Thomas Mann im Kino: Hanns Zischler über den Film Vaterland

Dass dieser Thomas Mann und auch alle anderen bekannten Personen fiktive Figuren sind, fällt vielen Zuschauern offensichtlich schwer zu glauben. Auch wenn schon beschrieben worden ist, wie der Regisseur Paweł Pawlikowski vorgegangen ist für seinen für die beste Regie in Cannes ausgezeichneten Film „Vaterland“. Man nehme: einen zerrissenen, verletzten, aber dennoch enorm von sich selbst überzeugten älteren Dichter, der nach 16 Jahren Exil in ein Land reist, in dem er fast niemandem begegnet, der sich nicht schuldig gemacht hat. In ein Land, das sich mitten im Prozess der Teilung befindet. „Ich will nach Hause“, sagt Tochter Erika aufgelöst in einer Szene. „Wo ist das?“, fragt der Vater zurück. Es bleibt still am Ende des Films, wenn Erika und Thomas Mann in einer Kirchenruine den Klängen eines Bach-Choralvorspiels lauschen.

Im Frankfurter Kino Cinéma steht Hanns Zischler, der Thomas Mann gespielt hat, als Ehrengast der Frankfurt-Premiere vor den Publikumsreihen und gibt sachkundig Auskunft. Er ist ein ausgesprochen guter Botschafter für den Film, der in Polen, wie ein Zuschauer berichtet, enorm Furore gemacht habe, seit dem Kinostart. In Deutschland wird er vom 3. September an laufen, für Polen soll er in das Rennen um die Oscars gehen. Denn auch das erläutert Zischler, die internationale Koproduktion sei ein polnischer, ja sogar ein schlesischer Film. Nichts etwa an den Szenen des Frankfurter Aufenthalts vom Juli 1949 ist in Frankfurt gedreht, das einzige Frankfurterische im Film sind die Stimmen des Kinderchors der Oper Frankfurt – und im Film hört man sie erst an Manns zweitem Goethe-Reiseziel, Weimar, die frisch von Johannes R. Becher gedichtete Hymne des noch gar nicht gegründeten Staates DDR singen: „Auferstanden aus Ruinen“.

Das Mienenspiel Zischlers in dieser Szene allein wäre schon den Kinobesuch wert, aber auch als Exeget von Pawlikowskis Meisterwerk könnte sich das Publikum niemand Besseren wünschen als Zischler, der sich neben seiner schauspielerischen Tätigkeit in zahlreichen Publikationen selbst als Autor mit der Kinogeschichte auseinandergesetzt hat. Erst einmal muss er klarstellen: „Keine einzige Szene im Film hat so stattgefunden.“ Wahr bleibt das, was Pawlikowski über ein in jeder Hinsicht geteiltes Land erzählt, dennoch. Und eine Frankfurt-Premiere muss es nicht nur geben, weil die Stadt, wie in der Wirklichkeit, Manns erste Station und Rede ist. Die Hessen Film & Medien hat den Film gefördert, die Postproduktion hat zum Teil in Frankfurt stattgefunden.

Warum der Film, der doch nur 80 Minuten kurz ist, eine solch intensive Wirkung entfaltet, führt Zischler auf Pawlikowskis „Mühe und Kunst“ zurück, allein die Choreographie der Statisten für eine der Frankfurt-Szenen sei vier Tage geprobt und gedreht worden. Und er spricht von der ausgeklügelten Bildsprache, die auch Pawlikowskis erfolgreiche Vorgängerfilme wie „Ida“ und „Cold War“ bewiesen hatten: Der Regisseur dreht in Schwarz-Weiß, mit satten, klaren Tönen und Konturen, und er nutzt ein heute kaum mehr gebräuchliches Format, das sogenannte Academy-Bild. Wo heute ein Breitwandformat der Standard ist, etwa 1,85:1, was auf Heim-Bildschirmen 16:9 entspricht, nutzt Pawlikowski 1,37:1, das Format, in dem beinahe alle Hollywoodklassiker gedreht worden sind. Das verleihe den Bildern Höhe, erklärt Zischler: So sei über den Köpfen der Figuren immer noch Raum, was die Stimmung des Films präge. Es bleibt dem Premierenpublikum, sich zu denken, dass die Wirkung auch mit der großen schauspielerischen Leistung der Starbesetzung zu tun hat. Allen voran von Sandra Hüller – und Zischler selbst.