inzwischen 300.000 Elektroautos im Jahr produziert, zeigt man sich im Élysée-Palast erfreut. Der Industrie ist jedoch nicht nach Jubel zumute. Im Jahr 2019 habe es noch 2,2 Millionen Neuzulassungen gegeben, nun seien es nur noch 1,6 Millionen. Das Segment der reinen Elektrofahrzeuge sei das einzige, das sich in einem insgesamt schwächelnden Markt behaupte, hieß es zuletzt von PFA-Seite. In Frankreich wie in Deutschland häufen sich Fabrikschließungen, zuletzt von Zulieferer Opmobility.